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Berliner Modewoche (Tag 1) : Um Knopf und Kragen

Hien Le Bild: dpa

Die „Mercedes-Benz Fashion Week“ hat Federn gelassen. Ein paar Marken nutzen das zum großen Auftritt. Und gefeiert wird auch bei bescheidenem Schauenplan.

          Routine ist das noch immer nicht. Es ist Dienstag, 10.27 Uhr, und Hien Le hat gerade zum dritten Mal in Folge die Berliner Modewoche eröffnet. In diesem Chaos, zwischen den Kameras, den Anziehhilfen und den Männermodels, die sich aus den Lederhosen schälen, kommt keine Routine auf. Auch im Design geht’s weiter. Der Berliner Modemacher hat Baby-G-Uhren entworfen (zum zwanzigsten Geburtstag der Uhrenmarke) und die typischen Nylonarmbänder in Neonpink, Zitronengelb oder Mintgrün gegen schlichte Lederarmbänder in Bordeaux oder Schwarz getauscht. Zum ersten Mal findet die Nicht-Farbe jetzt auch in seine Kollektion, auf strenge Mäntel oder als Print, der aussieht, als wäre er mit Bleistift direkt auf den Wollstoff schraffiert worden. Für Herbst und Winter nimmt sich Hien Le also optisch zurück und gibt sich zugleich selbstsicher – mit weißen Rollkragenpullovern, weißen Hosen, Lederhosen, Lederjacken, Lederröcken, sogar Lederculottes.

          Notizen vom Laufsteg: der Liveblog zur Modewoche

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, routiniert sind die jungen Designer nicht. Schon das geschäftliche Überleben fordert den 30 bis 40 Jahre alten Berliner Modemachern, die in den vergangenen Jahren bekannt geworden sind, viel Kreativität und Improvisationsvermögen ab. Hien Le hat es immerhin wieder ins Modezelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“ am Brandenburger Tor geschafft. Einige Designer seiner Generation dagegen sieht man in dieser Woche gar nicht auf dem Laufsteg: Was machen eigentlich Sissi Goetze, Michael Sontag, Issever Bahri und Mongrels in common? Ihr Fehlen könnte die Modewoche vielleicht verkraften. Aber wenn auch etablierte Marken wie Hugo Boss, Rena Lange, Strenesse und Escada nicht da sind, dann geht es hier langsam um Knopf und Kragen.

          Feiern geht aber immer. Die Messe „Bread & Butter“ trank und tanzte am Flughafen Tempelhof in die Modewoche hinein. Und in Prenzlauer Berg tropfte gar der Schweiß von der Decke, auf der inoffiziellen Eröffnungsparty der Modewoche, veranstaltet vom anarchischen Männermode-Blog „Dandy Diary“ im Bunker der Alten Königstadt-Brauerei. Schäferhunde schlichen wie hungrige Raubkatzen eine Empore entlang und murrten.

          Hunderte schreckte das nicht ab – einige noch mit heiserer Kehle vom Tag zuvor im Bergi. Die Bässe ließen Lungenflügel beben, auf der Bühne reichlich „Bitches“ und „Pussies“ und Krieg und Terror. Der Hotspot der Subkultur zog aber dieses Mal auch Modemanager an und als Sponsor sogar die Marke „New Yorker“. Was Events angeht, sind die Berliner eben noch immer Weltklasse. Bei dieser Location war sogar an alles gedacht: Je tiefer man die Treppen hinabstieg, um so weniger Handys hatten Empfang. Kein Netz, kein Facebook: Die Terror-Party war am Ende recht erholsam.

          Hien Le

          Militant, martialisch und markant ging es am Dienstag weiter, mit Männermode. Auch Daniel Blechmann, der mit seiner zehnten Kollektion auf sein bisheriges „Sopopular“-Schaffen zurückschaut, bedient sich subkultureller Strategien mit fetischartigen Zügen von stützenden und schützenden Halskrausen bis zu ledernem Brustgeschirr vor klar konturierten Oberteilen. „Für die Zukunft heißt es: Kampfansage“, sagt Blechmann. An Mut fehlt es ihm jedenfalls nicht. Für den Kampf bleibt er dem Military-Stil treu. Die tadellosen Trenchcoats könnten sogar Büromenschen stehen.

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