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Pariser Fashion Week : Auf Tante genäht

Nicht missverstehen: Die Kunst der Stickerei mit Perlen, Pailletten, Federn und Spitzendekors wird nirgends zu einer solchen Meisterschaft geführt wie hier. An einem Kleid arbeiten die Näherinnen bei Chanel bis zu 350 Stunden lang. All die Rüschen und Plissees werden backstage bis in die letzte Minute gebügelt. Und die petites mains in den Ateliers oben unterm Dach der Modehäuser, wo das Licht am besten ist, tragen ihre dicken Brillen, weil hier jeder Stich zählt.

Aber wofür all die Mühen? Die Mode richtet sich nach den Kundinnen. Und im Mittleren Osten, in China und Russland, den wichtigsten neuen Märkten der teuren Schneiderkunst, herrschen andere Frauenbilder als in Paris. Wäre es nicht gerade deshalb wichtig, dass die Modemacher das universale Projekt der Aufklärung mit ihren Mitteln vorantreiben? Dass die westliche Freiheit, eingewebt in die Kleider, den Stil und somit auch die Gesellschaft anderswo entwickeln hilft? Müssen denn die Millionärinnen und Millionärsgattinnen in Dallas oder Moskau oder Schanghai in die Oper gehen, als wären sie den „Golden Girls“ entsprungen? Bei Giambattista Valli sind die Laufwege zwischen den Stuhlreihen fast drei Meter breit – keinen Zentimeter zu viel für die breiten Schleppen.

 Iris van Herpen gestaltet ihre formalen Experimente inzwischen nach menschlichem Maß.

Die Zukunft der Couture, so viel lässt sich nach dieser Woche sagen, liegt in der Hand der Frauen. Iris van Herpen gestaltet ihre formalen Experimente inzwischen nach menschlichem Maß. Und Claire Waight Keller bei Givenchy sieht das alles moderner und freier und sachlicher, weil sie aus dem Prêt-à-porter kommt, erst zum dritten Mal eine Couture-Kollektion verantwortet und vielleicht auch, weil sie Engländerin ist. Kaia Gerber im weißen Mini-Spitzenkleid mit Cape-Schnitt und freien Armen, mit Blow-up-Perlen im Haar und schwarzen Spitzen-Strümpfen: Das ist Claire Waight Kellers Beweis dafür, dass diese alte Kunst noch immer lebt wie zu Audrey Hepburns Zeiten.

Eine weitere Designerin sagt es in ihren Worten: „In der Couture geht’s um Freiheit, das macht es so schön.“ Maria Grazia Chiuri hat sich als Chefdesignerin von Dior, der zweiten wirklich wichtigen Pariser Couture-Marke nach Chanel, auf die schwierige Mission gemacht, women empowerment und fashion inspiration zusammenzudenken. In dieser Saison hilft ihr bei diesem Drahtseilakt der Zirkus. Keine ganz originelle Idee, aber mit erstaunlichem Ergebnis.

Christian Dior selbst, sagt Chiuri nach der Schau im Backstage-Gewühl, sei vom Zirkus fasziniert gewesen – auf den berühmten Richard-Avedon-Fotos „Dovima with elephants“ trug das Mannequin natürlich Dior. Auch Federico Fellini aus ihrer Heimatstadt Rom war fasziniert vom Zirkus. Und nicht zuletzt hat sie in einer Ausstellung im Palais Barberini in Rom über das Ballett „Parade“ gesehen, was ein Gesamtkunstwerkspektakel ist: An der Aufführung wirkten Jean Cocteau (Thema), Erik Satie (Musik), Sergei Djagilew (Tanz) und Pablo Picasso (Kostüme, Bühnenbild) mit. Die Kollektivleistung von 1917 schrieb Bühnengeschichte. „In moderner Art will ich das ähnlich machen.“

Schmale Models und muskulöse Akrobatinnen: Endlich wurde auf dem Laufsteg nicht nur ein Frauenbild entworfen.

Modern ist ihre Kollektion durch Farben, Schnitte, Stoffe. „Früher“, sagt die Designerin, „waren die Kleider viel schwerer, wegen der Stoffe oder auch wegen der schweren Pailletten. Ich wollte es viel leichter haben.“ Und damit das Publikum die Leichtigkeit auch sah, engagierte sie 18 Akrobatinnen der Gruppe Mimbre aus London. Sie formten Pyramiden, bildeten Tore, sprangen herum. „Es hat mir schon ein bisschen Angst gemacht, sie mit den Models zusammen auftreten zu lassen“, sagt Maria Grazia Chiuri. „Aber es hat ja geklappt.“ Schmale Models und muskulöse Akrobatinnen: Endlich wurde auf dem Laufsteg nicht nur ein Frauenbild entworfen. Und die Designerin ruft: „Diversity!“

Ansonsten liefert die Woche nur den Beweis, dass ein Modemacher, der abwesend ist, präsenter sein kann als alle anderen.

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