https://www.faz.net/-hrx-9fyet

Das Bild der Moderne

Von STEFAN LOCKE
Gropiushaus in Dessau, Gartenseite, 1926. Foto: Lucia Moholy/ Bauhaus-Archiv Berlin

31.10.2018 · Die Fotografin Lucia Moholy prägte mit ihren Bildern die Sicht auf das Bauhaus.

B etongrau und mit Milchglasfenstern steht das Haus zwischen hohen Kiefern. Drinnen öffnet sich vom Erdgeschoss bis zur Decke ein einziger großer Raum. Nur äußerlich entspricht die Hülle so ziemlich dem Meisterhaus, das einst in Dessau an der damaligen Burgkühnauer Allee stand und nach ihren ersten Bewohnern benannt worden war: dem Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy und seiner Frau Lucia Moholy. Nur zwei Jahre, von 1926 bis 1928, lebte das Paar in Dessau, Tür an Tür mit Lyonel Feininger, der mit seiner zweiten Frau und drei Söhnen die andere Hälfte des Doppelhauses bewohnte, sowie in direkter Nachbarschaft zum Direktorenhaus, in dem Ise und Walter Gropius residierten.

Die originalen Häuser Gropius und Moholy-Nagy gibt es nicht mehr. Bei einem Bombenangriff im März 1945 wurden beide durch einen Volltreffer zerstört. Nur die verstärkte Kellerdecke im Haus Gropius hielt der Wucht des Angriffs stand, sackte jedoch um 15 Zentimeter ab. Nach langem Streit über eine Rekonstruktion wurden nur die Hüllen beider Häuser als eine Art begehbare Plastik aufgebaut.

Im Wohnzimmer: Ise und Walter Gropius in ihrem Meisterhaus in Dessau, 1927. Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

Dass wir dennoch wissen, wie die Häuser aussahen, haben wir vor allem Lucia Moholy zu verdanken. Sie prägte mit ihrer so sachlichen wie detailreichen Fotografie unser Bild vom Bauhaus und seinen Bauten. Denn jeder der Bewohner, der hier zur Miete in den von der Stadt Dessau errichteten Häusern lebte, hatte individuelle und zum Teil sehr eigene Vorstellungen von Farben, Möbeln und Stoffen.

Lucia Moholy dokumentierte jedes Zimmer in ihrem Zuhause, bei Feiningers und bei Kandinskys, zuerst aber im Haus Gropius. Vermutlich hatte der Bauhaus-Direktor sie damit beauftragt. Denn er hielt viel von Moholys Arbeiten, die seine neue Art des Bauens und Lebens in die Welt transportierten. Und so fotografierte sie das Haus vom Dach bis zum Keller, ließ selbst Waschküche und Badezimmer nicht aus und wählte ihre Perspektive dabei stets so, als würde man gerade das Zimmer betreten. Geordnet stehen die Gläser in der Vitrine in Gropius' Esszimmer, in der Küche hängen Kochlöffel und Kellen über dem Herd, nichts liegt herum, alles ist aufgeräumt, beinahe klinisch rein und auf eine Weise perfekt, als sollten Häuser und Interieur für Reklame aufgenommen werden.


„Sie war die erste professionelle Fotografin des Bauhaus“
Wolfgang Thöner, Sammlungsleiter im Bauhaus Dessau

Dagegen jedoch spricht die Art und Weise, wie Moholy fotografierte. Sie arbeitete ausschließlich mit natürlichem Licht, ohne Hilfsmittel wie Blitz und zusätzlichen Blenden oder Lampen. Sie startete mit ihren Aufnahmen bisweilen am frühen Morgen, wenn das Licht weit in die Räume drang, oder sie wartete bis zum Abend, wenn die Sonne abermals tief stand. Wie Produkte fotografierte sie die Häuser und das Interieur. Mit diesem Stil gilt sie als Protagonistin einer neuen Sachlichkeit, eines neuen Sehens mit dem damals noch jungen Medium der Fotografie.

