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Besuch bei Boss-Designer Jason Wu : Der Transatlantiker

Jason Wu ist mit seiner eigenen und der Boss-Damenkollektion auf der New Yorker Modewoche. Bild: Nedden, Kai

Jason Wu präsentiert kommende Woche in New York seine erste Damenkollektion für Boss. In Metzingen arbeitet der zielstrebige Designer an den neuen Kreationen. Ein Vorab-Besuch.

          Es ist einiges seltsam an dieser Geschichte, die sich um die ganze Welt dreht und um eine 20.000-Einwohner-Stadt am Fuß der Schwäbischen Alb. Was macht ein Junge aus Taiwan, der in Kanada aufwuchs, in Tokio studierte und in New York arbeitet, in Metzingen? Und was macht Metzingen mit einem Jungen von Welt, der mit 31 Jahren wirklich noch aussieht wie ein Junge?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Es fing schon komisch an: Boss? Als Jason Wu gefragt wurde, ob er nicht für die deutsche Modemarke die Damenkollektionen entwerfen wolle, kam ihm das seltsam vor. Boss? „Da geht es doch um Herrenmode?!“ Und Metzingen? „Nie was von gehört.“ Jason Wu war überhaupt niemals zuvor in Deutschland gewesen.

          Ein leichtes Spiel

          „Es war schon komisch, als man mich im Jahr 2012 ansprach“, sagt er in seinem ersten Interview seit der Berufung zum „Artistic Director“ der Boss-Damenmode, der, wie es korrekt heißt, „die kreative Verantwortung für sämtliche produkt- und imagerelevanten Aspekte der Boss Womenswear- und Accessoirekollektion“ hat. „Ich dachte: Das ist ja das Gegenteil von mir. Weit weg in jeder Hinsicht. Das, was ich am wenigsten erwartet hatte. Dann habe ich darüber geschlafen und gedacht: Genau deshalb muss ich es machen. Es wäre zu einfach gewesen, das zu machen, was ich ohnehin schon kannte.“

          Die Bosse von Boss werden leichtes Spiel gehabt haben. Zwar ist Jason Wu einer der bekanntesten jungen Designer überhaupt. Auch hat er sicherlich genug Arbeit mit seiner eigenen Marke, deren Herbst-Winter-Kollektion er am Freitag auf der New Yorker Modewoche präsentierte. Aber es ist nicht einmal leicht, mit einer Marke wie Jason Wu, die sich schon seit 2007 in den besten Kaufhäusern verkauft, viel Geld zu verdienen. Die vermutlich siebenstellige Summe, die er jedes Jahr aus Metzingen überwiesen bekommt, hilft auch einem Star-Designer weiter.

          Claus-Dietrich Lahrs, der Vorstandsvorsitzende von Boss, und Christoph Auhagen, der „Chief Brand Officer“, hatten sogar noch mehr Argumente. Denn ihr Konzern machte zwar 2013, wie am Freitag mitgeteilt wurde, einen Umsatz von 2,43 Milliarden Euro (plus vier Prozent zum Vorjahr, was von den Börsen trotzdem gleich abgestraft wird). Aber die Damenmode macht nur etwa ein Zehntel davon aus – was wiederum auch schon ein großes Geschäft ist. Für Wu ist das eine komfortable Lage: „Es ist ein riesiges Geschäft, und wir sind die Kleinen: Es steckt also ein großes Potential in den Damen.“

          „So etwas habe ich noch nie gesehen“

          Und weil er nicht nur der Designer ist, sondern die künstlerische Gesamtverantwortung für die Marke hat (in der Nachfolge großer Designer wie Tom Ford, der das Konzept der Gesamtkontrolle vor 20 Jahren bei Gucci einführte), ist seine Begeisterung nicht gespielt: „Sie haben mir alles erklärt, und ich hab die Möglichkeiten darin gesehen. Es ist ein großer Schritt für mich. A once-in-a-lifetime opportunity.“

