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Chanel nach Lagerfeld : Eine Durchsage aus dem Jenseits

Traurig-schöner Gruß nach oben: Schwarzes langes Kleid mit weißem Vatermörder-Kragen Bild: AFP

Virginie Viard, die Nachfolgerin von Karl Lagerfeld, zeigt ihre erste eigene Kollektion für Chanel. Das Szenenbild hatte der Designer noch erfunden, bevor er am 19. Februar starb. Wie kam er nur darauf?

          Die Reise geht nach Antibes und Saint-Tropez, nach Rom und nach – Byzanz. Die Schilder am Bahnsteig A zeigen die Richtung an. Und manche Züge müssen offenbar sehr weit fahren, in Richtung einer Vergangenheit, in der es noch gar keine Züge gab. Byzanz? Wenn Karl Lagerfeld Mode entwarf, dann schlug er einen Bogen über Stile, Epochen und Kulturen hinweg. Da kam ihm die Weltstadt am Bosporus gerade recht, die irgendwann zu Konstantinopel wurde und schließlich zu Istanbul.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Zielorte auf den Schildern im Grand Palais in Paris sind natürlich pure Einbildung. Und sie sind das wohl letzte von Karl Lagerfeld erdachte Werk, das auf einem Laufsteg präsentiert wird. Denn das Szenenbild für die „Cruise“-Mode, eine große Zwischenkollektion, hatte der Designer noch erfunden, bevor er am 19. Februar starb. Die Entwürfe wiederum, die am Freitagmittag hier über den Bahnsteig gehen, stammen von seiner Nachfolgerin Virginie Viard.

          Wie kam er nur darauf? Bahnhöfe sind „lieux de passage“, wie Chanel in Anspielung auf die „rites de passage“ schreibt. Die Übergangsriten, die der französische Ethnologe Arnold van Gennep 1909 beschrieb, sind biographische Wandlungen, die natürlich häufig an Bahnhöfen ihren Ort haben, wenn man ankommt oder Abschied nimmt. Historische Ironie: Just in jenem Jahr 1909 verliebte sich Coco Chanel an einem Bahnhof in den englischen Lebemann Boy Capel. Und Karl Lagerfeld erinnert im Pressetext – als wäre es eine Durchsage aus dem Jenseits – an den 28. August 1952, als der Achtzehnjährige aus Hamburg am Gare du Nord ankam, auch das ein Übergang, der von fiebriger Nervosität gekennzeichnet war: „Ich war gekommen, um zwei Jahre aufs Gymnasium zu gehen. Aber mein Aufenthalt in Paris hat sich etwas verlängert.“ Genaugenommen, das wird die erste Kollektion der neuen Designerin gleich zeigen, hat er den Aufenthalt noch über seinen Tod hinaus verlängert.

          Schilder im Grand Palais: das wohl letzte von Karl Lagerfeld erdachte Werk, das auf einem Laufsteg präsentiert wird

          Als ob Lagerfeld das schon geahnt hätte, geht es auch mit dieser Mode, die im Spätherbst in die Läden kommt, um einen Übergangsritus – zu der neuen Designerin, die in gewisser Weise die alte Designerin ist. Denn hinter diesem starken Mann stand eine starke Frau. Lagerfeld hätte bei Chanel weit weniger bewirkt, wenn Virginie Viard den Laden nicht am Laufen gehalten hätte. Der Modeschöpfer kam nicht so oft in die Zentrale an der Rue Cambon, wie man es bei einem Chefdesigner vielleicht erwarten könnte. Er arbeitete schließlich auch für Fendi und für „Karl Lagerfeld“, zeitweise auch für Chloé und weitere Marken, war mit Werbejobs, Fotoarbeiten, Verlegertätigkeiten beschäftigt – und blieb den Morgen über ohnehin meist zu Hause, um zu lesen und zu zeichnen.

          Virginie Viard war es, die seine Zeichnungen mit den Ateliers zum Leben erweckte. „Sie ist meine rechte und meine linke Hand“, sagte der Modeschöpfer einmal über seine Atelier-Chefin; überhaupt war er seinen Mitarbeitern sehr treu, sofern sie nicht selbst allzu hell glänzen wollten in seinem Licht. Bei Virginie Viard, die 1962 in Dijon als eines von fünf Kindern eines Chirurgen-Paars geboren wurde, beruhte das Vertrauen schon darauf, dass ein Kammerherr des Fürsten Rainier von Monaco, eines Freundes des Modeschöpfers, ihm die junge Frau als Praktikantin empfohlen hatte. Viard studierte an der Modeschule „Cours Georges“ in Lyon – in der Seidenweberstadt hatten ihre Großeltern mütterlicherseits schon Seidenstoffe hergestellt. Nach einem Jahr in London 1984/1985, wo sie sich vom Punk infizieren ließ, kehrte sie mit violetten Haaren nach Lyon zurück. Vor allem interessierte sie sich für Theaterkostüme, arbeitete als Assistentin der Kostümbildnerin Dominique Borg, die unter anderem den Film „Camille Claudel“ (1988) ausstattete, und entwarf selbst, da war sie schon bei Chanel, Kostüme für die Filme „Drei Farben: Blau“ (1993) und „Drei Farben: Weiß“ (1994) des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski.

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