„Lucia Moholy hat konzeptuell fotografiert, sie verwendete stets einen klaren Bildaufbau und eine ruhige Bildsprache“, sagt Wolfgang Thöner, Sammlungsleiter im Bauhaus Dessau. „Es gibt bei ihr keinerlei Bewegungen, Verwischungen oder schnelle Abläufe.“ Ganz im Gegensatz zu den Feininger-Söhnen Andreas und Theodore Lux, die sich beim Fußballspielen oder Fahrradfahren fotografierten und eine Leica nutzten, einen neuen Kameratyp mit praktischem Kleinbildrollfilm.

Selbstporträt aus dem Jahr 1930, Lucia Moholy Foto: VG Bild-Kunst Bonn

Lucia Moholy dagegen arbeitete mit einer Plattenkamera, die sich heute im Bauhaus-Archiv in Berlin befindet. Moholy war 32 Jahre alt, als sie ans Bauhaus nach Dessau kam. Sie hatte dort weder eine Anstellung, noch bekam sie offiziell Aufträge, sondern war Ehefrau und Begleiterin ihres Manns, des Malers, Fotografen und Regisseurs László Moholy-Nagy, der als Lehrer ans Bauhaus berufen worden war. Ihre passive Rolle ist bemerkenswert, denn zuvor hatte sie immer gearbeitet und ihr Leben selbst finanziert.

Porträt ihres Manns: László Moholy-Nagy, 1926 Foto: VG Bild-Kunst Bonn

Dass sie einmal Fotografin werden würde, war nicht abzusehen, als Lucia Schulz 1894 als Tochter eines Anwalts in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Prag zur Welt kam. Sie lernte Klavier, spielte Tennis, zeichnete und schrieb Tagebuch. Das Abitur bestand sie mit Auszeichnung, erreichte die Befähigung zum Lehramt für Deutsch und Englisch, studierte anschließend Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität in Prag.

1915 ging sie, gerade volljährig, nach Deutschland, arbeitete für die „Wiesbadener Zeitung“, wo sie Kunstrezensionen veröffentlichte, zog weiter in die damalige Buch-Hauptstadt Leipzig, wo sie die Geschäftsstelle des Berliner Hyperion-Verlags führte, und kam 1918 nach Berlin, wo sie für den Kurt-Wolff- und den Rowohlt-Verlag arbeitete. Sie verfasste weiterhin Kritiken und schrieb unter dem Pseudonym Ulrich Steffen expressionistische Texte und proletarische Gedichte. Der Revolution in Deutschland schien sie, die in der Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn aufgewachsen war, genauso offen gegenüberzustehen wie neuen Lebensformen; mehrfach besuchte sie den Barkenhoff Heinrich Vogelers in Worpswede. 1920 begegnete sie in Berlin László Moholy-Nagy, der ein Jura-Studium abgebrochen und im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient, seine künstlerische Karriere aber noch vor sich hatte.

Sie heirateten im Jahr darauf, Lucia Moholy wurde ungarische Staatsbürgerin und hielt mit ihrem Berliner Verlags-Job beide über Wasser. Darüber hinaus half sie ihrem Mann, weil sie Deutsch, Tschechisch und Englisch sprach, beim Verfassen seiner Texte. Gemeinsam experimentierten sie mit der Fotografie, für die sich Lucia früh und vor allem technisch begeisterte. So notierte sie im Februar 1915 in ihrem Tagebuch: „Es erwachte in mir ein Interesse für Photographie. Ich bin passive Künstlerin; ich kann Eindrücke aufnehmen und wäre sicherlich fähig, alle von der schönsten Seite aufzunehmen und sie durch angelernte chemische Prozesse durchgehen und dann so erscheinen zu lassen, wie sie auf mich wirken. Ich bin nicht schöpferisch, nicht produktiv aus mir selbst, wohl aber von sehr feiner Aufnahmefähigkeit.“

Lehrer am Bauhaus: Den niederländischen Maler Theo van Doesburg und seine Frau Nelly genannt Pèrro, fotografierte Lucia Moholy im September 1921. Foto: Centre Pompidou-Metz/VG Bild-Kunst

