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Neuer Trend : So viele Brillen wie Schuhe im Schrank

  • -Aktualisiert am

Etwas hölzern sind sie schon: Modelle bei einer Designer-Messe in Leipzig Bild: Picture-Alliance

Gute Nachrichten für Maulwürfe: Brillen werden hip – und viel günstiger. Bei den Preisen, die einige Hersteller neuerdings verlangen, können sich Modebewusste eine ganze Auswahl an Gestellen leisten.

          Ein sommerlicher Donnerstagabend, Münchner Glockenbachviertel, Reichenbachstraße. Hier trifft man sich gerne auf eine hausgemachte Limonade und Rapsblüten-Penne im Café Trachtenvogl, kauft kupferfarbene Deko-Accessoires bei der dänischen Marke Hay und macht vielleicht noch einen Abstecher zum Modelabel Akjumii. Vor einem Laden tummelt sich an diesem Abend Münchens kreative Szene bis auf die Straße. Modedesigner, Stylisten und Musiker stehen dicht gedrängt. Das Bier ist gegen halb neun Uhr aus. Gereicht werden kleine Milchtüten mit Eistee, Moscow Mules und Brillen.

          Brillen? Ein cooles Modell, das den Dispo nicht gleich zwei Monate lang in die Knie zwingt, ist für Brillenträger eigentlich unvorstellbar. Wer nicht das Allerweltsmodell oder gar die Wegwerfbrille vom Drogeriemarkt wählt, der muss für ein individuell angepasstes Designer-Gestell tief in die Tasche greifen. Selbst Menschen mit 20 Paar Schuhen und vier Wintermänteln besitzen deshalb oft nur ein, maximal zwei Gestelle. Die strenge Auswahl folgt hier dem Preis; laut Umfrage-Institut Allensbach sind die Deutschen im Durchschnitt bereit, 344 Euro für eine Brille auszugeben.

          Lange Zeit hatte das „Nasenfahrrad“ keinen guten Ruf. Ist auch nicht weiter verwunderlich: Brillen waren lange aus wenig schmeichelndem Metall. Das deutsche Kassensystem trug dann zur Verbreitung der Brille bei. Doch erst in den letzten Jahrzehnten hat sie sich als gewichtiges Gestaltungselement etabliert, das die Persönlichkeit unterstreicht. Auch zu einem anständigen Imagewandel gehört mittlerweile nicht mehr nur eine neue Frisur, sondern auch das passende Brillenmodell, siehe Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach der Plagiatsaffäre sein gegeltes Haar und die akademische Nickelbrille gegen strubbelige Kurzhaarfrisur, Bart und ein markantes Nerd-Modell tauschte. Siehe in jüngerer Vergangenheit auch Frank-Walter Steinmeier oder Stefan Mappus. In Japan tragen hippe Großstädter derweil sogar Brillen mit Fensterglas oder ohne Gläser. Und auch hierzulande hat die Nerd-Brille, zum Beispiel von Marken wie Lunettes oder Mykita, in den vergangenen Jahren Karriere gemacht. Jetzt erweitern neue Hersteller mit hohem modischen Anspruch und günstigeren Preisen das Angebot.

          Die Optik-Industrie ist ein lukratives Geschäft

          Beim Schweizer Label Viu kostet ein Gestell aus dem Standard-Sortiment zum Beispiel keine 344 Euro, sondern weniger als die Hälfte: 165 Euro, inklusive Korrekturgläsern von Optiswiss. Dabei handelt es sich nicht um ein Massenprodukt aus China. In mehr als 80 manuellen Schritten werden die Modelle in einer Manufaktur in den italienischen Dolomiten handgefertigt. Geht es noch günstiger? Ja! Das niederländische Label Ace & Tate fertigt, wie der Name schon sagt, Brillen aus Acetat, die über den Online-Shop für 98 Euro verkauft werden. Im Preis inbegriffen sind geschliffene Gläser - entspiegelt, kratzfest und mit UV-Schutz.

          Bevor man sich fragt, wie das möglich ist, muss man wissen, dass die Optik-Industrie ein lukratives Geschäft ist. Allein in Deutschland werden mehr als 5,4 Milliarden Euro mit Brillen, Kontaktlinsen und Dienstleistungen rund um Sehhilfen umgesetzt. Dieser Markt wird von wenigen Konzernen kontrolliert. Weltmarktführer Luxottica ist Inhaber von Marken wie Ray Ban, Persol und Oakley und Lizenznehmer von über 20 Designermarken wie Chanel, Prada oder Burberry.

          Das heißt: Der Konzern produziert und vertreibt Korrektur- und Sonnenbrillen im Namen dieser Luxushäuser, teilweise stammt auch das Design vom Brillenimperium. Diese Platzhirsche bestimmen die Preise. Dazu kommen die Ausgaben des Optikers wie Personal, Ladenmiete und Maschinen. Der durchschnittliche, mittelständische Optiker verkauft pro Mitarbeiter weniger als zwei Brillen pro Tag. Das treibt den Preis nach oben, und so bezahlt der Kunde mitunter das Vier- bis Zwanzigfache des Herstellungspreises.

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