          Am 15. Juni 2013 kam er zum ersten Mal ins Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Und er war nicht nur überrascht von den Wäldern: „Wie groß es hier bei Boss ist, was für eine tolle Architektur. Und dann bin ich erst in die Fertigung gegangen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Beste Maschinen. Perfectly engineered.“

          Man muss von dieser Begeisterung gedanklich ein paar Prozent abziehen. In New York reden sie dauernd so. Und Jason Wu ist im Umgang mit den Medien äußerst geschickt, seitdem er vor genau fünf Jahren seinen Durchbruch hatte – als nämlich Michelle Obama am Abend des 20. Januar 2009 auf dem Inauguration Ball in einem tollen „one shoulder dress“ von Jason Wu mit ihrem Mann Barack Obama in dessen erste Präsidentschaft tanzte.

          Extrem fleißig und kundenorientiert

          Aber Jason Wu muss sich auch nicht verbiegen. Das merkt man schon daran, mit welchem Einsatz er hier in Metzingen mit einem Dutzend Designern für „Boss Woman“ arbeitet – noch auf dem gleichen Stockwerk mit den Designern der Linien „Orange“ und „Hugo“. „Er hat ein Auge, wie ich es noch bei keinem Designer gesehen habe“, sagt Christine Pesch, „Brand & Creative Director“ bei Boss Woman, also gewissermaßen seine Stellvertreterin auf Erden. „Er ist nah dran, unglaublich fleißig und keine Diva.“

          Das ist schon der erste Punkt. Claus-Dietrich Lahrs könnte, wenn er denn wollte, aus seiner Dior-Zeit viele Anekdoten über John Galliano erzählen. Die Diven der Branche rauben den Managern den letzten Schlaf. Jason Wu dagegen gehört zu einer Generation pragmatischer asiatischstämmiger Modemacher in Manhattan. Sie alle – Thakoon Panichgul, Derek Lam, Phillip Lim, Alexander Wang – haben den Ruf, extrem fleißig und kundenorientiert zu sein. Daher schließt sich der globale Kreis von Taipeh bis Metzingen schon jetzt, denn diese Werte gelten natürlich auch hier oben in Schwaben. „Ich bin extrem gut organisiert, und das passt“, meint Wu. „Ich muss es auch sein, weil ich zwei Teams führen muss.“

          Genauer gesagt sogar drei: Denn außer dem Studio seiner eigenen Marke in New York und dem Atelier in Metzingen stellt ihm Boss in Manhattan ein Atelier zur Verfügung, ebenfalls eingerichtet von der deutschen Marke e15, so dass er sich wie in Metzingen fühlt. Seine acht Designer dort kümmern sich um Projekte wie das Celebrity Dressing und um die Schauen, denn die werden nun in New York stattfinden: „Die ganze Welt muss es sehen. Wir müssen da sein, wo die Big Boys sind.“

          Langeweile über Weihnachten

          Wenn sich der Raum weitet, wird die Zeit knapp. Also ist Organisation gefragt. Einmal im Monat nimmt er am Sonntagabend in New York den Direktflug nach Stuttgart, trinkt ein Glas Wein, schläft, landet und ist am Montag als einer der Ersten im Büro. Abends geht er ins Hotel „Schwanen“ in Metzingen, immer dasselbe Zimmer, und hackt bis Mitternacht Mails in seinen Laptop an die Mitarbeiter von „Jason Wu“ in New York, die dann im Büro sitzen. Am Samstag geht es zurück nach Hause. Auch dort nutzt er den Zeitunterschied aus: In Manhattan steht er um 6.30 Uhr auf, schreibt Mails an Metzingen, fährt ins Boss-Studio und arbeitet dort bis Mittag, wenn in Schwaben der Feierabend naht. Dann wechselt er bis abends ins Jason-Wu-Atelier. „Ja“, sagt er ohne Bedauern, eher mit Stolz in der Stimme, „so haben meine letzten sechs Monate ausgesehen. Jeder fragt: Warst du schon im Outlet in Metzingen? Da war ich noch nie.“

          Nicht, dass es in Arbeitswut ausartet. Über Weihnachten hatte er zehn Tage frei. „Zehn Tage! Es war so langweilig! Ich habe jedem Mails geschrieben, und kaum einer hat geantwortet – schrecklich.“ Immerhin war Christine Pesch an Heiligabend über das Netz in transatlantischer Verbundenheit virtuell bei ihm.