„Ich bin passive Künstlerin; ich kann Eindrücke aufnehmen und wäre sicherlich fähig, alle von der schönsten Seite aufzunehmen und sie durch angelernte chemische Prozesse durchgehen und dann so erscheinen zu lassen, wie sie auf mich wirken.“
LUCIA MOHOLY

1923 zog sie mit ihrem Mann, der einem Ruf ans Bauhaus folgte, nach Weimar, und zwei Jahre später auch nach Dessau, in die Hauptstadt des damaligen Freistaats Anhalt, wohin das Bauhaus aus politischen Gründen ausweichen musste. Lucia Moholys Faible für die technische Seite der Fotografie hatte sich inzwischen herumgesprochen. Studieren konnte man das Fach noch nicht, wohl aber als Handwerk erlernen. Schon in Weimar hatte Moholy deshalb eine Lehre in einem Foto-Atelier absolviert, und von Dessau aus fuhr sie ins nahe Leipzig, belegte Kurse in Reproduktionstechnik an der Hochschule für Graphik und Buchkunst. Ihr Wissen wendete sie direkt an, fotografierte zunächst Entwürfe und Bilder ihres Manns, schließlich die Gebäude von Gropius, darunter das berühmte Bild „Bauhausneubau – Westseite“, das 1926 auf dem Titel der ersten Ausgabe der Zeitschrift „bauhaus“ zu sehen ist und explizit Moholy als Fotografin benennt.

Ein Tee-Extraktkännchen MT 49 von Marianne Brandt, aufgenommen 1924 von der Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy in Dessau. Foto:picture alliance

Gropius gefielen ihre Bilder so gut, dass er sie fortan für sämtliche Bauhaus-Veröffentlichungen nutzte. „Gropius wusste, dass man sein eigenes Werk aktiv präsentieren muss“, sagt Wolfgang Thöner. Moholys umfangreiche Dokumentationen der Dessauer Bauten wie auch vieler Produkte aus den Werkstätten – das Tee-Kännchen von Marianne Brandt, die Wagenfeld-Lampe oder Marcel Breuers Stahlrohrstuhl – gingen um die Welt. „Sie war die erste professionelle Fotografin des Bauhaus“, sagt Thöner.

Darüber hinaus half sie ihrem Mann, seine künstlerischen Ideen technisch umzusetzen; sie experimentierte mit der Fotografie auf vielfältige Weise, erst recht, als sie im Keller ihres Hauses ein Fotolabor mit Dunkelkammer einrichtete, in der die beiden mit Licht direkt auf Fotopapier „malten“ und sogenannte Fotogramme schufen.

Lucia Moholy sei „eine Begleiterin von hoher Sachkompetenz und nicht spezifischem Wissen“ gewesen, urteilt der Fotografie-Historiker Rolf Sachsse, der großen Anteil daran hat, dass Lucia Moholy nicht in Vergessenheit geriet. Sie habe den Prozess über das Produkt gestellt, Entstehungszusammenhänge seien ihr wichtiger gewesen als das Resultat, sie habe aber Technik über den praktischen Gebrauch hinaus ästhetisch genutzt, während diese für ihren Mann nur Mittel zum Zweck gewesen sei. Ihre Arbeiten seien „bis zur Kunstlosigkeit sachlich“, ihre Fotografien nähmen sich selbst gegenüber dem Gegenstand so weit wie möglich zurück, was ihrem als klug und sehr zurückhaltend beschriebenen Naturell entsprach.

Bauhaus Stilleben: Entwürfe von Otto Lindig, Theodor Boglet, Marguerite Friedlaender Foto: VG Bild-Kunst Bonn

Die Kunst- und Designhistorikerin Anja Baumhoff glaubt, dass sich Moholy nicht als Künstlerin, sondern als Handwerkerin sah: „Während László Moholy-Nagy seine fotografische Arbeit ganz selbstverständlich als 'Lichtgestaltung' definierte und sie damit der Kunst zuordnete, lehnte sie einen künstlerischen Anspruch ihrer Aufnahmen ab.“

