https://www.faz.net/-hrx-88l3x

Tradition in der Mode : Jedem Dorf ein anderes Muster

  • -Aktualisiert am

Schätze auf den zweiten Blick: Über das Interesse an den Taschen von Wild Tussah werden sich die Weber im Norden Thailands bewusst, welche Bedeutung ihre Techniken haben. Bild: Wild Tussah

Billigmode überschwemmt nicht nur den Westen, sondern dringt auch immer weiter in andere Ecken der Welt vor. Traditionelle Handwerkstechniken sterben so aus. Einige Labels wollen das ändern.

          6 Min.

          Das Topmodel Liya Kebede war gerade als „United Nations Goodwill Ambassador“ in ihrer Heimatstadt Addis Abeba unterwegs, als sie feststellte, dass immer mehr traditionelle Baumwollweber ihre Arbeit verloren. Ursprünglich hatte Äthiopien eine starke heimische Textilproduktion. Sie deckte den Kleidungsbedarf der Bevölkerung und beschäftigte unzählige Weber. Über Jahrhunderte hatten die Menschen zuvor ihr Handwerk verfeinert. Ihr Markenzeichen: Aus der lokalen Rohbaumwolle fertigten sie Textilien mit geometrischen Webstrukturen, die oft mit farbenfrohen Stickereien abgerundet wurden. Aber durch den zunehmenden Import von billiger, moderner Kleidung aus China kauften immer weniger Äthiopier die Baumwolltuniken aus dem eigenen Land. In der Produktion waren sie teurer und aufwendiger, dazu galten sie als altbacken. Der Markt begann auszusterben - und mit ihm die alten Techniken.

          So wie Computer und Mobiltelefone nach und nach in entlegene Ecken der Welt vordringen, so überschwemmen auch Mode-Billigwaren zuvor unerschlossene Regionen und verdrängen heimische Erzeugnisse, die einst den Eigenbedarf deckten. Auch das ist Globalisierung. Wenn es keine Perspektiven mehr gibt, ziehen die Jungen weiter, statt das alte Handwerk zu ergreifen. Die Betriebe werden verlassen, und mit ihnen geht ein Stück Kulturgut verloren.

          Liya Kebede wollte etwas tun, um dieser Entwicklung in ihrem Heimatland entgegenzuwirken und den äthiopischen Baumwollwebern eine wirtschaftliche Perspektive zu geben. 2007 gründete sie in Äthiopien Lemlem, eine Marke, die traditionelle Handwerkskunst in zeitgenössische Designs bringt und in kleinen Auflagen ins Ausland exportiert.

          Neue Tasche mit eigener Geschichte: Das Modell von Wild Tussah ist auch eine Art Konversationsobjekt.

          Ausgerechnet die zuvor so destruktive globale Vernetzung bietet so wieder eine Chance. Sie weckt in anderen Teilen der Welt Interesse für fremde Kulturen, und bei traditionellen Textilien könnte sie dabei helfen, Altes wiederzubeleben. Die aktuelle Schnelllebigkeit der Mode erweckt bei immer mehr Menschen Sehnsucht nach nachhaltigen Produkten mit Eigenständigkeitswert, um sich damit von der Masse zu unterscheiden. Das könnte Handwerksproduktionen wie Kebedes Modell Aufwind geben. Zumindest sind in den vergangenen Jahren immer mehr - vor allem internationale - Modeunternehmen entstanden, die sich auf Handwerkserzeugnisse spezialisieren. Sie reproduzieren nicht einfach Folklore, sondern bringen traditionelle Techniken in eine zeitgemäße Form - auch mit dem Hintergedanken, lokale Techniken zu erhalten und ländlichen Gemeinschaften zu helfen.

          Dennoch, an erster Stelle muss das Produkt stehen. Wenn es nicht begehrenswert ist, wird es auch niemand kaufen. Das weiß auch Kebede. „Ich habe mich am Anfang vor allem auf Qualität und Design konzentriert, weil ich wollte, dass die Menschen sich erst für das Produkt begeistern und dann mit der Geschichte des Kleidungsstücks eine Art Belohnung bekommen“, sagt Kebede. Ihre Marke beschäftigt mittlerweile einige hundert Weber in einer kleinen Werkstatt in Addis Abeba, die damit den Lebensunterhalt für ihre Familien bestreiten und eine Tradition aufrechterhalten. Mittlerweile hängen die handgewebten Stücke aus Äthiopien in Kaufhäusern wie „Le Bon Marché“ in Paris oder „Harrods“ in London. Die Preise: zwischen 100 und 300 Euro pro Teil. Nicht weniger, aber auch nicht mehr - und somit oft günstiger, als es das Luxussortiment in diesen Häusern eigentlich ist. „Ich hoffe, dass wir durch unsere Geschichte auch andere Modemarken dazu ermutigen, sich mögliche Produktionsmöglichkeiten in Afrika anzuschauen“, sagt Kebede.

          Weitere Themen

          Das Fell des Bären zerteilt man nicht

          Weingut Oliver Zeter : Das Fell des Bären zerteilt man nicht

          Erst mit Anfang vierzig ist der Pfälzer Oliver Zeter Winzer geworden – und heute der lebende Beweis dafür, dass es nie zu spät ist, seinem Leben die richtige Wendung zu geben. Die Kolumne Geschmackssache.

          Die Schröders auf Instagram

          Gerhard und Soyeon : Die Schröders auf Instagram

          Gerhard Schröder hat einen neuen Podcast, und seine Frau Soyeon Schröder-Kim betreibt offenbar einen Instagram-Kanal – mit faszinierenden Eindrücken von Gerd Schröders privatem Stil-Empfinden.

          Topmeldungen

          Ein österreichischer Polizist weist einem deutschen Reisenden im März am Brenner den Weg

          Streit am Brenner : Italien will deutsche Urlauber

          Italienische Oppositionsparteien fordern von Österreich die Öffnung der Grenze am Brenner. Für die Kurz-Regierung ist Italien immer noch ein Hotspot der Pandemie. In Rom mutmaßt die Regierung, Österreich wolle Italien deutsche Urlauber wegnehmen.
          Außenminister Heiko Maas

          Hongkong : Europas klare Worte an China

          Im Streit um Chinas Einfluss auf Hongkong will die EU nicht von Sanktionen sprechen. Die Außenminister setzen auf Diplomatie. Reinhard Bütikofer will Huaweis Beteiligung am 5G-Ausbau an Chinas Verhalten knüpfen.

          Tod von George Floyd : Im Kriegsgebiet von Minneapolis

          Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd eskaliert in Minneapolis die Lage. Der Bürgermeister ist um Deeskalation bemüht, der Gouverneur mobilisiert die Nationalgarde. Die Stadt gleicht einem Schlachtfeld.
          Was halten Kinder aus? In den Schulen müssen nun auch die Kleinsten Schutzmasken tragen, wie hier in einer Grundschule in Prag.

          Zur Lage der Schulen : Die Lehrer sind nicht an allem Schuld

          Erst langsam öffnen die Schulen wieder ihre Pforten. Von einem Regelbetrieb sind die meisten noch weit entfernt. Viele Eltern entdecken schon jetzt einen bewährten Sündenbock. Aber wie geht es den Kindern?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.