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Berliner Modewoche (Tag 1) : Um Knopf und Kragen

Hien Le Bild: dpa

Die „Mercedes-Benz Fashion Week“ hat Federn gelassen. Ein paar Marken nutzen das zum großen Auftritt. Und gefeiert wird auch bei bescheidenem Schauenplan.

          6 Min.

          Routine ist das noch immer nicht. Es ist Dienstag, 10.27 Uhr, und Hien Le hat gerade zum dritten Mal in Folge die Berliner Modewoche eröffnet. In diesem Chaos, zwischen den Kameras, den Anziehhilfen und den Männermodels, die sich aus den Lederhosen schälen, kommt keine Routine auf. Auch im Design geht’s weiter. Der Berliner Modemacher hat Baby-G-Uhren entworfen (zum zwanzigsten Geburtstag der Uhrenmarke) und die typischen Nylonarmbänder in Neonpink, Zitronengelb oder Mintgrün gegen schlichte Lederarmbänder in Bordeaux oder Schwarz getauscht. Zum ersten Mal findet die Nicht-Farbe jetzt auch in seine Kollektion, auf strenge Mäntel oder als Print, der aussieht, als wäre er mit Bleistift direkt auf den Wollstoff schraffiert worden. Für Herbst und Winter nimmt sich Hien Le also optisch zurück und gibt sich zugleich selbstsicher – mit weißen Rollkragenpullovern, weißen Hosen, Lederhosen, Lederjacken, Lederröcken, sogar Lederculottes.

          Notizen vom Laufsteg: der Liveblog zur Modewoche

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, routiniert sind die jungen Designer nicht. Schon das geschäftliche Überleben fordert den 30 bis 40 Jahre alten Berliner Modemachern, die in den vergangenen Jahren bekannt geworden sind, viel Kreativität und Improvisationsvermögen ab. Hien Le hat es immerhin wieder ins Modezelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“ am Brandenburger Tor geschafft. Einige Designer seiner Generation dagegen sieht man in dieser Woche gar nicht auf dem Laufsteg: Was machen eigentlich Sissi Goetze, Michael Sontag, Issever Bahri und Mongrels in common? Ihr Fehlen könnte die Modewoche vielleicht verkraften. Aber wenn auch etablierte Marken wie Hugo Boss, Rena Lange, Strenesse und Escada nicht da sind, dann geht es hier langsam um Knopf und Kragen.

          Feiern geht aber immer. Die Messe „Bread & Butter“ trank und tanzte am Flughafen Tempelhof in die Modewoche hinein. Und in Prenzlauer Berg tropfte gar der Schweiß von der Decke, auf der inoffiziellen Eröffnungsparty der Modewoche, veranstaltet vom anarchischen Männermode-Blog „Dandy Diary“ im Bunker der Alten Königstadt-Brauerei. Schäferhunde schlichen wie hungrige Raubkatzen eine Empore entlang und murrten.

          Hunderte schreckte das nicht ab – einige noch mit heiserer Kehle vom Tag zuvor im Bergi. Die Bässe ließen Lungenflügel beben, auf der Bühne reichlich „Bitches“ und „Pussies“ und Krieg und Terror. Der Hotspot der Subkultur zog aber dieses Mal auch Modemanager an und als Sponsor sogar die Marke „New Yorker“. Was Events angeht, sind die Berliner eben noch immer Weltklasse. Bei dieser Location war sogar an alles gedacht: Je tiefer man die Treppen hinabstieg, um so weniger Handys hatten Empfang. Kein Netz, kein Facebook: Die Terror-Party war am Ende recht erholsam.

          Hien Le

          Militant, martialisch und markant ging es am Dienstag weiter, mit Männermode. Auch Daniel Blechmann, der mit seiner zehnten Kollektion auf sein bisheriges „Sopopular“-Schaffen zurückschaut, bedient sich subkultureller Strategien mit fetischartigen Zügen von stützenden und schützenden Halskrausen bis zu ledernem Brustgeschirr vor klar konturierten Oberteilen. „Für die Zukunft heißt es: Kampfansage“, sagt Blechmann. An Mut fehlt es ihm jedenfalls nicht. Für den Kampf bleibt er dem Military-Stil treu. Die tadellosen Trenchcoats könnten sogar Büromenschen stehen.

