https://www.faz.net/-hrx-7az20

Berliner Modewoche (Tag 1) : Röcke mit zwei Beinen

  • -Aktualisiert am

Ein leises Zeichen von Emanzipation? Die Eröffnungsschau von Hien Le. Bild: dpa

Der erste Tag gehört auch den Designern, die für Herren entwerfen. Dabei sind es zwei Herren, die bei einer Damenmodenschau neue Maßstäbe setzen.

          Die Hose in Tomatenrot, die um kurz nach 10 Uhr am Dienstagmorgen über den Laufsteg am Brandenburger Tor flattert, wirkt auf den ersten Blick wie ein Rock. Seitlich ist sie geschlitzt, sie ist so weit, dass sie beinahe schwingt. In der Schau von Hien Le, zum Auftakt der Mercedes-Benz Fashion Week, scheinen selbst Röcke zwei Beine zu haben. Darf man in diese Hosen, die bei Hien Le übrigens nicht nur rot sind, sondern auch beige und himmelblau, die mit einem stark verfremdeten Libellenmuster bedruckt sind und dabei mal enger, mal weiter, mal kürzer, mal länger sitzen, vielleicht ein leises Zeichen von Emanzipation sehen?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Hosen könnte der Designer, der sein eigenes Label im Jahr 2010 gründete, nämlich wunderbar den Schwarzmalern der Modewoche entgegensetzen, die in dem Fernbleiben großer Marken schon wieder ein Symptom für die Schwäche der Veranstaltung erkannt haben wollen. Hien Les Hosen sind, zusammen mit leichten weißen Hemden und querlaufenden Rückenschnitten, so tragbar auf der Straße wie tauglich auf einem Laufsteg, und erfüllen somit einen Anspruch, den viele große Marken, die in dieser Saison auf dem Kalender fehlen, nicht immer hatten. Die aktuelle Ausgabe der Fashion Week muss ohne Namen wie Hugo Boss, Rena Lange und Basler auskommen. Auch die Münchner Marke Escada organisiert seit der vergangenen Ausgabe lieber Präsentationen in Russland und China als in der eigenen Hauptstadt.

          Die Weichen für den Sommer 2014 legen

          Die rund 250.000 Besucher, die zur 13. Mercedes-Benz Fashion Week sowie auf den weiteren 14 Messen in diesen Tagen erwartet werden und der Stadt einen Umsatz von nicht weniger als 120 Millionen Euro bescheren, scheint das nicht fernzuhalten. Wer also glaubt, zur Party kämen keine Gäste, hat sich getäuscht. Sofern man überhaupt von Party sprechen kann. Denn wenn zum Beispiel Besuchern der Streetwear-Messe Bread & Butter die Eintrittskarte neuerdings 500 Euro wert sein muss, dann zahlen diese bestimmt nicht, um hinter den Schleusen Champagner zu trinken und Gimmicks abzustauben, sondern weil sie dort geschäftlich die Weichen für den Sommer 2014 legen.

          Bei Hien Le scheinen selbst Röcke zwei Beine zu haben. Bilderstrecke

          Obwohl, so ganz ohne Partys wäre die Woche natürlich schon trist. Also auf zu einer am Vorabend: Was sich da, ein paar Stunden vor der ersten Schau, am späten Montag am Firmament Berlins zusammenbraut, dürfte getrost als Vorbote einer züggellosen ersten Nacht der Berliner Modewoche verstanden werden. Und auch wenn der gewittrige Platzregen über dem offenen Pool des Sage/KitKat-Clubs in Mitte nicht allen Gästen gelegen kommt, ist die mittlerweile fast schon offizielle Opening-Party des Männermode-Blogs „Dandy Diary“ (die erst kürzlich mit einem Flitzer bei Dolce & Gabbana für Aufsehen sorgten) überlaufener denn je zuvor. An der harten Tür kann’s nicht liegen, denn da kommt sogar Michael Michalsky durch, weiland spinnefeind mit den Bloggern. Seit seiner letzter StyleNite versteht man sich allerdings prächtig, und so wird das Prinzip „Designer lädt Blogger ein“ umgekehrt: „Unsere Freundschaft haben wir mit Zungenschlag besiegelt“, sagt David Roth, der mit Jakob Haupt „Dandy Diary“ führt. Michalsky steht an dem Abend zu seinem Wort und serviert an „Michi’s Weinbar“ eine Stunde lang gratis Alkohol – selten zuvor dürften die Gäste den Designer so geschätzt haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Teurere Flugtickets – fürs Klima?

          Die Bundesregierung berät über Klimaschutzmaßnahmen, die EU-Innenminister streiten über die Flüchtlingsverteilung – und in Königswinter beginnt der Petersburger Dialog. Was heute sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.