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Pariser Fashion Week : Auf Tante genäht

Sie haben wenigstens Humor: Viktor und Rolf karikieren mit ihrer Couture-Kollektion den Hang zum Motto. Bild: AFP

Halb Paris spricht über Lagerfeld. Wichtiger wäre es, über eine Erneuerung der Haute Couture zu sprechen. Wo sind hier eigentlich Gender-Aktivistinnen?

          Die Braut, die am Ende ihre Runde drehte, trug einen glitzernden Badeanzug und einen langen Schleier. Und das hatte viel zu bedeuten am Dienstag, als die Chanel-Schau im Grand Palais ihrem Ende zustrebte. Der Höhepunkt der Haute-Couture-Woche – er war auch ein Weckruf für eine verschlafene Szene.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Zunächst einmal ist diese Braut natürlich ein Witz. Karl Lagerfeld karikiert damit das ungeschriebene Gesetz der hohen Schneiderkunst, als letzten Entwurf einer Kollektion ein Brautkleid über den Laufsteg zu schicken. Allzu viele Modemacher glauben, am Ende noch einmal alles zeigen zu müssen, was sie können oder auch nicht. Oft ist das aufgedonnert, überkandidelt, peinlich. Denn wie man sieht: Man kann eine solche Aufgabe mit Leichtigkeit auch charmant erledigen.

          Aber in jedem Spaß steckt auch Ernst. Daher war Vittoria Ceretti, das leichtbekleidete Model, natürlich passend angezogen. Denn anders als das Prêt-à-porter, das seiner Zeit um ein halbes Jahr voraus ist (bald werden die Herbst-Winter-Kollektionen gezeigt), kümmert sich die Haute Couture um die bevorstehenden Jahreszeiten, also Frühjahr und Sommer.

          Daher das von Lagerfeld erdachte Thema Riviera: Im Grand Palais standen eine Villa, ein Pool, Orangenbäume, Palmen, Zypressen. Und daher viele leichte Kleider und eine Braut im Badeanzug. Sogar der Wettergott machte mit: Draußen schneite es, drinnen herrschte schon Sommer, auch wenn die Models mit roten Nasen durch den kalten Glaspalast liefen.

          Chanel: Braut im Glitzeranzug mit Schleier, aber ohne Karl an ihrer Seite.

          Wie jeder gute Witz weist auch dieser über seinen Schöpfer hinaus. Denn die Braut war die letzte Botschaft dieser Schau – weil Karl Lagerfeld am Ende nicht erschien. Wegen einer Erkältung war er kurzerhand zu Hause geblieben. Hunderte Mitarbeiter hatten die Kollektion, die der Modemacher am Tag zuvor noch abgenommen hatte, auch so auf die Bühne gebracht. Vor die Zuschauer trat die Braut mit Virginie Viard, seit Jahrzehnten Chefin der Ateliers an der Rue Cambon, also einer Art Nahtstelle zwischen dem Modeschöpfer und den Näherinnen.

          Das Bedauern über den abwesenden Designer war groß. Noch größer war nur das Gerede darüber, ob Lagerfeld, der seit sage und schreibe 54 Jahren für Fendi und seit 36 Jahren für Chanel die Richtung bestimmt, womöglich ganz aufhören könnte. Dabei hatte er doch gerade mit der Braut seine Botschaft hinterlassen: Meine Mode sieht moderner aus als all das, was in der Haute Couture sonst noch zu sehen ist.

          Wie altmodisch darf Couture sein?

          Das wäre nun die eigentliche Debatte, zu der man in Paris aber vor lauter Gerede gar nicht kommt. Wie altmodisch darf eigentlich die Couture sein? Ist in der teuren Maßschneiderei, in der ein Kleid leicht 100.000 Euro kosten kann, der Trend ein unerbetener Gast, nur weil viele Kundinnen älteren Datums sind? Müsste die Modekammer nicht schnell mehr junge Designer zulassen? Sollte sich die Fédération de la Haute Couture et de la Mode unter Geschäftsführer Pascal Morand und Präsident Ralph Toledano – den als Geschäftsführer der Marke Victoria Beckham natürlich viele weitere Sorgen plagen – nicht langsam etwas Neues überlegen?

          Denn so viel wird bei Durchsicht der Kollektionen schnell klar: Allzu viele Modeschöpfer zeigen hier das, was sie schon immer gezeigt haben. Während das Prêt-à-porter durch eine disruptive Phase geht, sitzt man in den Salons auf goldenen Stühlen, als schriebe man das Jahr 1949.

          Der Gegensatz ist schlagend: Erst vergangene Woche stellte Virgil Abloh für Louis Vuitton mit High-End-Streetwear die Männermode auf den Kopf – und bei der Couture führt jedes vollkommen verrüschte Kleid zu Zwischenapplaus.

          Audrey von heute: Kaia Gerber führt für Givenchy zeitgemäße Couture vor.

          Alexis Mabille, Julien Fournié, Giorgio Armani, Alexandre Vauthier, Giambattista Valli, Ralph & Russo, Zuhair Murad, sogar Jean Paul Gaultier: Da geht es dann höchstens um die Frage, wie tief der Wasserfallkragen hängen darf, ob der lange Rock fünf oder sechs Stufenvolants braucht oder welche Schattierung von Blassrosa nun die schönere Wirkung hat. High-Low-Kleider sind schon das gewagteste Statement, dicke Schleifen verpacken die Frauen noch immer zu einem hübschen Gesamtpaket, und in engen Kleidern wird die Frauenbewegung zu Trippelschritten gebremst. Wo sind hier eigentlich Gender-Aktivistinnen?

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