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Brautmode : Ein Kleid mit Tüll, aber bitte nicht tantig

Hippes Zukunftsmodell auf Berlin: Kleid von Kaviar Gauche. Bild: Hersteller

Nichts anfassen, keine Fotos, bloß nichts fragen: In vielen Brauthäusern gibt es seltsame Regeln und hochnäsiges Personal. Eine neue Generation von Modefrauen ändert das jetzt. Zum Glück.

          6 Min.

          Es sollte leicht sein, fließender Stoff, zarte Spitze, das Ganze in Weiß, eine Art Hippiekleid. Einfach, könnte man zunächst denken, was Susannah Carey-Seulen da vor zwei Jahren suchte, ein Kleid, wie man es hundertfach in den Läden der Fußgängerzonen und Online-Shops vermuten würde, für 50 Euro oder für 500. Nur leider ging es um kein alltägliches Sommerkleid. Das leichte weiße Kleid aus fließendem Stoff und zarter Spitze im Hippie-Stil sollte zugleich ein Hochzeitskleid sein für die Trauung und das Fest am Strand von Florida. Solche Kleider hängen nicht in jedem deutschen Brautladen. Streng genommen sieht man sie fast nirgendwo. „Das, was ich gesucht habe, gab es einfach nicht“, sagt auch Susannah Carey-Seulen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist fast schon skurril: In Zeiten, da zwar immer weniger Ehen geschlossen werden, diese Hochzeiten dann aber trotzdem gefühlt größer gefeiert werden als früher, da schöne Locations in der Regel ein Jahr im Voraus ausgebucht sind, so viel Tamtam um Verlobungsringe, Junggesellenabschiede, Gemeinschaftsgeschenke und Gruppenprojekte gemacht wird wie selten zuvor und junge Frauen eben bereit sind, sich für diesen einen Tag im Leben ein Kleid zuzulegen, das schnell dem Wert eines Brutto-Monatsgehalts entspricht, scheint der überwiegende Teil einer ganzen Branche noch immer Dornröschenschlaf zu halten.

          Die meisten Brautkleider und das Kauferlebnis in vielen Läden muten jedenfalls überraschend unmodern an. „Man darf nichts anfassen, kaum Fragen stellen, nicht fotografieren“, zählt auch Carey-Seulen auf, die zuletzt als Trauzeugin mit ihrer besten Freundin in 15 Läden nach einem Kleid suchte. „Viele sitzen auf einem ziemlich hohen Ross. Es ist doch klar, dass man auch mal ein Test-Foto machen möchte, um zu sehen, wie man in dem Kleid aussieht.“ Unter weiteren unschönen, aber leider gewöhnlichen Brautladen-Erfahrungen können viele verbuchen, dass man nur begrenzt Freundinnen mit zum Termin bringen darf, weil – ja, warum eigentlich?

          Oft gehört: „Viel zu spät“

          Oder da ist die Geschichte der Trauzeugin, die neulich neben ihrer Freundin im Brautkleid in einem Berliner Laden stand. „Die Verkäuferin konnte sich nicht verkneifen, ungefragt zu sagen, dass ich so ein Kleid niemals tragen könnte. Erst dachte ich, sie sagt das, weil ich kleiner als die Braut bin, was gerade noch in Ordnung gewesen wäre. Aber dann meinte sie: Dazu sind Ihre Arme nicht schmal genug.“ Eine seltsame Form von Beratung für jemanden, der gar kein Brautkleid sucht. Oder da ist die Geschichte der jungen Frau, die mit den Worten „In Ihrem Preisssegment führen wir nichts“ quasi wieder aus dem Laden geschubst wurde. Oder die Idee, spontan heiraten zu wollen und zu meinen, auf die Schnelle noch ein Kleid kaufen zu können. „Manche Frauen bekommen dann zu hören: ,Viel zu spät‘“, lacht Carey-Seulen, „das verstehe ich nicht, man kann doch gucken, und vielleicht ist direkt etwas dabei.“

          Susannah Carey-Seulen wollte das alles besser machen. Sie selbst hatte kein leichtes, weißes Spitzenkleid im Hippie-Stil zur Hochzeit gefunden und heiratete am Ende in einer Kompromisslösung. Doch nachdem sie in ihrem Beruf als Journalistin bei der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ erkannt hatte, dass es eigentlich tolle Optionen gibt, nämlich Labels wie Saja oder Stone Fox Bride aus New York, die bisher kaum in Deutschland verkauft werden, hat sie im April dieses Jahres einen eigenen Laden eröffnet – für Brautkleider, Brautjungfernkleider und Hochzeitsaccessoires.