          Marc Stone

          Den Weg zum harten Mann beschreiten auch Marc Stone und Ivan Mandzukic: Der Serbe löst sich von den femininen Schnitten und den Pastelltönen der letzten Saison und schafft mit Uniformen in Aubergine, Schwarz und Beige eine düstere Stimmung. Halskrausen aus Wollkrepp werden zu einschnürenden Stehkrägen. Grobstrick in Layer-Optik und Oversize-Jacken lockern die Kollektion auf. Richtig modern wird der Look aber erst durch funktionale Lederrucksäcke, die wie eine Handtasche lässig in der Hand liegen. Und wo wir bei den Männern sind: Nachdem Julian Zigerli gerade eine Schau im Palazzo von Armani gezeigt hatte, der ihn als jungen Nachwuchsdesigner ausgewählt hat, zeigte er in Berlin – ein Theaterstück. Darin bleibt er seinen Prints treu, die er in dieser Saison mit dem Pariser Grafiker-Duo Golgotha ersann. Strukturierte Waben und geometrische Figuren überziehen honig- und grapefruitfarben die funktionale Mode des Schweizers, die von den Models während eines Monologs auf der Bühne ab- und übergestreift wurde. Julian Zigerlis Stücke sind anders. Deshalb wird sein Stück auch nicht im Modezelt der Modewoche aufgeführt. „Das ist dort einfach nicht meine Welt.“

          Die Besitzer von Boutiquen und die Einkäufer von Kaufhäusern sieht man in der ersten Reihe der Berliner Schauen selten. Sie gehen lieber zu den Messen. Die „Premium“ am Gleisdreieck zeigte sich am Dienstagabend sehr zufrieden. Und auch bei der „Bread & Butter“ in Tempelhof waren am ersten Tag viele Besucher zu sehen. Aber dort weicht der Schwung der frühen Jahre langsam dem nüchternen Kalkül. Messechef Karl-Heinz Müller möchte die „Bread & Butter“ ab Sommer an zwei Tagen auch fürs allgemeine Publikum öffnen, um neue Dynamik zu entfachen. Unter den Messebesuchern, so meldete die „Textilwirtschaft“ am Dienstagnachmittag, werde Müllers Vorstoß „kontrovers diskutiert“. Die Besucherfrequenz bezeichnete das Fachblatt zudem nüchtern als „business as usual“. Messechef Müller war gar nicht amused. „Fachpresse“, so angeblich seine Worte, „ist sehr böse.“

          Bei den Modemachern hingegen scheinen die Nerven nicht einmal dann blank zu liegen, wenn Ordern ein Fremdwort ist. Die Designerinnen von Augustin Teboul, die in ihrer Kollektion im Geiste von Jean Michel Jarre einer „retrofuturistischen Vision“ anhängen, nehmen es gelassen: „In Deutschland verkaufen wir sowieso nicht viel.“ Die beiden Modemacherinnen benutzen für den Winter zum ersten Mal nicht nur die Farbe Schwarz, sondern auch Nude, und sie experimentieren mit einem gewagten Materialmix aus Neopren, Spitze und Chiffon. Die coolsten Berliner kommen, und die Moderedakteurinnen lieben es. Aber der Weg in den Markt ist selbst für angesagte Marken lang – denn er führt nach Japan oder New York.

          Dabei erzählt Einzelhändler Andreas Murkudis, der gleich nebenan im Hinterhof an der Potsdamer Straße vor seinem Laden für experimentelle Mode steht, die aber eher aus Frankreich oder Belgien stammt, dass 2013 sein erfolgreichstes Jahr war. Dieses Jahr, so meint er, werde noch besser, weil er im neuen Bikini-Hochhaus am Zoo im Frühjahr allein drei neue Läden eröffnet. So paradox es klingt: Der Luxusmarkt in Deutschland blüht weiter, während die deutschen Luxusmarken zu verdorren drohen.

