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Design und Stereotype : „Connie ist der Mann, und ich bin die Frau – und dann wieder andersrum“

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„Einfach zwei Menschen“: Connie Hüsser (links) und Jörg Boner, hier in seinem Zürcher Studio, sind seit mehr als 20 Jahren befreundet. Erst kürzlich haben die beiden erstmals zusammengearbeitet. Bild: Philipp von Ditfurth

Stylistin trifft Designer: Connie Hüsser und Jörg Boner prägen schon lange die Designszene. Im Interview sprechen sie über Genderklischees im Design, Präzision, Selbstvertrauen und ihr gemeinsames Traumprojekt.

          6 Min.

          Connie Hüsser und Jörg Boner prägen seit zwei Jahrzehnten die Designszene, in der Schweiz und darüber hinaus. Hüsser als Stylistin, Raumgestalterin und Redakteurin der Zeitschrift „Annabelle“, Boner als Designer, Dozent und Präsident der Eidgenössischen Designkommission, die jährlich die Swiss Design Awards vergibt. Während Hüsser in ihren Collagen und Szenografien angstfrei Formen, Farben und Ästhetiken aufeinanderprallen lässt, wirken Boners Produkte ruhig und ausgewogen. Auch wenn die beiden eine jahrelange Freundschaft verbindet, haben sie erst kürzlich zum ersten Mal zusammengearbeitet. Unter Hüssers Label „Objects with Love“ stellten sie für eine Ausstellung eine Sammlung von Kerzenständern zusammen. Zum Videointerview haben sie sich in Boners Zürcher Atelier getroffen.

          Frau Hüsser, Herr Boner, Sie übererfüllen als kreatives Duo alle Genderklischees: Die Frau ist Stylistin,intuitiv, emotional, arrangiert bunte Objekte und richtet Räume schön ein; der Mann ist Designer, entwirft Serienprodukte für die Industrie, klar und reduziert. Eine eindeutige Rollenverteilung – oder ist es in Wahrheit ganz anders?

          Jörg Boner: Connie ist der Mann, und ich bin die Frau – und dann wieder andersrum. Aber wir sind ja erst mal Menschen. Ich habe diesbezüglich eine sehr tolerante und offene Sicht von meinem Zuhause mitbekommen.

          Connie Hüsser: Es ist genau so, wie Sie es beschrieben haben – aber eben auch ganz anders. Ich denke nicht so in den Frau-Mann- Schubladen. Wir sind zuerst Menschen, mit Stärken und Schwächen. Dieses Klischee vom Mann, der rational, klar und reduziert ist, passt so gar nicht zu Jörg. Er ist ein emotionaler, weicher und feinsinniger Mensch für mich.

          Jörg Boner: Was ist denn genau Industriedesign? Ist mit Industriedesign etwa gemeint, dass von einem Produkt mehr als 100 Stück jährlich hergestellt werden? Klar, wir zeichnen Straßenleuchten für Ewo. Aber auch, wenn ich die entwerfe, stehen Hunderte der schönsten Bücher zu Kunst, Architektur, Fotografie und Geschichte hinter mir im Regal. Alles, was wir tun, tun wir in einem kulturellen Kontext. Ob es ein kleines Einzelstück ist oder etwas mit einer höheren Auflage. Connie und ich wirken nach außen ganz unterschiedlich, 180 Grad entgegengesetzt. Aber inhaltlich sind wir uns ziemlich nahe, deswegen können wir so gut miteinander. Da ist viel Vertrauen und eine große langjährige Freundschaft.

          Connie Hüsser: Also ich kann auch der Mann sein in unserer Beziehung.

          Jörg Boner: Dass man diese Genderfrage von außen stellt, verstehe ich. Wenn ich von innen schaue, sind wir einfach zwei Menschen, die sich gut verstehen. Nicht dass uns das alles nicht interessieren würde. Aber wenn wir zusammenarbeiten, ist das kein Thema.

          Wie haben Sie sich kennengelernt?

          Connie Hüsser: Das weiß ich gar nicht mehr so genau.

          Jörg Boner: Ich weiß es noch ganz genau. Ich war an einem Samstagmorgen in meinem Atelier, in einer Zeit, als ich noch keine Aufträge hatte. Da hat Connie angerufen als Redakteurin der Zeitschrift „Annabelle“ und hat gesagt, ihr habt doch so einen Leuchtstuhl gemacht. Könnte ich den abdrucken?

          Connie Hüsser: Stimmt! Ich habe den ersten Schritt gemacht! Typisch Mann.

          Jörg Boner: So haben wir uns kennengelernt.

          Connie Hüsser: Das ist lange her. 2000? Wahnsinn, dann kennen wir uns schon 22 Jahre.

          Was für ein Stuhl war das?

          Jörg Boner: Ein Stuhl namens POF 1, „piece of furniture 1“, den habe ich mit der Designergruppe N2 für einen Wettbewerb entworfen. Es ging darum, etwas mit dem Stuhl Classic des Schweizer Herstellers Horgenglarus zu machen. Der Ausgangspunkt war, dass ein Stuhl im Schlafzimmer oft als Ablage für Kleider genutzt wird. Da wäre es doch gut, er würde ein bisschen Licht geben. Wir haben in die Sitzfläche eine Leuchte eingebaut, so wurde der Stuhl zu Nachttischleuchte und Kleiderständer, und er ist traurig, dass er nie ein Stuhl sein darf.

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