          Mit „Celia Dresses“, dem Namen ihres Geschäfts, ist Carey-Seulen eine von wenigen Frauen, die die verschlafene Brautkleid-Branche gerade aufmischen. In dem Frankfurter Altbau mit den rosafarbenen Wänden liegen Design-Einweg-Kameras neben schönen Gästebüchern, da liegen pink-weiß-gestreifte Strohhalme, „Save-the-Date“-Karten, Haarkränze und schmale Seidenkleider. „Kleider vom Typ Sahnebaiser oder Prinzessin sind einfach nicht mehr so dran. Die meisten Kundinnen suchen längst etwas anderes, das mag auch etwas mit Tüll sein, aber es muss zugleich zart aussehen, nicht so taftig“, sagt Carey-Seulen. Wer solche Schlagwörter in einem traditionellen Brautladen fallenlässt, bekommt hingegen oft das Gegenteil gezeigt. „Viele sagen dann: ,Aber das ist unser Bestseller‘“, erzählt sie. „Aber es ist ja trotzdem vielleicht nicht das, was ich suche. Dann fühlt man sich so belehrt.“

          Es geht auch moderner: Anprobe im Laden „Celia Dresses“; der überwiegende Teil der Branche scheint derweil noch im Dornröschenschlaf zu stecken.

          Sie selbst fragt deswegen immer zuerst, wo die Hochzeit gefeiert wird, und erst dann, wie und was sich die Kundin als Kleid dafür vorstellt. „Viele heiraten heute draußen oder in einer Scheune oder auf dem Bauernhof.“ Und immer mehr Frauen suchen für solche Gelegenheiten Kleider, in denen sie zwar als Bräute zu identifizieren sind, aber trotzdem nicht verkleidet aussehen.

          Alternative Kleiderentwürfe, fließende Silhouetten

          So ist das Berliner Designerlabel Kaviar Gauche einer verblüffenden Anzahl an jungen Frauen ein Begriff, auch wenn die sonst überhaupt nichts mit Mode am Hut haben. Der Grund: Sie haben in einem Brautkleid von Kaviar Gauche geheiratet. Rund 50 Prozent des Gesamtumsatzes mache die Brautlinie des Berliner Labels heute, nach sieben Jahren, aus. Und auch hier stand am Anfang der Bedarf. „Die ersten Hochzeitskleider waren in vanilligem Ton oder in Champagner“, sagt Johanna Kühl, eine der zwei Kaviar-Gauche-Gründerinnen. Die Entwürfe trugen zunächst nicht Bräute, sondern Stars auf dem roten Teppich. Anschließend kamen dann Kundinnen, die in solchen Kleidern heiraten wollten.

          Auch Kühl spricht von alternativen Kleiderentwürfen und von fließenden Silhouetten. Wer sich einmal in den hübsch zurechtgemachten Braut-Ecken der Kaviar-Gauche-Läden in Berlin und München umschaut, bekommt den Eindruck, dass man – anders als in vielen traditionellen Brauthäusern – für ein Hochzeitskleid nicht unbedingt größer als 1,70 Meter sein und schmale Schultern haben muss, sondern dass hier jedes Kleid andere Stellen des Körpers betont, weil die Modelle so unterschiedlich aussehen wie in einer Prêt-à-porter-Kollektion und eben nur zufällig alle elfenbeinfarben sind.

          Interessanterweise passen diese neuen coolen Hochzeitskleider, die eher mit den Traditionen spielen, als sie streng zu befolgen, damit nicht nur modisch in unsere Zeit;, sie entsprechen auch dem ursprünglichen Gedanken eines Brautkleides. „Das weiße Brautkleid entstand um 1800“, sagt die Mode- und Kulturhistorikerin Claudia Gottfried vom Industriemuseum Ratingen. „Damals musste es nicht weiß sein, es war einfach weiß, weil das zu der Zeit die Modefarbe war. Weiß war damals Trend, also hat man so ein Kleid auch zur Hochzeit getragen.“ Erst rund dreißig Jahre später, als sich das Bürgertum als gesellschaftliche Führungsschicht etablierte und bürgerliche Tugenden wie Reinlichkeit, Sauberkeit und Pünktlichkeit wichtiger wurden, begann man zu überlegen, welche Farbe als reinlichste zu einem Hochzeitskleid passt. „Und das ist eben Weiß“, sagt Gottfried.

