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Bilder einer vergessenen Zeit : Balkan Beads

Aufnahme einer Frau in traditionellem Kostüm mit goldbestickter Weste und Pluderhose. Bild: Marubi Museum Shkodra

Im Norden Albaniens ist ein Schatz verborgen: eine halbe Million Fotos über Kultur, Mode und Geschichte des Landes. Doch die Aufnahmen aus einer längst verlorenen Welt sind gut versteckt. Wer sie sucht, wird belohnt.

          Pietro Marubi hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass ihm einmal ein Museum gewidmet wird. Und wenn doch, hätte der Fotograf wohl nie geglaubt, wie gut man so ein Museum verstecken kann. Wir sollten dort unbedingt hinfahren, in die Stadt Shkodra im Norden des Landes, hatten Künstler in der albanischen Hauptstadt Tirana gesagt. Rund eine halbe Million Foto-Negative schlummerten in dem Museumsarchiv: Kultur, Mode, Architektur und historische Ereignisse aus der Geschichte Albaniens aus mehr als 100 Jahren. Ein Kulturschatz!

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Doch wie es mit Schätzen so ist: Sie wollen entdeckt werden. Als Ortsangabe hatte man uns das Zentrum Shkodras genannt. Als wir die Stadt erreichten, war es Mittag, die Hitze drückte. Das Zentrum war klein: ein Kreisverkehr, in dessen Mitte ein Brunnen kommunistische Betonkunst besprengte, zur Rechten die Kuppel einer Moschee, zur Linken eine orthodoxe Kirche. Das erste Marubi-Hinweisschild führte zur Hochschule - sie trägt den gleichen Namen. Auf Google Maps hatten wir ein "Muzeu" neben dem Kreisverkehr gefunden, das war aber eine abgebrannte Ruine. Wir fragten Passanten. Jeder war hilfsbereit, und jeder wies in eine andere Richtung. Schließlich geleitete uns der Kellner einer Bar zwei Straßen hinab, um zwei Ecken, durch eine Einfahrt in einen Hintereingang - schon standen wir vor dem Schild "Fototeka Kombetare Marubi". Das albanische Kulturministerium hatte es angebracht. Offenbar war man darauf bedacht, den Schatz für sich zu behalten.

          Das Museum liegt im ersten Stock eines grauen Gebäudes mit bröckelndem Putz. An den Wänden Dutzende Schwarzweiß-Fotografien in dunklen Rahmen. Wir waren wie benommen von der Schönheit der Aufnahmen: Porträts albanischer Bauern aus den Bergen mit Pistolen und Fellhüten; katholische Frauen in weiten Hosen, deren Gesichter hinter Spitzenmantillas verschwanden; muslimische Frauen in engen Westen mit Goldbordüre und ornamentbesetzten Pluderhosen, die ihre Gesichter im Studio unverhüllt zeigten; Landschaftsaufnahmen aus den Bergen um Shkodra; Bilder von der Ankunft des deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied, der 1914 für wenige Monate als Fürst von Albanien das Land regierte. Die Aufnahmen zeigen eine verlorene Welt zwischen Orient und Okzident, sie erzählen vom erstarkenden Bürgertum, vom bäuerlichen Leben, vom Kampf der albanischen Nationalbewegung und davon, dass Pariser Mode bis in die entlegensten Winkel des Balkans vorgedrungen war.

          Pietro Marubi wurde zwischen 1830 und 1834 in Piacenza in Italien geboren. Marubi war Maler, Bildhauer und Unterstützer der italienischen Einheitsbewegung unter Giuseppe Garibaldi. Als Garibaldi 1849 nach einer Niederlage gegen französische und habsburgische Truppen nach Amerika floh, verließ auch Marubi die Heimat. Über Korfu und die albanische Hafenstadt Vlora kam er nach Shkodra. Die Stadt war damals ein kulturelles Zentrum. Marubi ließ sich nieder und heiratete eine Frau namens Marietta, die ebenfalls aus Italien stammte. Sie war Wäscherin und 20 Jahre älter als er.

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