          Filippa K.

          Davon profitieren auch die Schweden. Anders als die Deutschen kann Filippa K. gar nicht genug bekommen von Berlin. Nach zwei Läden an der Alten Schönhauser Straße im Osten und der Schlüterstraße im Westen hat die gutgelaunte Vorstandsvorsitzende Amelie Söderberg einen dritten Laden am Kurfürstendamm eröffnet. Im ersten Stock des Altbaus legt man am Dienstag einen Laufsteg aus, der so schmal ist, dass man sich noch immer wie in einem Wohnzimmer fühlt. Auch das hier können die Skandinavier: klare Silhouetten, neutrale Farben, zurückhaltender Materialmix, vor allem auf Mänteln, schlicht grau oder glänzend nachtblau, wie sie die Berlinerin in gut einem halben Jahr schon wieder zu schätzen lernt.

          Auch im Billigsegment dominieren übrigens in Deutschland die Ausländer. Nach den Schweden (H&M), den Spaniern (Zara) und den Iren (Primark) kommen nun auch die Japaner: Uniqlo will hier Fuß fassen. Der japanische Fast-Fashion-Billiganbieter erzielt zwei Drittel des Umsatzes von H&M, ist in Asien und Amerika erfolgreich, aber in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Nachdem Uniqlo in London und Paris schon mehrere Läden eröffnet hat, will man nun im April ein Geschäft an der Tauentzienstraße aufmachen. Einem temporären Pop-up-Store in der Torstraße sollen bis April von Kiez zu Kiez weitere folgen – mit jeweils einem Produkt der Kollektion. Uniqlo setzt stark auf Kunstfasern. Europa-Chef Berndt Hauptkorn meint, dass das auch hier funktioniert: „Ich kenne die Verbundenheit der Deutschen zu Naturfasern. Wir haben auch Merinowolle und andere Stoffe im Sortiment, aber Japaner setzen auch auf High-Tech. Wir wollen mit günstigen, aber hochwertigen Produkten punkten.“ Die Marke, so viel verrät er, hat nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland im Blick.

          Im Blitzlicht: Erste Reihe bei Achtland

          Immerhin beenden zwei Berliner Marken den ersten Tag der Modewoche mit starken Auftritten. Oliver Lühr und Thomas Bentz von Achtland brechen fast zu gewollt mit der lieblichen Schönheit der letzten Saison – und konterkarieren die aleatorisch mit Acryllack bemalten Unützer-Halbschuhe mit einem Kleiderstil, der sich mit eigenwilligen Farbkombinationen, mutigem „material blocking“ und zarten Stickereien im Sinne der Gemälde des britischen Künstlers Gary Hume unberechenbar macht. „Die Achtland-Rose hat Dornen bekommen“, meint Thomas Bentz nach der Schau. Allerdings um den Preis unansehnlicher Seidenlamé-Röcke. „Dass es nicht gefällt“, meinen die beiden fröhlich, „das ist genau die Reaktionen, die wir hervorrufen wollen.“ Miuccia Prada, aufgepasst!

          Bei der anderen Marke ging es um die reine Schönheit. Das sah man schon an all den Herzen und Herzchen, die sogar die Form der geliebten Lamella Bag bestimmen. Kaviar Gauche, also Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler, fertigen nicht nur die schönsten Brautkleider. Ihr Spiel aus Maskulinem und Femininem, Schwarz und Weiß, geht weiter. Die Braut hatte hier die Hosen an, also Seideneinteiler mit Rüschen, Schleifen und Schluppen. Zu den Overalls, die wie Abendroben anmuten, gibt es auch gleich den passenden Schmuck, kleine goldene Herzringe, die für das jüngste Vorhaben der beiden stehen: Verlobungsringe zu fertigen. Janine Henkes und ihre Band All the Ghosts sangen zum Showbeginn und zum zehnjährigen „Kaviar“-Jubiläum also fast in jeder Hinsicht passend „Love me tender“. Mehr solche Liebeslieder, bitte! Die helfen vielleicht auch der Berliner Mode.

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