https://www.faz.net/-hrx-81ldn

Tod’s-Chef Diego Della Valle : Der Mann mit den Noppen

Wer soll Italien retten, wenn nicht er: Mit Millionen fördert Diego Della Valle die Restaurierung des Kolosseums. Bild: AFP

Diego Della Valle hat aus dem Laden seines Vaters die weltbekannte Marke Tod’s gemacht, mit der Luxus plötzlich leger wurde. Nun tritt das Schuhgeschäft auf der Stelle. Der Unternehmer muss weiterdenken.

          3 Min.

          Er hat den Schuh noch einmal neu gebaut, leichter, bequemer, befreit von allem harten Leder, Vorderblatt, Seitenteil und Zunge aus einem Stück gefertigt und die durchgehende Sohle mit Dutzenden kleinen Gumminoppen bestückt. Ein Mokassin für Manager, ein Slipper für die Schönen. Vor ziemlich genau 35 Jahren trat Diego Della Valle damit erstmals auf. Tod’s nannte er die Marke, die er mit geschicktem Marketing nach vorne brachte. Heute werden im Jahr mehr als zwei Millionen Paar verkauft, die Umsätze wuchsen und wuchsen. Nun aber treten sie auf der Stelle. Was tun?

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diego Della Valle empfängt im obersten Stockwerk seines Stadtpalastes in Mailand, am Corso Venezia. Durch den holzgetäfelten Raum weht der Hauch frischgepresster Zitronen. Hohe Fenster, eine leichte Brise spielt mit den seidenfeinen Vorhängen, hinter der Hausbar schwarzrotgoldene Lackmalerei aus dem alten China. Einst war der Palazzo Sitz eines lombardischen Edelmannes, heute ist am Eingangstor der Name Della Valle in Messing eingraviert. Der Hausherr bittet an den Sofatisch, wirft sich in den Sessel und lässt Wasser und Limonade kommen.

          Der Mann von Welt und Geld ist, ganz stilecht, gerade von seinem Wochenendhaus auf einer Insel im Mittelmeer eingeflogen. Er reist mit leichtem Gepäck im eigenen Hubschrauber und ist deshalb entspannt genug, nun eine Stunde lang über Europa, Asien und Amerika zu reden, über japanische Handwerkskunst, kreatives Fachpersonal, neue Linien und Programme. „Ich mag die Einfachheit“, sagt er. Ein Mann, der aus dem Lederladen seines Vaters ein Unternehmen mit knapp einer Milliarde Umsatz gemacht hat, kann sich Bescheidenheit leisten.

          Ein Paar alte Schuhe auf dem Flohmarkt waren die Initialzündung

          Amerikaner, Asiaten, Australier und Europäer tragen Tod’s. Die Schuhe sind einfach, doch nicht preiswert. Tod’s hat Luxus leger gemacht, Della Valle spricht vom casual moment. Die Engländer mochten es einst ernst, mit hohen Kragen, engen Schnitten, schweren Schuhen. Die Italiener brachten die Lockerheit ins Spiel, mit Anzügen aus Neapel, Schuhen aus Florenz, Slippern von Tod’s.

          Beim Indianer-Mokassin - raue Leder, weiche Nähte, ohne Futter, ohne Absatz, die Sohle dünn wie eine einfache Büffelhaut - ging es um Feingefühl und Bodenhaftung. Della Valle ging es um Bequemlichkeit. Als er Mitte der Siebziger auf einem Flohmarkt vor einem alten Paar Schuhe eines Rennfahrers stand, hatte er gefunden, was er brauchte. Die Schuhe waren leicht und rutschfest, unter der ganzen Sohle nagelkopfgroße Gumminoppen, gut in der Hand, leicht am Fuß, ein Schuh zum Wegrennen.

          Della Valle ließ sie nachbauen und stellte sie seinem Freund Gianni Agnelli auf den Tisch, dem Fiat-Boss und Trendsetter seiner Zeit, der ihnen eine tragende Rolle zumaß. Je größer der Zuspruch, desto größer das Spiel. Della Valle ging mit seiner Firma an die Börse, kaufte sich die Marlin-Yacht der Kennedys, nannte Silvio Berlusconi einen „Narren“,- finanziert die Restaurierung des Kolosseums mit 25 Millionen Euro und kann es sich leisten.

          Würde, Pflicht und Spaß

          Jetzt muss er liefern. Die Tod’s-Damen-Kollektionen hat er nach vorne gebracht mit der neuen Chefdesignerin Alessandra Facchinetti. Nach diesem Vorbild stärkt er nun auch für die Männer den Mode-Faktor. In der aktuellen Saison bietet die Marke zum ersten Mal eine komplette Kollektion an, die nicht die Mode revolutionieren wird, aber in vielen Details auf die Accessoires abgestimmt ist. Der Mokassin-Schuh ist nun auch in den Versionen „City Gommino“ zu haben (der sitzen soll wie ein Handschuh) und „Club Gommino“ (mit geflochtener Leder-Trense in Scubidu-Optik). Auf Zweifel am Gommino-Geschäftsmodell antwortet er also mit der Ansage: Gib Gummi!

          Aber er muss noch weiter in die Zukunft denken. Denn sein Bruder Andrea, der bei Hogan herrscht, und er selbst - sie werden beide nicht jünger. Fraglich, ob der Einundsechzigjährige, der Häuser und Wohnungen auf beiden Seiten des Atlantiks hat, der den Fußball liebt und den Sonnenaufgang in seinem umgebauten Kloster auf Capri, ob er das alles würde genießen können ohne seine Arbeit? Ob er seinen Sohn Emanuele ranlässt, der in New York vor allem mit Internet-Geschäften experimentiert, aber eben dort auch mit Familie zu Hause ist? Ob er aus der Armani-Bredouille lernt, noch keinen Nachfolger aufgebaut zu haben, wenn man einmal 80 Jahre alt wird?

          An Diego Della Valles Privatjet steht drei Mal ein großes „D“: Dignità, Dovere, Divertimento. Würde, Pflicht und Spaß, soll das bedeuten. Man hat nicht den Eindruck, das letzte dieser drei großen „D“ würde ihm gerade davonfliegen.

          Weitere Themen

          Wird Koka das neue Superfood?

          In Säften und Smoothies : Wird Koka das neue Superfood?

          Wegen des Kokains hat die Kokapflanze einen schlechten Ruf – dabei soll sie an sich ungefährlich und sogar gesund sein. In Südamerika gibt es bereits Tee oder Gebäck aus Koka. Bald auch bei uns?

          Topmeldungen

          Will seine Aufzugsparte an Konsortium um Advent verkaufen: Thyssenkrupp

          „Gutes Ergebnis“ : Thyssen trennt sich von Aufzügen

          Der kriselnde Thyssen-Krupp-Konzern braucht dringend Geld und hat sich nun entschieden: Der Verkauf der lukrativen Aufzugssparte ist besiegelt. Das vom Aufsichtsrat akzeptierte Angebot ist eine Überraschung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.