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Berliner Modewoche – Tag 4 : Die Mode ist tot

  • -Aktualisiert am

Kann man tragen: Marina Hoermanseder Bild: AP

Tag vier der Fashion Week hat es in sich: Selten hat man hier so gute Entwürfe gesehen – und zugleich so gelacht. Da kamen Models aus dem 3D-Drucker, und nebenbei wird die Mode beerdigt.

          Freitag, als wir uns nach vier Tagen Fashion Week gerade fragen, ob es noch andere gibt, die sich über die Besetzung der ersten Reihe wundern, kommt eine beruhigende Mail der Veranstalter, wer alles zur Schau des Labels „Sammler Berlin“ geladen war: „Claudia Effenberg, Rolf Scheider, Rebekka Müller (Schauspielerin, sagt mir nichts), Sarah-Lorraine (Ms. Irgendwas, sagt mir nichts).“ Uns auch nicht, deswegen haben wir mal nachgeschaut: Rebekka Müller macht Filme (die wir nicht kennen: „Reeperbahn“, „Krankenpfleger“?), aber sie ist buchbar als „singende Schneekönigin/Rapunzel für Events“ und hat am Stand von „Dirt Devil“ auf der IFA gearbeitet, was keine Schande ist. Schließlich geht Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers auch zur McDonald’s-Eröffnung. Und Sarah Lorraine ist nicht „Ms. Irgendwas“, sondern war Miss Bayern, Miss Internet und sogar „Miss Exclusive of the World“. Jetzt hat sie sich, lesen wir, „einen Namen im Model-Business gemacht“, sie „jettet viel um die Welt“ und stand sogar schon „vor der Linse eines Fotografen, der am gleichen Tag auch Adriana Lima fotografierte“. Na hoffentlich hat er die Linse danach nie wieder gewaschen. „Schlimm finde ich“, sagt Sarah-Lorraine irgendwo im Internet, „wie Models behandelt werden, herablassend, als sei man nichts wert.“ Zum Glück ist sie ja nicht nur Model, sondern auch Miss Irgendwas. Aber zurück zur Liste: ein bisschen klugscheißen müssen wir noch. Ruth Haber ist nicht „ältere Schauspielerin, bestimmt nicht so interessant für Fotografen“, wie es an die Journalisten des IMG-Presseverteilers kommuniziert wurde. Haber war lange Jahre Moderedakteurin, und Jan-Henrik Scheper-Stuke ist (welch Lapsus!) nicht „Krawattenkönig?“, sondern ist, oder besser war „Herr der Schleifen“. Weiß doch jeder.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damit hat es sich an diesem letzten Tag der Modewoche aber auch schon fast mit den Pannen. Erst einmal sieht man noch mal ein paar echte Highlights: Über Marina Hoermanseder kann man spätestens jetzt sagen, dass sie die spannendste Designerin ist, die Berlin hat. Eine Art junger Alexander McQueen, nur weiblicher. Die Lederbondage-Korsetts, ihr Markenzeichen, toppt sie einfach selbst – mit überdimensionalen Lampenschirmröcke aus dem 3-D-Drucker. Das sind zwar keine Sitzröcke, aber dafür sind die extrahohen High Heels auch keine Laufschuhe. Die Models müssen die Röcke alle paar Meter unauffällig austarieren, sie tragen ja echte Skulpturen über den Laufsteg. Aber auch die Stücke für Normalsterbliche hat Hoermanseder verfeinert, die Ballonhosen, die Boucléjacken, die Kostüme, die in einer Fifties-Zuckerwattewelt so gut unterkommen könnten wie in einem Science-Fiction-Thriller passen auch ins Hier und Jetzt. Das muss man erst mal schaffen!

          Gute Frage auch, wie bei Dorothee Schumacher scheinbar jedes Teil Versatzstück für den Kleiderschrank sein kann und trotzdem alles zusammen, die vielen verschiedenen Blumendrucke, der Hauch von Hippie, die Hemdblusenkleider, das Leder ein stimmiges Bild ergeben? Sollte jetzt jede Dorothee-Schumacher-Schau so toll aussehen, muss man sich wohl ernsthaft Sorgen machen, dass sie bald nicht mehr in Berlin zeigen wird, sondern zum Beispiel in London.

          Obwohl, es gibt sogar Briten in Berlin: Als letztes Aufgebot im Zelt zeigen Fyodor Golan ihre Kollektion. Neonfarbene Kniestrümpfe. Hosen aus zartem Netzstoff. Röcke mit Hosentaschen. Rüschen. Immer wieder Rennwagen-Drucke. Alle Farben des Regenbogens. Die zwei Briten hinter dem Label scheinen schrille Vögel zu sein. Bislang zeigten sie ihre Kollektionen in London. Und dort sind sie auch schon recht erfolgreich: Ihre „My Little Pony“-Kollektion gab’s gerade bei Selfridges.

          Apropos Einzelhandel, beim Berliner Mode-Salon, der Initiative von Christiane Arp, „Vogue“-Chefredakteurin, und Marcus Kurz von der Agentur „Nowadays“, treffen Designer, die für Deutschland wichtig sind auf Einkäufer, die in Deutschland etwas zu sagen haben. Eine Art „Vogue-Night“ am Nachmittag, jene Party, die später am Abend auf dem Programm steht. Entsprechend gut drauf sind die Designer: Vladimir Karaleev nimmt einen schnell mit backstage und geht dort seine Looks durch: tropische Postkartenoptik auf Kostümen, Blusen, Tops, Jacken, die so entworfen sind, dass sie wirklich von Spontanität erzählen, „als hätte man sie ganz schnell anziehen müssen“. Dass sich so etwas auch deutsche Kundinnen wünschen, verstehen langsam auch die Einkäufer: „Ein Geschäft aus Darmstadt hat gestern geordert“. Auch Anna Bornhold und Christina Braun zeigen ihre Entwürfe im Berliner Salon. Die beiden Kandidatinnen hatten zusammen mit Annelie Schubert am Modefestival in Hyères teilgenommen, Bornhold wurde von Chloé ausgezeichnet. Tim Labenda erklärt derweil, wie er über sich selbst erstaunt war, „einen Instinkt für Leinen“ zu haben, und eine Hälfte der Felder-Felder-Zwillinge nimmt schon mal Musikwünsche für den Abend entgegen. Auf der „Vogue“-Party wird sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester auflegen.

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