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Haute Couture Paris : Im Gemüsegarten blüht die Mode

Maria Grazia Chiuri ließ sich für die Plakate ihrer Dior-Show von der amerikanischen Künstlerin Judy Chicago anregen. Bild: AP

Noch vor 20 Jahren wurde die Haute Couture totgesagt. Heute ist sie wieder da – auch dank der Designerinnen bei Chanel, Dior und van Herpen. Denn ihre Mode ist nicht abgehoben, sondern tragbar.

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          Solche Gemüsegärten sieht man in Paris selten. Im Grand Palais wachsen außer hohen Gräsern und wilden Blumen auch Kohl und Tomaten. Will die Marke Chanel, die hier die Haute-Couture-Mode über die Pflastersteine gehen lässt, zurück zur Natur? Nein, hier geht es nicht um ein Selbstversorgerparadies, von dem gestresste Pariser fast so sehr träumen wie Berliner von der Uckermark. Hier geht’s um die Mode, und die ist ein selbstreferentielles System.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Virginie Viard, die am 19. Februar 2019, nicht einmal drei Stunden nach Karl Lagerfelds Tod, als seine Nachfolgerin bei Chanel eingesetzt wurde, bezieht sich auf – Chanel. Und zwar auf Coco Chanel, die nach dem Tod ihrer Mutter seit 1895 im Waisenhaus von Aubazines im Département Corrèze lebte. In dem Nonnenkloster nahm die ehrgeizige Jugendliche alles auf: Sie lernte nähen und ließ sich durch die strengen Linien des romanischen Stils zu einer Mode anregen, in der Form und Funktion glücklich zusammenfanden.

          Wie im Konvent: Chanel setzte auf schwarz und weiß.

          An die Wurzeln geht Virginie Viard also gleich im doppelten Sinn. Ihre Kollektion für Frühjahr und Sommer wirkt so zurückgenommen und schlicht wie die Originalversion der Marke, die Lagerfeld tausendfach variiert hatte. Nun sind die Haare der Models einfach zurückgekämmt, sie tragen keine Perücken, keine Taschen, keinen Schmuck, nur die Kleider, streng, wadenlang, unifarben. Schöne Mode wie aus dem Konvent – nur muss sie aufpassen, dass sie nicht konventionell wird.

          Designerinnen verstehen die Kundinnen besser

          Die größte Revolution der Haute Couture, die Verweiblichung, macht die maßgeschneiderte und handgefertigte Mode tragbarer. Designerinnen verstehen die Kundinnen besser als die alten weißen Männer, die sich langsam zurückziehen. Aber noch ist nicht ausgemacht, ob sie eine Marke so prägen können, dass sie gedeiht wie der Grünkohl im Gemüsegarten. Iris van Herpen schafft das, weil sie mit Lasercut- und Textilklebeverfahren, mit Stoffen wie Glasorganza und optischen Effekten wie Perlglaslacken einzigartige Körperkunstwerke erschafft und die Haute Couture in eine dritte Dimension führt. Hoffentlich hilft diese Markenbildung beim Verkauf ihrer normalen Kleider.

          Stoffe wie Glasorganza bei Iris van Herpen

          Ein altes Haus mit Leben zu erfüllen ist eine ganz andere Kunst. Maria Grazia Chiuri hat es für Dior bislang schon deshalb geschafft, weil sie als erste Frau auf Christian Diors Posten der Mode ein feministisches Programm gegeben hat. Aber wie weit trägt das? Schließlich ist Dior neben Chanel der zweite Höhepunkt der kurzen Couture-Woche. Die griechischen Göttinnen der italienischen Modemacherin sind für amerikanische Milliardärsfrauen und russische Oligarchentöchter reizvolle Rollenmodelle. Aber stark kann man den Dior-Auftritt schon deshalb nicht nennen, weil es an Variantenreichtum fehlt, weil die Kleider nicht gerade jung wirken und weil Bronze- und Brauntöne bestimmt keine Lust aufs Frühjahr machen.

          What if Women Ruled the World?