1927 geriet Moholy in eine berufliche Krise, die mutmaßlich auch damit zu tun hatte, dass ihre Arbeit am Bauhaus kaum vergütet wurde und sie wenig Anerkennung bekam. „Lebensfreude nimmt mit jedem Tag ab. Arbeitsleistung lässt nach“, notierte sie im Tagebuch. „Dessau ist wie ein Ort, in dem man – auf der Reise – den Anschluß versäumt hat und auf den nächsten Zug warten muß. Nichts weiter als ein Warten auf den nächsten Zug. Man wäre in dieser Stadt auch nie ausgestiegen.“

1928 ging das Paar zurück nach Berlin. Sie wurde Dozentin für Fotografie an der privaten Kunstschule des einstigen Bauhaus-Lehrers Johannes Itten und verdiente wieder eigenes Geld, während in Dessau Walter Peterhans berufen wurde, um die neue Werkstatt für Fotografie einzurichten.


„Während László Moholy-Nagy seine fotografische Arbeit ganz selbstverständlich als 'Lichtgestaltung' definierte und sie damit der Kunst zuordnete, lehnte sie einen künstlerischen Anspruch ihrer Aufnahmen ab.“
Rolf Sachsse, Fotografie-Historiker

Das Ehepaar trennte sich 1929. Lucia Moholy zog mit Theodor Neubauer zusammen, einem KPD-Reichstagsabgeordneten und verheirateten Familienvater. In Berlin widmete sie sich bald der Porträtfotografie, mit der gleichen nüchternen Sachlichkeit, die am Bauhaus ihr Markenzeichen war. „Ich habe Menschen fotografiert wie Häuser.“ Sie verzichtete auf künstliches Licht, fotografierte spontan. „Eines waren ihre Portraits nie: von der Photographin initiierte, psychologisch einfühlsame Studien auf der Basis langer Gespräche – genau das lag ihr fern“, schreibt Sachsse. Eines ihrer eindrucksvollsten Porträts machte sie von der Alterspräsidentin des Reichstags, Clara Zetkin.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Deutschland auch für Lucia Moholy gefährlich. Im Sommer 1933 verhaftete die Gestapo Theodor Neubauer – ihre große Liebe, die sie nie wieder sehen sollte. Moholy musste aufgrund ihres jüdischen Glaubens damit rechnen, ebenfalls verfolgt zu werden. Noch im gleichen Jahr emigrierte sie über Prag, Wien und Paris nach Großbritannien, arbeitete in London als Dozentin für Fotografie und baute sich zusätzlich mit Porträts und Texten zur Fotografie eine neue Existenz auf. Ihr Archiv jedoch blieb in Berlin zurück, Teile davon gelangten später zu Walter Gropius, der nach dem Krieg Abzüge daraus verkaufte, ohne ihren Namen zu nennen. Als das in den fünfziger Jahren aufflog, klagte Moholy und bekam einen Teil ihrer Negative zurück.


„Ich habe Menschen fotografiert wie Häuser.“
LUCIA MOHOLY

Noch während des Krieges übernahm sie, inzwischen britische Staatsbürgerin, in London die Leitung des kulturell und militärisch wichtigen Mikrofilmservices. Später arbeitete sie im Auftrag der Unesco als Verfilmungsbeauftragte für die Bibliotheken der Länder des Nahen und Mittleren Ostens. 1958 kehrte sie noch einmal nach Berlin zurück, zog aber ein Jahr später in die Schweiz und ließ sich in Zollikon im Kanton Zürich nieder.

Von hier aus schrieb sie für Kunstzeitschriften und kommentierte bis ins hohe Alter kritisch die Wiederentdeckung des Bauhaus – was für ihre eigene Wiederentdeckung als Bauhaus-Fotografin eher hinderlich war, wie der Historiker Rolf Sachsse sagt. Und doch blieb Lucia Moholy der Idee bis zum Schluss tief verbunden. Eine der letzten Aufnahmen von ihr zeigt sie im Alter von 90 Jahren, vor einem Bücherregal in ihrem Haus in Zollikon sitzend, mit stolzem Lächeln. In ihren Händen hält sie eine ihrer Fotografien des neu errichteten Bauhaus-Gebäudes in Dessau.

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 31.10.2018 09:34 Uhr