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Brautmode : Ein Kleid mit Tüll, aber bitte nicht tantig

„Total tantig“

Zum anderen kam die kirchliche Bedeutung dazu: Weiß steht für Reinheit, Jungfräulichkeit und Unschuld, also fügte sich das zu der Vorstellung zusammen, dass die unschuldige jungfräuliche Braut an den Altar tritt und dann im weißen Kleid ihre Reinheit symbolisiert. Bis sich das weiße Kleid aber wirklich als Hochzeitskleid etablieren konnte, dauerte es weitere hundert Jahre. „Viele arme Leute haben noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Schwarz geheiratet, denn das war das Sonntagskleid“, sagt Gottfried.

Wenn man also bedenkt, dass ein großes Fest zur Hochzeit schon kurze Zeit später, in den siebziger Jahren, für viele junge Menschen undenkbar wurde und das Heiraten erst seit einigen Jahren wieder ausschweifend gefeiert wird, könnten wir heute genauso gut erst an den Anfängen einer echten Brautkleid-Tradition stehen – mit entsprechenden Anbietern, bei denen der Einkauf dem Anlass wirklich gerecht wird.

Modelle mit Tüll, aber zart, „nicht so tantig“: Susannah Carey-Seulen.

„Total tantig“, findet auch Kerstin Görling, Inhaberin der angesagten Frankfurter Modeboutique Hayashi, das Erlebnis in vielen Brauthäusern. Auch sie überlegt, ob sich ein Shop nur für Brautkleider lohnen würde. Sie kennt einige Frauen, die sich ihre Kleider beim Schneider fertigen lassen. „Wenn eine junge Frau mit Geschmack kein passendes Kleid findet, dann ist das doch ein Zeichen dafür, dass noch etwas fehlt.“ Andererseits würden mehrere Punkte gegen so ein Vorhaben sprechen und erklären, weshalb sich überhaupt so wenige Boutiquen an das Projekt Brautkleid heranwagen: „So einen Laden zu führen ist beratungsintensiv“, sagt Görling, „man braucht jemanden, der richtig Maß nehmen kann, und die Kleider sind so teuer, dass sehr viel vorfinanziert werden muss und man es sich trotzdem nicht erlauben kann, jedes Kleid in vier verschiedenen Größen vorrätig zu haben.“

Rituale rund ums Heiraten haben sich gelockert

Susannah Carey-Seulen hat zum Beispiel zur Eröffnung zunächst jedes Kleid nur einmal und in verschiedenen Größen gekauft. Zum Maßnehmen arbeitet sie mit einer Schneiderin zusammen und übt selbst in ihrer Freizeit, „an Puppen und an Freundinnen. Man muss vieles erst einmal austesten“, sagt sie. „Man hätte zum Beispiel auch denken können, dass jetzt für den Sommer die meisten schon ein Hochzeitskleid haben. Früher haben schließlich viele im Mai geheiratet. Jetzt kommen aber noch einige und gucken für August, September, Oktober.“

Auch Historikerin Gottfried vom Industriemuseum Ratingen hat beobachtet, dass sich die Rituale rund ums Heiraten im Vergleich zu früher längst gelockert haben. Einmal im Monat kann man sich in dem Museum standesamtlich trauen lassen. „Die rückenfreien, superkurzen, tief dekolletierten Kleider, die ich hier sehe, wären jedenfalls früher undenkbar gewesen.“

So wie die Tatsache, dass der zukünftige Ehemann das Kleid vor der Hochzeit zu Gesicht bekommt. Ist bei Carey-Seulen neulich auch schon passiert. „Eine Frau aus dem Saarland rief an. Über Facebook ist sie auf den Laden aufmerksam geworden.“ Sie habe gerade ein Baby bekommen, sie brauche ein Kleid, aber schnell, denn die Hochzeit sei in drei Wochen. Ob man denn direkt eines kaufen könne. „Sie kam dann also an einem Samstag zusammen mit ihrem Freund, sah ein Kleid für 1500 Euro und nahm es mit. Auf der Stelle.“

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