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Bauhaus-Stil-Lampe : Hier kommt das Eckige aus dem Runden

Mathias Schifferdecker mit seiner CL1: Auf einem Edelstahlsockel liegen LEDs, deren Licht sich durch die Glaswürfel bricht. Bild: Frank Röth

Nur mit einem Stofftuch fasst Mathias Schifferdecker seine Cube Lamp 1 an: Weil Fingerabdrücke und Staub ihr Feind sind, wollte sich kein Vertriebspartner der ausgefallenen Kubuslampe annehmen. Nun wird sie im New Yorker Museum of Modern Arts verkauft.

          Diese Lampe ist eine Kopfgeburt. Nicht nur die flüchtige Grundidee, sondern die ganze Leuchte. Denn wenn sich Mathias Schifferdecker an einen neuen Entwurf macht, dann konstruiert er alles bis ins kleinste Gewinde im Kopf vor, wie er sagt. „In Designteams wird ständig probiert und optimiert. Ein Entwurf geht durch zahlreiche Schleifen. Das habe ich nicht, ich muss alles mit mir selbst ausmachen.“ Wenn im Kopf alles stimmt und so funktionieren könnte, wie er es sich vorstellt - erst dann macht er sich an eine Werkzeichnung, sucht kleine Werkstätten, die ihm die Einzelteile für einen Prototypen fertigen, und schraubt sie zu Hause erst einmal selbst zusammen. Und so kommt am Ende also auch bei seiner Cube Lamp 1 das Eckige irgendwie ganz aus dem Runden.

          Die Cube Lamp 1 oder kurz CL1 bleibt ihrem Namen dabei treu. Auf dem quadratischen Edelstahlsockel liegen in einer Matrix angeordnete LEDs, deren dimmbares Licht sich von unten durch insgesamt 18 transparente und farbige Glaswürfel bricht. Die Würfel können frei und nach Belieben angeordnet werden. Turmbau ist genauso möglich wie der streng formale Quader, der die Grundform der CL1 bildet. In ihr bringt das Licht die präzise Struktur der Glaswürfel zum Vorschein. Jede Würfelkante ist von Hand in einem exakten Winkel von 45 Grad geschliffen. Scheint das Licht hindurch, wirkt es, als durchzöge die Lampe eine filigrane Gitterstruktur.

          Bis Mathias Schifferdecker einen solchen Würfel vorweisen konnte, war es allerdings ein mühsamer Weg - insbesondere bei den farbigen Glaskuben. „Es gibt nur einen Hersteller, der fünf Zentimeter dickes Glas gleichmäßig durchfärben kann - alle anderen haben abgesagt.“ Wer der fähige Glasmeister ist, will er nicht verraten. Es gibt nur eine vage geographische Angabe: „Sehr weit im Osten.“ Fast anderthalb Jahre experimentierten sie mit den Farben. In fein abgestimmtem Verhältnis finden beispielsweise in das Rot sowohl Kupfer als auch Goldstaub. Das alles sei immer noch Handarbeit.

          Aufgewachsen mit den Bauhausdesigns der Moderne

          Dass die CL1 in dieser kompakten Form und mit je einem Würfel in Grün und den satten Nuancen der drei Grundfarben eher nach Weimar als nach Königstein im Taunus aussieht, wo Schifferdecker lebt, ist kein Zufall. Schifferdecker ist mit dem Design des Bauhaus und der Moderne aufgewachsen. Seine Eltern betrieben ein Einrichtungsgeschäft für modernes Mobiliar. Auch heute findet sich in seinem Wohnzimmer mehr gebogenes Stahlrohr als verschnörkelter Jugendstil. In Tecnolumen konnte er einen erfahrenen Vertriebspartner für seine Leuchte gewinnen, die Bremer führen in ihrem Portfolio auch die Wagenfeld-Lampe. Als dann 2018 das New Yorker Museum of Modern Art die CL1 in eine Ausstellung und den Museumsshop aufgenommen hat, empfand Schifferdecker das als Ritterschlag. Innerhalb von zwei Wochen war die Leuchte für etwa 690 Euro ausverkauft, inzwischen ist sie im MoMA zum Bestseller avanciert.

          Für einen Designer ist so etwas ein Glücksgriff. Für Schifferdecker ist es umso beachtlicher, denn ein Designer ist er eigentlich gar nicht. Nie habe er Gestaltung oder Architektur studiert. Dafür sei er immer ein „Fischertechnik-Kind“ gewesen. Bis heute tüftelt er in seiner Freizeit an Leuchten, die CL1 ist nicht die einzige. Vor dieser Lampe hatte er noch keinen Namen in der Branche, Vertriebspartner zu finden war schwierig. Oft hörte er, die Leuchte sei unpraktisch und das Glas zu empfindlich. Letzteres ist nicht ganz falsch, denn wenn Schifferdecker seine Lampe präsentiert, tut er das mit weißen Stoffhandschuhen. Fingerabdrücke und Staub sind ihr Feind.

          Nachdem er sich die ersten Absagen geholt hatte, klopfte er einfach direkt in Dessau an die Tür und sprach bei Wolfgang Thöner vor, dem Leiter der Sammlung im Bauhaus-Museum. Der wiederum schickte ihn zu Tecnolumen, 2013 ging die CL1 dort in Produktion.

          Eigentlich verdient Schifferdecker sein Geld als Ingenieur in der Automobilbranche. Für einen Hersteller im oberen Preissegment arbeitet er an dessen Elektromobilität, entwickelt Antriebs- und Ladetechniken. Neben der finanziellen Unabhängigkeit bringe diese Arbeit einen weiteren Vorteil mit sich: Jedes Jahr legt Schifferdecker rund 80.000 Kilometer im Auto zurück. Genau dann kommen ihm die Ideen, dann beginne die Konstruktionsarbeit im Kopf, sagt er.

          Die Geburtsstunde der CL1 war allerdings etwas erhabener als grauer Asphalt und die Langeweile einer deutschen Autobahn. Als Schifferdecker den Kölner Dom besuchte, sah er dort das erste Mal das von Gerhard Richter gestaltete Kirchenfenster im Südhaus. Der Künstler setzte, genau wie Schifferdecker später, auf einen offenbar zeitlosen Anblick: darauf, wie sich Licht durch farbige Quadrate bricht.

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