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Berliner Modewoche (Tag 4) : Die Nacht bei Licht

Ein Haufen nackter Männerbeine: Zum Abschluss der Modewoche zeigt Michael Michalsky seine Kollektion. Bild: dpa

Mit einer Spritze zu viel Testosteron klingt die Fashion Week am vierten Tage aus. Zur Schau von Michalsky kommen so viele Gäste wie nie zuvor, aber der Star des Abends ist ein anderer.

          Und dann gibt es, noch am letzten Tag der Modewoche, wieder diese kleinen „fashion moments“. Da stehen also Stephanie Pupke, 33, und Eleonore von Schwanenflügel, 35, im Zelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“ auf der Straße des 17. Juni und sehen noch fast so zart aus wie ihre Models, die wundersame Stühle und antike Köpfe auf ihren Seidenkleidern tragen – als Drucke, versteht sich. Sie erzählen, wie sie sich bei Wolfgang Joops Marke Wunderkind kennenlernten, wo sie mehrere Jahre lang arbeiteten, bis sie sich vor zwei Jahren unter dem doch etwas umständlichen Markennamen Vonschwanenflügelpupke selbständig machten. Es ist keine große Kollektion. Aber mit welchem Witz die Drucke arrangiert sind, wie sie teils von Gardinen gerahmt sind, die dann wiederum in Plissees übergehen – das ist doch immerhin eine Entdeckung.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von solchen Beobachtungen lebt die Berliner Modewoche – gerade nach den Absagen von Boss, Rena Lange, Basler und Escada. Die Hochstimmung der vergangenen Jahre wäre in dieser Woche wegen des verdünnten Programms fast gekippt. Aber dann wiederum zeigen viele kleine Marken starke Kollektionen. Die Berliner Mode hat genug Substanz für eine ganze Woche. Kaviar Gauche, Perret Schaad, Vladimir Karaleev, Lala Berlin, Kilian Kerner, Hien Le, Augustin Teboul, Issever Bahri, Mongrels in Common, Sissi Goetze, Michael Sontag und dazu noch die aus Mannheim zugereiste Dorothee Schumacher und die aus Mainz kommende Anja Gockel – viele Marken werden jetzt noch besser sichtbar, da sie nicht von großen Namen überstrahlt werden.

          Und dann ist da natürlich noch Michael Michalsky mit seiner „StyleNite“ im Tempodrom am Freitagabend, der abschließende Höhepunkt der Modewoche. Also Vorhang auf! Obwohl, der Vorhang erinnert hier an ein puristisch gehaltenes Garagentor. Zum Vorschein kommen dahinter zunächst – nackte Männerbeine. Die Herrenmode des Designers, die meist besser abschneidet als die Damenkollektionen, hat eine Spritze zu viel Testosteron injiziert bekommen, so dass die Models in Shorts und Bikerjacken auf dem Weg in den nächsten McFit sein könnten. Die übergroßen Parkas und die Bündchen an den Hosensäumen, die darunter ein Elektroblau hervorblitzen lassen, sind dabei gar nicht mal das Problem. Aber wie, bitteschön, sind die Fesselbänder gemeint? Etwa wie Schweißbänder am Knöchel? Und warum soll die Hose ausgerechnet Silber sein? Und was ist mit den Damen? Reißverschlüsse von Kopf bis Fuß, Röcke kurz und eng, Blusen zu durchsichtig. Haben die Models deswegen plötzlich eine Dauerwelle bekommen?

          Oder sind wir jetzt einfach nur zu engherzig? Denn die silbernen Sneaker der Männer haben das Zeug zum Renner der Saison. Und die orangefarbenen Prints bei den Frauen sind mehr als das Bekenntnis des Designers, Korallen in Drucke zu überführen, um auf ihre Gefährdung hinzuweisen – sie sind auch an sich schön anzuschauen. 1720 Gäste, so viel wie nie zuvor, sind gekommen, um die Schau des Modemachers zu sehen. Sein Publikum erweitert er von Saison zu Saison – unter anderem auch mit Sofas und von diesem Jahr an mit Tapeten und Teppichen. Unter dem Multi-Designer darf aber nicht der Modemacher verloren gehen.

          Bitte draußen bleiben: Perret Schaad nutzt die Berliner Nationalgalerie zu einer exklusiven Präsentation Bilderstrecke

          So ist unser Star des Tages ausnahmsweise nicht Michael Michalsky – sondern Bobby Kolade, mit Betonung auf der letzten Silbe. Wie, Bobby Kolade? Ja, das ist der Designer, der von deutsch-nigerianischen Eltern im Sudan geboren wurde, in der ugandischen Hauptstadt Kampala aufwuchs und 2005 nach Berlin kam. Am Freitagabend steht er, bekleidet mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Harley Davidson“, unter dem ein Blumenhemd hervorlugt, vor dem Publikum des Wettbewerbs „Start Your Fashion Business“ – und hat gewonnen. Der Sechsundzwanzigjährige, dessen Debütkollektion zugleich die Abschlusskollektion der Modeschule ist, hat „Vonschwanenflügelpupke“ und „Sopopular“ überrundet und den Nachwuchs-Wettbewerb des Berliner Senats für sich entschieden – inklusive 25.000 Euro, die er in seine Kollektion  investieren wird.

          Das ist eine schöne Anerkennung. Aber was ist mit den anderen? Auch sie hätten Zuspruch verdient nicht nur in Amerika und Japan – sondern auch in Deutschland. Zum Glück hat daher Christiane Arp den Glauben an Berlin noch nicht verloren. Sie exportiert den „Vogue Salon“, in dem sie seit Jahren Jungdesigner den Einkäufern näherzubringen versucht, nun sogar nach München. Im Kaufhaus Lodenfrey wird die „Vogue“-Chefin am 18. Juli ihre Favoriten in einer „trunk show“ vorstellen. „Ich gebe einfach nicht nach“, sagt sie. „Talente brauchen eine Bühne.“

          In Berlin haben sie in der Nacht zum Samstag zum absoluten Abschluss noch eine ganz anderen Bühne: das „Chat Gris“ an der Torstraße. Dort sind nicht alle Katzen grau: Johanna Perret (Perret Schaad) freut sich über die positiven Reaktionen auf die Schau hinter Glas in der Neuen Nationalgalerie; Vladimir Karaleev nimmt die Sache selbst in die Hand und legt im Keller persönlich Hip-Hop auf; und Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi (Schmidt Takahashi), die an Recycling-Mode arbeiten, werden vom Bürgersteig vor dem Lokal vertrieben – nur weil sie Bier vom Kiosk gegenüber trinken. In oder out – das ist auch hier die Frage.

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