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Berliner Modewoche – Tag 1 : Die Botschaft steckt im Plüschgewebe

Die coole Seite von Berlin

Auch das ist eine Möglichkeit, als unabhängiger Designer zu überleben. Der Newcomer Bobby Kolade sucht andere Alternativen, kehrt dem Kalender also den Rücken und zeigt seine vierte Kollektion schon am Montag abseits im Happy Shop. „Wir hatten einfach keine Zeit, eine Show zu machen“, sagt der Designer, der vor zehn Jahren aus Uganda nach Berlin kam. „Ich finde es nicht mehr modern für kleine Labels. Wir brauchen keine Show. Was erreichen wir schon damit? Das ist so schnell vorbei.“ Deshalb macht er jetzt tagsüber Führungen fürs Fachpublikum, abends werden die Stücke unter die Decke gehängt und darunter Party gemacht. „So kommt man erst ins Gespräch, bei einer Show geht das nicht. Und außerdem bin ich ein Party-Kid.“ Es ist der Kollektion anzusehen, in vielen kleinen Referenzen, im asymmetrischen Reverskragen in Silber, Hosen aus Lamé und schulterfreie Bomberjacken. „Das ist eine Anti-Spießer-Kollektion“, sagt Kolade, „die coole Seite von Berlin, kein Glamour“. Von der Mode kann er noch nicht leben, aber die coole Seite von Berlin verkauft er mittlerweile schon in den Hipsterläden in Los Angeles, in Peking und in London.

Gibt es noch andere Optionen in der Stadt der Jungdesigner? Isabell de Hillerin arbeitet seit Jahren mit traditionellen rumänischen Handwerkstechniken. Am Dienstagnachmittag zeigt sie, wie gut die zu Abendmode von heute passen. Die Designerin probiert sich mit rückenfreien Jumpsuits aus, mit rückenfreien Roben, dazwischen setzt sie ihre Stickereien. „Berlin ist eine Stadt mit zu wenigen Abendkleidern“, sagt sie nach der Schau. „Da muss man doch Abendkleider machen.“

Irgendwo zwischen Boko Haram und Serbisch-Osmanischem Krieg bei „Sadak“

Da ist es umso enttäuschender, dass ausgerechnet jener Designer, der sich in Berlin einen Namen für Abendkleider gemacht hat, eine so dürftige Kollektion präsentiert. Die Mode von Dawid Tomaszewski wirkt zu steif, zu schwer, oder liegt es nur an den Farben? Die Mäntel, einer mit sehenswertem Trompe-l´oeil-Druck, reißen es dann doch raus. Aber Lebensfreude sieht anders aus.

Apropos, der serbischstämmige Designer Sasa Kovacevic siedelt die Kollektion seines Labels Sadak irgendwo zwischen Boko Haram und Serbisch-Osmanischem Krieg an; eine Message, die dieser Tage im durch die Medien kriegsübersättigten Publikum nur mäßig ankommt. Er kombiniert traditionelle Stickereien mit Camouflage-Prints, macht schöne, androgyne Schnitte, die aber zu hastig zusammengenäht und ungewollt unvollendet wirken. Immerhin verkauft er gut.

Ziemlich steif kam die Präsentation von Dawid Tomaszewski daher.

Dennoch, da kann man getrost zu den Partys am Abend wechseln. Die hell und dunkel behaarten Dandy-Diary-Blogger David Roth und Jakob Haupt haben sich noch immer als Meister der künstlichen Raumverknappung bewiesen. Auf ihrer Party zur Modewoche, die diesmal erst am Dienstag und in Kooperation mit Adidas stattfindet, schaffen sie es geschickt, den Frust der Nichtreingelassenen auf das Unternehmen abzuwälzen. „Warum können die nicht fünf Counter aufstellen? So Mädels kosten zwölf Euro die Stunde. Warum dauert das hier so lange?“, ruft eine seit zwei Stunden wartende Frau dem Türsteher entgegen. Dabei sind doch eh nur Leute eingeladen, die von den Machern persönlich auf Facebook kontaktiert wurden. Das führt zu angenehmer Gleichbehandlung, die manch partyverwöhntem Berliner schwer aufstößt – ist eben doch doof, wenn alle auf der Gästeliste stehen. Drinnen ist es dann, wenn man an die anderen Partys der „Dandys“ denkt, vergleichsweise zivil. Eben auch nur eine Corporate-Sause, aber warum ausgerechnet Adidas, wo sich doch an Berliner Füßen, auch im Winter, hartnäckig Nike hält? „Adidas ist eine der beweglichsten Marken im Modebusiness, und es ist spannend für uns, einen Blick ins Innere zu bekommen“, sagt Blogger Haupt. „Und tatsächlich: da wird, wie bei allen anderen, dann doch auch nur mit Wasser gekocht – wenn auch mit levitiertem. Wir hingegen kochen im direkten Vergleich dann doch eher mit Säure.“

Party Nummer zwei an diesem Abend: Leyla Piedayesh, die ihre Lala-Berlin-Kollektion auf der Modewoche in Kopenhagen zeigen wird, wagt eine ganz neue Form. Sie spielt im großen Saal des Collectors’ Room auf drei Wänden einen Modefilm von Jonas Lindstroem ein, der atmosphärisch wirklich wirkt, bis er plötzlich wirklich wird – und am Mikro, wie dem Film entstiegen, der dänische Sänger Jesper Munk steht, der nicht nur die Designerin verzückt. Die Gesamtkunstwerkschau endet mit persischem Buffet im Vorraum. Dass Leyla selbst auf Detox ist, soll uns in diesem Augenblick wurscht sein.

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