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Vergessene Bauhaus-Leuchte : Ans Licht gebracht

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Bauhaus-Leuchte: In Fritz Langs Film „M“ ist die Typ 113 von Midgard beim Verhör des Einbrechers Franz (Friedrich Gnaß) durch Kommissar Groeber (Theodor Loos) zu sehen. Bild: Vereinigte Star-Film/Screenshot Thomas Edelmann

Eine der bekanntesten Leuchten der Bauhaus-Zeit ist nach dem Krieg in Vergessenheit geraten. Nun haben Joke Rasch und David Einsiedler die Typ 113 von Curt Fischer neu aufgelegt.

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          Das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Das Meisterhaus von Walter Gropius. Der Lesesaal der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bernau. Eine von Marcel Breuer eingerichtete Wohnung in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. László Moholy-Nagys Direktorenzimmer am New Bauhaus in Chicago. Das Kinderzimmer von Gropius' Tochter Ati in Massachusetts. Die Liste der prominenten Bauhaus-Orte, an denen die Typ 113 von Midgard einst Licht spendete, ließe sich noch fortsetzen.

          Und doch wurde die verstellbare Leuchte mit dem geschwungenen Arm - „Peitschenleuchte“ genannt – nahezu vergessen. Und mit ihr Curt Fischer, der geniale Ingenieur, Unternehmer und Erfinder des lenkbaren Lichts. Fischer meldete 1919 eine verstellbare Leuchte mit Scherenarm zum Patent an. Er hatte sich über die wenig praktikable Beleuchtung in seiner Maschinenfabrik geärgert. Drei Jahre später gründete er die Marke Midgard, die Typ 113 brachte er kurz darauf heraus. Briefe belegen, dass Fischer im Austausch stand mit Bauhaus-Gründer Gropius, einem Fan der 113.

          Hohe Preise auf dem Vintagemarkt

          Als Bauhaus-Leuchte schlechthin gilt allerdings die Tischleuchte von Wilhelm Wagenfeld und Carl Jacob Jucker mit dem halbkugeligen Glasschirm. Die Typ 113 dagegen, obwohl auf vielen zeitgenössischen Fotografien und sogar in Filmen wie Fritz Langs „M“ von 1931 prominent im Bild, spielte über Jahrzehnte in der Geschichtsschreibung der Moderne keine Rolle. Sie wurde übersehen. Dabei ist von Marianne Brandt, der Leiterin der Metallwerkstatt am Bauhaus und Entwerferin einer eigenen Leuchte, großes Lob für sie überliefert: „Beneidet haben wir später die Erfinder des Armes der 'Midgard'-Leuchte. Unsere Lampe war ja auch verstellbar, aber eben nicht so elegant.“

          Allenfalls ein gut informierter Kreis von Sammlern schätzte die Midgard-Modelle wegen ihrer Flexibilität und ihres Industriecharmes schon länger. Entsprechend hoch sind die Preise auf dem Vintagemarkt. Nun ist die Typ 113 zurück, zum 100. Jahrestag der Fischer-Erfindung und der Bauhaus-Gründung. Vorerst ist sie limitiert auf 100 Stück, später soll sie wieder in Serie gehen.

          Es gibt natürlich einen Grund, warum die Leuchten in Vergessenheit gerieten. Midgard war eine Marke des Unternehmens Industriewerk Auma Ronneberger & Fischer mit Sitz in Auma in Thüringen, zunächst geführt von Curt Fischer, nach seinem Tod 1956 von Sohn Wolfgang.

          Joke Rasch und David Einsiedler haben die Leuchte originalgetreu wieder auf den Markt gebracht.

          Mit der Gründung der DDR und später der Verstaatlichung verschwand Midgard von der Bildfläche, während im Zuge des Bauhaus-Revivals in Westeuropa und den Vereinigten Staaten von den Sechzigern an zahlreiche Produkte aus der Zeit wiederentdeckt wurden, auch die Wagenfeld-Leuchte. An vielen westdeutschen Schreibtischen klemmten Federzugleuchten aus Auma, weil die Thüringer im großen Stil für Ikea produzierten. Das war aber kaum jemandem bewusst. Nach der Wende bekam die Familie die Firma zurück und konnte alte Modelle neu auflegen. Doch sie konnte nicht am Markt Fuß fassen.

          Originalgetreu

          2015 folgte der Neustart: Die Hamburger Designunternehmer Joke Rasch und David Einsiedler übernahmen von der Familie die Marke, die Rechte an den Modellen, die originalen Werkzeuge und das umfangreiche Archiv. Sie bauten die Produktion in Hamburg neu auf, alles komplett „Made in Germany“. Als erstes legten sie 2017 die „Maschinenleuchte“ wieder auf, dann die Federzug-leuchte. Außerdem im Programm: die Pendelleuchte K831, ursprünglich von Kandem produziert.

          Mit der Lieblingsleuchte der Bauhäusler schließen sie die Aufarbeitung des Erbes einstweilen ab, auch wenn im Archiv mit rund 2000 Originalzeichnungen noch Entdeckungen warten, wie Einsiedler sagt. Die Typ 113 hätten sie bewusst nicht als erste Leuchte in Produktion genommen. Mit ihren teils aufwendig herzustellenden vielen Einzelteilen sei sie eine Herausforderung. "Wir wollten erst mehr Erfahrung im Leuchtenbau sammeln." Auch die Suche nach Zulieferern, die in kleiner Stückzahl und in Handarbeit fertigen, gestaltete sich nicht immer leicht.

          Rasch und Einsiedler wollten so nah wie möglich an der damaligen Ausführung bleiben. Ein Original diente als Vorbild und Kontrollinstanz. Heute kommt der Porzellanisolator am Leuchtenkopf von Kober, einem Spezialisten für technische Porzellane. Und den grazil geschwungenen Arm, der schon Marianne Brandt begeisterte, biegt der Stahlrohrmöbel-Experte Thonet traditionell per Hand über einem hölzernen Werkzeug. So viel Hingabe hat ihren Preis: Die Typ 113 kostet rund 2800 Euro und damit weit mehr als die anderen Modelle.

          Die Zukunft des Lichts

          Einsiedler gibt zu, dass da viel Liebhaberei dabei ist. „Bei Midgard geht es um das Gleichgewicht zwischen kommerziellen und kulturhistorischen Interessen.“ Natürlich brauchen sie Serien wie die K831 oder die Modular, mit denen sie Geld verdienen können. „Doch wir wollen auch die Geschichte der Marke spielen.“ Das meinen sie sehr ernst: Für die auf 100 Stück limitierte Edition verwenden sie bislang unbenutzte originale Fassungen aus den dreißiger Jahren. Die Bakelit-Drehschalterfassungen fanden sie im Lager von Midgard in Auma.

          Joke Rasch und David Einsiedler arbeiten weiter daran, die Firmengeschichte von Midgard zu erzählen – mit Hilfe des Hamburger Designjournalisten Thomas Edelmann, der bei seinen Recherchen viele neue Erkenntnisse gewonnen hat.

          Daraus entstand schon eine Ausstellung über die Geschichte des lenkbaren Lichts, die in Köln und New York zu sehen war. Ein Buch ist ebenfalls in Planung. Zugleich schaut Midgard aber auch nach vorne, in die Zukunft des Lichts: Nächstes Jahr wollen sie zusammen mit dem Münchner Industriedesigner Stefan Diez ihre erste neu entwickelte Leuchte vorstellen.

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