          Was will der Designer uns sagen mit seiner ersten Kollektion, die er am kommenden Mittwoch um 14 Uhr an der 55. Straße von Manhattan präsentiert? Jason Wu lässt die Bilder seines ersten Lookbooks ausdrucken. Gestern Abend um halb elf Uhr sind sie erst fertig geworden. Bisher wurden die Kollektionen im Studio fotografiert. Dieses Mal war der Weg nicht so weit. Jason Wu gefielen die Betonwände und die Bäume zwischen der Boss-Rezeption und dem Fitnessraum so gut, dass nun ein paar junge Bäumchen einen schönen Hintergrund bieten.

          Abstrakt florale Muster wirken für Boss beherrscht

          „Begonnen habe ich beim Zentrum dieser Marke, den Männern. Erfolg, Männlichkeit, Disziplin, Präzision habe ich in relevante Damenmode übersetzt.“ Auf gut amerikanisch: „No frills. Quite sharp. Definite sensibility. Ich mache hier keine überkandidelten Abendkleider, sondern präzise geschnittene Hosenanzüge, einen perfekten Kaschmirmantel und ein ganz simples Baumwollhemd, entwickelt aus den Männersachen.“

          Die technischen Vorteile des Männermode-Betriebs nimmt er gerne mit. Seine erste Handtasche – sie heißt, global verständlich, „Berlin“ – hat er mit der Fabrik in Scandicci bei Florenz entwickelt. Der Damen-Loafer der Kollektion stammt aus der Herrenschuh-Fabrik in Italien. Das dominierende Muster (siehe Entwurfszeichnung) spielt auf das Bauhaus an. Elsworth Kelly und Josef Albers stehen Pate. Blumen als Webmuster brechen die Geometrie, so dass es nicht nur stark wirkt, sondern auch feminin. Der Unterschied zu seiner eigenen Marke: Seine Blumen sind wild, die abstrakt floralen Muster für Boss wirken beherrscht. Am Ende wird wieder ein Kleid über den Laufsteg gehen, das vom Anzug inspiriert ist. Auch da schließt sich ein Kreis.

          Spielt auf das Bauhaus an: Entwurfszeichnung von Jason Wu

          Die seltsame Geschichte von der Globalisierung hat auch mit dem ungeheuren Wachstum des Luxusmarktes zu tun. Wie kommt man da noch an die besten Stylisten, Models, Fotografen? Jason Wu bringt als New Yorker sehr gute Beziehungen mit, Metzingen liefert das Geld dazu. Edie Campbell ist das Kampagnen-Model und wird auch die Schau eröffnen: „Die richtige Muse“, meint Jason Wu. „Sie ist das Mädchen, das jedes andere Mädchen sein möchte, spannend, modern und gebildet.“ Das Styling übernimmt Joe McKenna, den Kampagnenfilm (von diesem Samstag an auf der Boss-Seite zu sehen) drehten Inez & Vinoodh im Haus von Philip Johnson in Connecticut. Da stimmt jeder Name.

          Seiner auch. Endlich hat Boss den Mut (das ist der zweite Punkt), Gesichter in den Vordergrund zu rücken. Bislang sollte kein Designer die Marke überstrahlen. Da bringt man sich natürlich um wichtige Marketing-Effekte. Und das schönste: Jason Wu, der die ganze Welt erreichen soll, vor allem natürlich Asien und Amerika, wird die Marke nicht einmal überdehnen. „Ich war noch nie Avantgarde“, meint er. „Ich will Kleider entwerfen, die Frauen tragen wollen und können.“ Wann hätte man einen solchen Satz von einem europäischen Modemacher gehört?

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