          Maria Grazia Chiuri hatte sich in ihrem feministischen Gesamtkonzept dieses Mal von der 80 Jahre alten amerikanischen Künstlerin Judy Chicago anregen lassen, die nicht weit entfernt von Uma Thurman in der ersten Reihe saß. Auf große Stoffbanner hatte sie Fragen gestickt: „What if Women Ruled the World?“ – „Would God Be Female?“ – „Would Men and Women Be Equal?“ Unklar bleibt aber der Bezug zur Mode: Dienen Göttinnenkleider der Emanzipation? Oder verfestigen sie womöglich ein überholtes Frauenbild? So spannend der Versuch, der Oberfläche durch gesellschaftliche Themen einen tieferen Sinn zu geben – so fadenscheinig ist er im kapitalistischen Verwertungszusammenhang, in dem der schöne Schein nicht der Verbesserung der Menschen dient – sondern dem Geschäft, erst recht im LVMH-Konzern, zu dem Dior gehört.

          Schau ohne Models auf dem Laufsteg bei Giambattista Valli

          Insofern ist es ehrlich, die Oberfläche als solche zu feiern. Giambattista Valli, ebenfalls aus Rom, bemüht für seine eigene Marke keine höheren oder tieferen Werte. Auf seinem Moodboard, das die Stimmung seiner Kollektion darstellt, kleben Fotos aus den fünfziger und sechziger Jahren: italienische Gärten, Frauen, Häfen, Städte, Kleider. Seine Referenzen: Positano, Ravello, Sorrent. Als er die Kollektion zu zeichnen begann, hatte er den Duft von Zitronenbäumen und Bougainvillea in der Nase und spürte geradezu eine frische Brise vom Meer. Ja, solche Modegeschichten gibt es noch: Sie klingen nach dolce vita, entsprechen also der Lebenswirklichkeit vieler Frauen, die sich maßgeschneiderte Kleider für mehr als 20.000 Euro gut und gerne leisten können.

          Etwas allein besitzen

          Die Gründe für den Erfolg der Haute Couture, die noch vor 20 Jahren totgesagt wurde, spürt Giambattista Valli bei seinen Kundinnen: „Es gibt ein starkes Bedürfnis nach etwas Besonderem“, sagt er, „nach etwas, das sie selbst entdecken können, das sie ganz für sich allein besitzen.“ Damit spielt er darauf an, dass jedes Kleid in der Regel höchstens einmal in ein Land verkauft wird, so dass es in der Oper in Dallas oder im Theater in Moskau nicht zu peinlichen Begegnungen zweier Frauen im gleichen Kleid kommt. Durch die limitierte Produktion sind also die Trends zu Individualisierung und Globalisierung versöhnt: Im einzigartigen Kleid ist auch die Trägerin in ihrer Welt einzigartig.

          Designerinnen werden schon deshalb Erfolg haben in der Hohen Schneiderkunst, weil die Männer abdanken. Karl Lagerfeld ist gestorben, John Galliano hat sich selbst ins Abseits manövriert, Christian Lacroix ist geschäftlich gescheitert – und jetzt hört auch noch Jean Paul Gaultier auf. Das Defilee zu seinem 50. Mode-Jubiläum am Mittwochabend war die letzte Schau. Das Wunderkind von 67 Jahren hielt lange durch, um mit der Couture-Mode seine Marke im Gespräch zu halten und weiter Parfums zu verkaufen. Die Düfte sind aber ohnehin erfolgreich, daher hört er mit dem Verlustbringer Couture auf – kündigt aber sicherheitshalber an, mit einem neuen Konzept zurückzukommen, das dann wohl kleiner ausfällt.

          Die Straßenmode jedenfalls macht der Couture nicht das Leben schwer. Ausgerechnet Demna Gvasalia, der mit Vetements die gesamte Szene auf links drehte, beginnt nun mit Couture. Bei Vetements hat er im Herbst aufgehört, daher hat er nun bei Balenciaga, wo er auch schon seit fünf Jahren arbeitet, genug Zeit und Energie. „Wenn alle Sneaker tragen, tragen viele auch wieder Kleider“, sagte er dem „Figaro“ und kündigte die erste Kollektion für die Couture-Woche im Juli an. „Es gibt den Wunsch nach außerordentlichen Stücken.“ Der hemdsärmelige Designer hat offenbar keine Angst, dem Namen Cristóbal Balenciaga zu schaden, der als einer der großen Couturiers die Fünfziger zu einer Zeit schlichter Eleganz machte. So einfach kann das sein: Demna Gvasalia setzte sich in den Weihnachtsferien zwei Tage lang an die Nähmaschine und experimentierte herum. Seit der Modeschule hatte er das nicht mehr gemacht. Es ist nie zu spät!

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