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Carl Jakob Haupt gestorben : Eskalation als Lebenselixier

  • -Aktualisiert am

Carl Jakob Haupt auf der Fashion Week in Berlin 2013. Bild: Helmut Fricke

Er schmiss die besten Partys, schrieb die bissigsten Texte, hatte zu allem und nichts etwas zu sagen: Zum Tode des Bloggers Carl Jakob Haupt.

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          Er war eine Ausnahmeerscheinung in der an skurrilen Persönlichkeiten nicht armen Modewelt. Und das nicht, weil er stets seinen Look änderte und dabei fast immer die Regeln des guten Geschmacks sprengte, was in Berlin beileibe kein leichtes Unterfangen ist. Wenn Carl Jakob Haupt im Berliner Nachtleben erschien, drängten sich die Menschen um ihn, diesen Lebenskünstler und Partykönig, das Enfant Terrible, den Underdog. Der studierte Politikwissenschaftler war Modeblogger, auch wenn das Wort ihm nicht genüge tut – der Blog „Dandy Diary“, den er mit seinem Schulfreund David Kurt Karl Roth seit zehn Jahren betrieb, stach heraus durch scharfzüngige Gesellschaftskritik, die es an Hedonismus nicht vermissen ließ.

          Roth und Haupt drehten einen Mode-Porno, schleusten einen Flitzer bei „Dolce & Gabbana“ ein, brachten einen Trachtenhersteller in Erklärungsnöte und legten sich mit den ganz großen Modekonzernen an, selbst wenn ihnen dadurch lukrative Aufträge verloren gingen. Gefälligkeitsdienste waren ihre Sache nicht – über Langeweile konnten die Anwälte von „Dandy Diary“ nicht klagen. Carl Jakob Haupt störte das Attribut „Modeblogger“ nicht, im Gegenteil, er lächelte es einfach weg. Im Grunde, sagte er nonchalant, sei Mode doch völlig uninteressant und erst dann wirklich spannend, wenn über sie gestritten werde. Mit Geist, Witz und Scharfsinn widmete er sich den banalsten wie hochtrabendsten Facetten dieses wunderbaren Lebens, selbst seine Kurznachrichten waren literarische Kleinkunstwerke.

          Die Wut seiner jungen Jahre hatte er in eine beneidenswerte Ausgeglichenheit umgewandelt, leicht nihilistisch vielleicht, aber immer warmherzig. Carl Jakob Haupt vereinnahmte jeden Raum, den er betrat, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Mit Chuzpe wusste er zu provozieren, doch es fehlte nie der geistige Überbau. Haupt liebte den kalkulierten Tabubruch und beherrschte die Klaviatur der öffentlichen Zurschaustellung wie kaum ein Zweiter, er exponierte sich auf Instagram und gab Einblicke in sein Leben, ohne dabei tief blicken zu lassen. „Viele Leute haben Angst, mich anzusprechen“, sagte er, dabei sei er doch nett, „viel zu nett eigentlich.“ Seine Freunde schätzten ihn als aufmerksamen und einfühlsamen Menschen, der ganz unvoreingenommen an Menschen heran ging, ein offenes Ohr für jeden hatte, der sich traute, ihn anzusprechen. Haupt war immer politisch, hatte zu allem und nichts eine Meinung, bewies Rückgrat und Integrität – er hörte gern zu, aber aufschwatzen ließ er sich nichts.

          „Ein Danach darf es nicht geben“

          Er lebte auch den Exzess. Die Partys von „Dandy Diary“, traditionell zum Auftakt der Berliner Modewoche, eskalierten, wenn sie denn nicht von der Polizei geräumt wurden, bis in den nächsten Tag hinein. Auf ihnen fühlte sich Berlin wie eine Weltstadt an. „Wir gehen immer davon aus, dass jede Party die letzte ist“, sagte Haupt der F.A.Z. mal. „Ein Danach darf es nicht geben.“ Es klingt wie die Prämisse seines Lebens. Vor drei Jahren wurde Krebs bei Haupt diagnostiziert. Er machte sein Leiden nicht öffentlich, sondern kämpfte im Privaten, für seine Frau, seine Freunde, die Familie. Sein Leben lebte er weiter wie zuvor, kompromisslos, entschlossen, frohgemut. „Ich lebe ohne Angst, über mich urteilt ja keiner“, sagte er in einem Interview. „Ich brauche keinen Gott, der mir hinterher sagt, ob mein Leben gut war oder schlecht.“

          Am Karfreitag ist Carl Jakob Haupt in einem Hospiz in den Armen seiner Frau, dem Model Giannina Haupt, gestorben. Die beiden hatten im Sommer letzten Jahres in Sizilien geheiratet. „Er war und ist unser Häuptling“, schrieb sie in einem Instagram-Post am Mittwoch. „Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen.“

          Kurz vor seinem Tod schrieb Carl Jakob Haupt ihr diese Nachricht: „Du bist das erste, an das ich denke, wenn ich morgens aufwache – und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ Carl Jakob Haupt wurde 34 Jahre alt.

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