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Designer Christopher Bailey : Schneller als die Mode

„Tempo ist alles, Tempo bestimmt. wie wir arbeiten, denken und leben“: Christopher Bailey, auf diesem Foto zu sehen im Jahr 2005. Bild: Helmut Fricke

Wenn der Designer Christopher Bailey, einer der großen kreativen Vordenker, am Samstag nach 17 Jahren bei Burberry seine letzte Schau zeigt, ist das mehr als ein gewöhnlicher Rücktritt. Es ist auch eine schöne Erinnerung daran, dass Luxus Zeit braucht.

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          Das Konzept See now buy now könnte ihnen bei Burberry nun noch mal echt gelegen kommen. Also anders als ursprünglich gedacht. Jetzt, da der langjährige Designer des Hauses, Christopher Bailey, geht. Jener, der damals vor zwei Jahren auch die Idee hatte, Luxusmode zu Luxuspreisen direkt im Anschluss an die Laufsteg-Schau zu verkaufen. Wenn ein Designer eine Modemarke verlässt, dann liegt die letzte Kollektion für gewöhnlich wie Blei in den Läden. Die Kunden sind längst informiert genug, um zu wissen, dass bald was Neues kommt. Möglicherweise was Besseres. Nicht selten hat der Neue auch schon seine Vision präsentiert, es kursieren mindestens Bilder, während die Teile des Alten gerade in den Filialen eintreffen. Diese Stücke der letzten Kollektion sind oft nur noch etwas für den Sale.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn also Christopher Bailey am kommenden Samstag seine letzte Schau für Burberry nach 17 Jahren zeigt, wenn der 46-jährige Designer in London seinen letzten großen Auftritt hat, dann ist diese Kollektion des großen Finales nicht erst in ein paar Monaten zu kaufen, sondern: sofort. Am nächsten Tag. Dieser Abschied wird kürzer sein und schmerzloser.

          Es könnte trotzdem mehr als ein gewöhnlicher Designerwechsel sein, der ja fast jedes Luxushaus alle paar Jahre ereilt. Mit Christopher Bailey geht einer der großen Vordenker der Mode unserer Zeit, und es stellen sich auch zwei Fragen: Sind ihm die Fäden irgendwann entglitten, wie es halt passiert, wenn ein Modemacher seit Jahren an mehr oder weniger derselben Sache arbeitet? Oder kam – vielleicht umgekehrt – die Mode irgendwann nicht mehr mit diesem Christopher Bailey mit? Mit dem sogenannten „Chief Creative Officer“, so sein offizieller und ungewöhnlicher Titel, mit dem Kreativvorstand, der zudem auch zwei Jahre lang, von 2014 bis 2016, Vorstandsvorsitzender des börsennotierten Unternehmens war. Der in den vergangenen 17 Jahren den Umsatz von 499 Millionen Pfund auf 2,8 Milliarden steigern konnte. Dessen Erfolg aber schon im Jahr 2016 getrübt wurde, als das Unternehmen weniger Gewinn erzielte und gezwungen war, ein heftiges Sparprogramm aufzulegen. 100 Millionen Pfund Fixkosten sollten bis 2019 eingespart werden.

          Ein Stichwort zu der Frage, ob Christopher Bailey einfach zu schnell ist für die Mode, wäre gleich mal: See now buy now. Sein jüngstes Projekt, ein revolutionäres Verkaufskonzept und gewissermaßen der letzte Schritt seines Ansatzes, aus Luxusmode ein Sofort-Erlebnis zu machen. Mode, auf die niemand warten muss, die in unserer Instant-Kultur, da nach einer Schau zigtausend Bilder und Videos und Eindrücke in die sozialen Netzwerke gepumpt werden, dank dieser Art von Rückenwind in den Läden zum Verkauf bereit hängt. Die Schauen fielen für gewöhnlich auf den Montagabend der Londoner Modewoche, in den folgenden Stunden dekorierte man dann alle Läden von Los Angeles bis Tokio so um, dass am nächsten Morgen – tata – brandneue Teile dort hingen, die eben noch in London vorgestellt worden waren.

          Eine Frage des Live-Erlebnisses: Modeschau von Burberry im Jahr 2014 mit Musik von James Bay.

          Die Idee, Herbstmode im Herbst zu zeigen, Frühjahrsmode im Frühjahr, war genial simpel. Die Ausführung im Vergleich allerdings umso komplizierter. Dass Christopher Bailey jetzt, nach gerade mal vier Saisons See now buy now geht, zeigt auch, dass sein Großprojekt der veränderten Jahreszeiten in der Mode doch nicht so erfolgreich war. Für gewöhnlich präsentieren ja alle im Herbst Frühjahrsmode und im Frühjahr Herbstmode, so wie eben Luxusprodukte ihre Zeit brauchen, bis ein Unternehmen sicher sein kann, wer sie eigentlich will, wie viel es zu produzieren hat und wie diese am besten zu bewerben sind. Schon in kreativer Hinsicht wollte die Idee nicht so recht zünden: Christopher Baileys Entwürfe waren auf einmal nicht mehr so neu und aufregend wie zu jener Zeit, als er den Trenchcoat, das Markenzeichen des Hauses, in jeder Saison weitergedacht hatte, mal mit extremen Neonfarben, mal mit besonders viel Schafwolle, mal mit Raffia. Seine Kollektionen mit neuem Konzept unterschieden sich hingegen kaum von dem, was zu diesem Zeitpunkt schon in den Discounter-Läden hing: Breton-Streifen, Rüschen, Zopfmuster, recht einfallslose Nummer-sicher-Entwürfe. Diese Teile mussten sich ja sofort verkaufen. Nur die Preise waren deutlich höher. „Wir leben nun mal in einer Zeit, die alles verändert“, sagte Bailey nach seiner ersten Schau mit neuem Konzept im Jahr 2016. „Tempo ist alles, Tempo bestimmt, wie wir arbeiten, denken und leben.“

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