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100 Jahre Bauhaus : Liebe Alte Dame

Ein Fest in der Berliner Wohnung von Hans Keßler (vorne links) Ende Januar 1933. Bild: BAUHAUS-ARCHIV BERLIN

Bis 1933 schrieb Hans Keßler an seine Mutter fast 100 Briefe und Postkarten über sein Leben als Bauhaus-Student. Sie sind ein einzigartiges Zeitdokument.

          5 Min.

          Die erste Postkarte an die „liebe ,Alte Dame'„ schrieb Hans Keßler am 1. September 1931 im „Drei Kronen“ in Dessau – ausgerechnet in dem Hotel, das seit 1923 Versammlungsort der Ortsgruppe der NSDAP war. Nur wenige Wochen später, am 25. Oktober 1931, sollten die Nazis bei den letzten demokratischen Wahlen in Anhalt 39 Prozent der Stimmen bekommen, schon im Januar 1932 stellte Ortsgruppenleiter Paul Hofmann erstmals den Antrag, das Bauhaus aufzulösen. Da wurde er noch abgelehnt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Hans Keßler hatte die erste von vielen Postkarten an seine Mutter mit Bedacht gewählt. Vorne ist das Bauhaus zu sehen, das Walter Gropius Mitte der zwanziger Jahre entworfen hatte. Auf die Rückseite schrieb Keßler: „Da siehst Du es, das Bauhaus; ist es nicht schön?“ Von Dessau war der Student „im angenehmen Sinne überrascht: es ist doch ein ganz nettes, sauberes Städtchen“. Einen Monat später, am 2. Oktober 1931, folgte die zweite Postkarte: „Endlich habe ich eine ganz nette Bude gefunden, liegt ganz in der Nähe des Bauhauses, in einer Siedlung.“ Und weiter schrieb er: „Als meine Wirtin erfuhr, daß ich vom ,Bauhaus' sei, sagte sie, die Nippes und Bilder könnten ja aus dem Zimmer heraus; sie war Kummer gewöhnt.“

          Hans Keßler, Jahrgang 1906, hatte sich im Sommer 1931 an der Technischen Hochschule in Stuttgart exmatrikuliert, um ein „Bauhäusler“ zu werden. Er wurde nicht enttäuscht: „Der Hauptunterschied von der Technischen Hochschule besteht darin, daß der Student hier nicht einfach eine Maschine ist, in die man oben Fachwissen einstopft und aus der unten Stumpfsinn herauskommt, nein, das Selbstschaffen, Erfinden spielt hier eine große Rolle und der Wille, nicht Fachmenschen mit beschränktem Horizont heranzubilden, sondern ganze Menschen, die wissen, daß eine Verbindung aller Gebiete möglich ist.“

          Bauhaus in Berlin: Hans Keßler mit seinem Kommilitonen Franz Rohwer 1932 in Steglitz.

          Fast zwei Jahre lang schrieb Keßler regelmäßig an seine Mutter Wilhelmine Keßler in Essen. In 100 Postkarten und Briefen schilderte er das Studentenleben, zunächst in Dessau dann in Berlin, aber auch die Versuche der Nazionalsozialisten, der Institution den Garaus zu machen. Schließlich blieb dem dritten Direktor der Hochschule, Ludwig Mies van der Rohe, am 20. Juni 1933 nichts anderes übrig, als das Bauhaus „wegen eingetretenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten aufzulösen“. Schon seit April lag das Bauhaus „still“, wie Keßler schrieb. Nach einer Hausdurchsuchung waren die Räume versiegelt worden, ein Lehrbetrieb war nicht mehr möglich.

          Auch die Meistergehälter zahlte die Stadt Dessau nicht mehr, „die sie vertragsmäßig noch 2 oder 3 jahre zu zahlen hatte“, wie Hans Keßler am 10. Juni 1933 seine Mutter wissen ließ. Ende April hatte er bereits das Schlimmste befürchtet: „es besteht kaum aussicht, daß es wieder aufgemacht wird; wenigstens in berlin, in deutschland. da man uns nicht nachweisen kann, daß wir eine ,kommunistische zelle' sind, schiebt man die entscheidung so lange wie möglich hinaus, um den betrieb auf diese weise zu vernichten. wir bauhäusler sind sehr niedergeschlagen, da es für uns keine gleichwertige schule gibt, auf der wir weiter arbeiten können.“

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          Dabei hatte die Zeit am Bauhaus für Hans Keßler vielversprechend begonnen: „Die Bauhäusler sind eine Klasse für sich. Als ich sie zum ersten Mal sah, bekam ich einen leisen Schrecken, nach und nach erkannte ich aber, daß diese ganze Bohème, die sich ,sachlich' schimpft, daß dieses freie Gehabe – man duzt sich z.B. allgemein, die Mädels laufen in Hosen herum – garnicht das eigentliche, der Bauhausgeist ist, sondern nur die Etikette, das Vereinsabzeichen, kurz eine kleine, verzeihbare Kinderei.“

          So fing alles an: Hans Keßlers erste Postkarte an seine Mutter vom 1. September 1931.

          Keßer, der sich anfangs wie ein blaues Tierchen fühlte, „das man aus seiner blauen Welt, in der es unbekümmert lebte, in eine rote setzte“, passte sich an, was der Mutter nicht verborgen blieb, schrieb ihr der Sohn doch schon bald in der von den Bauhäuslern bevorzugten Kleinschreibung. „ich halte es für sehr richtig, wenn durch eine hochschule (...) eine sinngemäße rechtschreibung in die masse eingeführt wird. Das kleinschreiben ist nur der anfang.“ Die Kleinschrift war 1925 aus typografischen und zeitersparnisgründen“ am Bauhaus eingeführt worden. Keßlers „bürgerlicher hut“ hatte „einer baskenmütze weichen müssen – ein knallroter sweater mit einer braunen, weit geschnittenen manchester hose kommt erst später“, schrieb er der Mutter am 30. Oktober 1931 im gewohnt ironischen Ton.

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