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Berliner Modewoche – Tag 1 : Die Botschaft steckt im Plüschgewebe

Wo der intime Moment noch in die Mode gewebt ist: Nobi Talai Bild: dpa

Die Designer in Berlin machen nicht nur Kleider. Ihre Erzählungen gehen über den Laufsteg hinaus ins Leben. Ein Blick auf Capes für die moderne Nomadin, viel Farbe für Männer und eine Anti-Spießer-Kollektion.

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          Sie läuft über den Laufsteg, als ob sie nicht wüsste, wohin. Dabei ist die Richtung klar: nach vorn. Nobieh Talaei, die gerade ihre erste Laufsteg-Kollektion gezeigt hat, scheint den Applaus gar nicht fassen zu können. Dabei hat sie gerade eine erstaunlich souveräne Kollektion gezeigt, die unter anderem von Erzählungen ihrer persischen Großmutter über Nomaden angeregt ist. Die Capes, manche asymmetrisch, manche lang wie ein Mantel, schützen gegen Wind und Wetter. Die Knotenbindung ist so einfach wie cool. Die robusten Farben tarnen und schmücken gleichermaßen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Aber es ist natürlich für die moderne Nomadin von heute, die immer auf der Reise ist", sagt Nobieh Talaei backstage. Dafür hat die Berliner Designerin, die 1978 in Teheran geboren wurde und zu Wendezeiten mit ihren Eltern nach Berlin zog, originelle Stoffe verwendet. Was aussieht wie ein Persianer, ist dicht und dick gewebtes Mohair, wie es auch bei der Produktion von Steiff-Teddybären verwendet wird: Die Botschaft ihrer Familie steckt im Plüschgewebe. Bei Nobi Talai, wie sie ihr Label vereinfachend genannt hat, passen vorderasiatische Traditionen und puristischer Personalstil wie durch ein Wunder gut zusammen.

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          Noch ist da der intime Moment

          Der Applaus ist am Dienstag, dem ersten Tag der Berliner Modewoche, auch deshalb so ausdauernd, weil Nobieh Talaei für all die Designer steht, die ihre eigene Geschichte in die Stoffe weben. Die Stärke bei all den Jungdesignern, die wieder und weiter auf dieser Modewoche ihr Glück versuchen, ist ja gerade die existentielle Ebene, der persönliche Zugang, der intime Moment, der in der Mode abstrahiert wird und doch Gemeinschaft stiftet. Vertrieb, Marketing, Imagebildung – das wird im Laufe der Karriere das Private rauben. Aber noch ist es da – und nirgends kommt es schöner zum Vorschein als im Kronprinzenpalais, dem Palast der Jungdesigner.

          Passend also auch, dass Ivanman, das junge Label des Designers Ivan Mandzukic, an diesem ersten Tag der Berliner Modewoche so optimistisch leuchtende Farben zeigt, dass sie dem strahlenden Berliner Sonnenschein Konkurrenz machen könnten – bei eisigen Temperaturen. Mandzukic versteht es, seine klassische Herrenmode mit etlichen tiefen aufgesetzten Taschen witzig funktional weiterzudrehen. Aber dieses Mal leuchten die Jacketts, die Hemden, Westen, Rollkragenpullover und Mäntel, sogar die Strümpfe, in besonders schönen Zitrustönen, in Grün und Fuchsia. Dass Manduzkics Männer darin trotzdem nicht kostümiert aussehen, dürfte an dem schlichten Beige und dem Dunkelblau dazwischen liegen, die jeden Look zuverlässig erden, das ist spätestens nach den ersten zehn klar. Optimistischer könnte eine Berliner Modewoche im Januar dennoch kaum beginnen.

          Mäntel, in die man sich hineinträumt

          Vor allem, wenn sich gleich darauf an diesem Dienstagmittag René Storck ankündigt. Der Frankfurter Modemacher zeigt zum ersten Mal in Berlin seine Kollektion, und das obwohl er mehr Erfahrung haben dürfte als alle Berliner Jungdesigner zusammen – und sie zugleich bestens versteht. Seit 1991 ist Storck im Geschäft, 2007 stieg ein Investor ein, 2012 sprang der wieder ab – und Storcks Label stand vor dem Aus. Business as usual für Modemacher, könnte man sagen. Und deshalb ist es auch kein Wunder, dass davon heute im Kronprinzenpalais, in einem Raum, der aussieht wie mit Marzipan ausgekleidet, nichts zu sehen ist. René Storck besinnt sich längst wieder auf das, wofür ihn seine Kundinnen schätzen, perfekt fallende Pullover, selbstbewusst stehende Jackenkragen, Gürtel in der Taille, Mäntel, in die man sich hineinträumt, oder die man jetzt in seinem kleinen feinen Store im Frankfurter Nordend anprobieren kann – statt wie früher an der der Goethestraße, dem Zuhause der Megabrands.

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