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Berliner Modewoche : Abgefahren in den Himmel

So einfach kann das sein: Für den Minimalismus von Perret Schaad steigen die Models auf ein Podest Bild: Fricke, Helmut

Die Berliner Modewoche bringt statt der großen Namen die örtlichen Designer groß heraus. Das führt ganz langsam nach oben. Eine Bilanz.

          3 Min.

          Der zweite Tag der Modewoche beginnt, zum Glück, mit Dorothee Schumacher. Einige Modemarken haben der „Mercedes-Benz Fashion Week“ den Rücken gekehrt, sie ist noch da. Die Modemacherin aus Mannheim sagt, sie feiere die Weiblichkeit und breche sie mit rockiger Attitüde. Das sind Oversized-Mäntel, unter denen ein plissierter Rock hervorblitzt, kastige Lederjacken zu Seidenhosen, grobe Strickpullover mit Kristallen. Im schwarzen Kleid und in Boots nimmt sie nach der Schau die Glückwünsche entgegen: „Ich liebe Berlin! Ich bleibe hier!“ Heute ist das eine mutige Aussage, weil jetzt jeder gern schlecht über Berlin redet. Dabei gibt es dafür kaum Gründe. Denn so richtig viel hat sich gar nicht geändert. Die Designermode-Messe „Premium“ am Gleisdreieck war in dieser Woche so gut besucht wie nie zuvor.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Notizen vom Laufsteg: der Liveblog zur Modewoche

          Die sehr gut laufende Messe „Panorama“, die sogar alte Düsseldorfer begeistert, könnte im Sommer aufs Messegelände am Funkturm ziehen, damit sie näher am Zentrum ist. Und auch auf der „Bread & Butter“ in Tempelhof, die für den Berlin-Boom der vergangenen zehn Jahre die Grundlage schuf, war viel los. Verunsichert sind dort einige Aussteller nur über die Pläne des Messechefs Karl-Heinz Müller, nach dem Fachpublikum in Zukunft an zwei weiteren Tagen zahlende Besucher hereinzulassen. Aber so oder so bleibt es die wichtigste Messe der Welt für Jeans- und Streetwear. Das scheinen die Berliner noch immer nicht verstanden zu haben – zu schweigen von Bewohnern minderer Modestädte wie München, Hamburg oder Düsseldorf.

          Ehrgeiz der Marken erlahmt

          Krisensymptome zeigen nur die Designerschauen der „Mercedes-Benz Fashion Week“, die unter dem Fortzug von Boss, Rena Lange, Escada und Strenesse leiden, nun schon in der zweiten Saison. Das ist deshalb schlecht, weil mancher Einkäufer eigens für solche Marken nach Berlin kam (und vielleicht auch anderes mitnahm), weil mit fehlender Konkurrenz auch der Design-Ehrgeiz der Marken erlahmt und weil es sich zum Beispiel für wichtige Models bald gar nicht mehr lohnen könnte, aus Paris oder Mailand eigens nach Berlin zu fliegen – immerhin waren in dieser Woche die drei deutschen Jungstars Esther Heesch, Irma Spies und Antonia Wesseloh auf ein paar Laufstegen zu sehen.

          Aber verloren ist noch nichts. Warum sollte nicht Boss eines Tages mit der Linie Orange oder Hugo wiederkommen? Warum sollte die umtriebige Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) ihre Kontakte in die Wirtschaft nicht spielen lassen? Und warum sollten nicht noch mehr neue Marken aus dem Westen kommen? Anja Gockel (Mainz), Marc Cain (Bodelshausen) und Laurèl (München) konnten sich in dieser Woche großer Aufmerksamkeit sicher sein. Und wenn es auch modisch nicht viel bringt, so hilft es doch dem Glamour, wenn der allgegenwärtige Guido Maria Kretschmer mit einer mäßigen Kollektion die Mädchen zu spitzen Schreien hinreißt.

          Was hängt denn da? Wer sich in Vladimir Karateev kleidet, muss sich um Gesprächsthemen keine Sorgen machen Bilderstrecke

          Außerdem sind manche Berliner Designer selbst schon etabliert. Kaviar Gauche, nicht nur mit Brautmode gut im Geschäft, zeigte zum zehnten Geburtstag eine solide Vorstellung; Michael Michalsky feierte mit der „Stylenite“ – nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe – wieder eine große Mode-Party, die er sich dank geschickter Kooperationen leisten kann; Leyla Piedayesh hätte mit ihrer Lala-Berlin-Kollektion auch dann positive Kritiken bekommen, wenn sie ihre anarchische Kollektion in Anlehnung an die Berliner Punkerszene vor 20 Jahren, gemischt mit orientalischen Elementen, in Paris gezeigt hätte.

          Die Designerinnen von Augustin Teboul, die in ihrer Kollektion im Geiste von Jean Michel Jarre einer „retrofuturistischen Vision“ anhängen, haben sowieso schon Fans in der französischen „Vogue“. Und in Mailand darf man neidisch sein auf die junge Marke Achtland, die mit handwerklicher Präzision überzeugt und in einem mutigen Auftritt mit handbemalten Schuhen und extremen Material- und Farb-Zusammenstellungen schon entfernt an ganz große Marken wie Marni oder Prada erinnert.

          An jungen Namen fehlt es ebenso wenig: Stephanie Franzius (mit einigen guten Mänteln und Drucken), Isabell de Hillerin (mit handgewebten Stoffen aus ihrer Heimat Rumänien), Jennifer Brachmann (mit zerlegten und neu zusammengesetzten Trenchcoats, Hemden oder Hosen), Eleonore von Schwanenflügel und Stephanie Pupke (mit so witzigen wie stilvollen Drucken), Hien Le (mit weißen Hosen, Lederhosen, Lederjacken, Lederröcken), Daniel Blechmann von „Sopopular“ (im Military-Stil), Julian Zigerli (mit starken Prints). Zu den herausragenden Kollektionen der Woche gehörten wieder Perret Schaad und Vladimir Karaleev.

          Johanna Perret und Tutia Schaad nicht nur mit ihrer perfekt austarierten minimalistischen Kollektion, sondern auch mit einer überraschenden Location, einem Raum mit Podest in der Mitte, auf das die Models wie in den Himmel stiegen. Und Vladimir Karaleev, weil er schnitttechnisch genau so avanciert ist und noch dazu Drapierungen erfindet, wie sie waghalsiger und effektvoller kaum sein könnten. Dieser Mann braucht keine fetten Drucke – allein durch das Schattenspiel der skulpturalen Stoffstreifen entstehen die Muster. Er nennt es „dekonstruierte Eleganz“, wir nennen es schön. Von den Partys haben wir hier noch gar nicht geredet. Die Feier des „Zeit-Magazins“ wurde sogar von der Polizei geräumt. Sage nur niemand, in Berlin sei nichts los.

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