          „Total tantig“

          Zum anderen kam die kirchliche Bedeutung dazu: Weiß steht für Reinheit, Jungfräulichkeit und Unschuld, also fügte sich das zu der Vorstellung zusammen, dass die unschuldige jungfräuliche Braut an den Altar tritt und dann im weißen Kleid ihre Reinheit symbolisiert. Bis sich das weiße Kleid aber wirklich als Hochzeitskleid etablieren konnte, dauerte es weitere hundert Jahre. „Viele arme Leute haben noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Schwarz geheiratet, denn das war das Sonntagskleid“, sagt Gottfried.

          Wenn man also bedenkt, dass ein großes Fest zur Hochzeit schon kurze Zeit später, in den siebziger Jahren, für viele junge Menschen undenkbar wurde und das Heiraten erst seit einigen Jahren wieder ausschweifend gefeiert wird, könnten wir heute genauso gut erst an den Anfängen einer echten Brautkleid-Tradition stehen – mit entsprechenden Anbietern, bei denen der Einkauf dem Anlass wirklich gerecht wird.

          Modelle mit Tüll, aber zart, „nicht so tantig“: Susannah Carey-Seulen.

          „Total tantig“, findet auch Kerstin Görling, Inhaberin der angesagten Frankfurter Modeboutique Hayashi, das Erlebnis in vielen Brauthäusern. Auch sie überlegt, ob sich ein Shop nur für Brautkleider lohnen würde. Sie kennt einige Frauen, die sich ihre Kleider beim Schneider fertigen lassen. „Wenn eine junge Frau mit Geschmack kein passendes Kleid findet, dann ist das doch ein Zeichen dafür, dass noch etwas fehlt.“ Andererseits würden mehrere Punkte gegen so ein Vorhaben sprechen und erklären, weshalb sich überhaupt so wenige Boutiquen an das Projekt Brautkleid heranwagen: „So einen Laden zu führen ist beratungsintensiv“, sagt Görling, „man braucht jemanden, der richtig Maß nehmen kann, und die Kleider sind so teuer, dass sehr viel vorfinanziert werden muss und man es sich trotzdem nicht erlauben kann, jedes Kleid in vier verschiedenen Größen vorrätig zu haben.“

          Rituale rund ums Heiraten haben sich gelockert

          Susannah Carey-Seulen hat zum Beispiel zur Eröffnung zunächst jedes Kleid nur einmal und in verschiedenen Größen gekauft. Zum Maßnehmen arbeitet sie mit einer Schneiderin zusammen und übt selbst in ihrer Freizeit, „an Puppen und an Freundinnen. Man muss vieles erst einmal austesten“, sagt sie. „Man hätte zum Beispiel auch denken können, dass jetzt für den Sommer die meisten schon ein Hochzeitskleid haben. Früher haben schließlich viele im Mai geheiratet. Jetzt kommen aber noch einige und gucken für August, September, Oktober.“

          Auch Historikerin Gottfried vom Industriemuseum Ratingen hat beobachtet, dass sich die Rituale rund ums Heiraten im Vergleich zu früher längst gelockert haben. Einmal im Monat kann man sich in dem Museum standesamtlich trauen lassen. „Die rückenfreien, superkurzen, tief dekolletierten Kleider, die ich hier sehe, wären jedenfalls früher undenkbar gewesen.“

          So wie die Tatsache, dass der zukünftige Ehemann das Kleid vor der Hochzeit zu Gesicht bekommt. Ist bei Carey-Seulen neulich auch schon passiert. „Eine Frau aus dem Saarland rief an. Über Facebook ist sie auf den Laden aufmerksam geworden.“ Sie habe gerade ein Baby bekommen, sie brauche ein Kleid, aber schnell, denn die Hochzeit sei in drei Wochen. Ob man denn direkt eines kaufen könne. „Sie kam dann also an einem Samstag zusammen mit ihrem Freund, sah ein Kleid für 1500 Euro und nahm es mit. Auf der Stelle.“

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