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Berliner Modewoche (1) : Mohnblumen-Melancholie und Freudentränen

  • -Aktualisiert am

Die Kollektion von Dorothee Schumacher: ein Spiel aus dünnen Negligees und glänzendem Lackleder. Bild: EPA

Der erste Tag der Fashion Week beginnt so typisch Mode, mit großen Emotionen. Und er endet so typisch Berlin, auf der Baustelle.

          4 Min.

          Wenn Berlin auf eine zählen kann, dann auf Dorothee Schumacher. Die Straßen sind jetzt zur Fashion Week eine einzige Streusplitt-Wüste. Jeder zweite, dem man die Wangen links und rechts küsst, erzählt dabei von irgendeiner fiesen Erkältung, die ihn gerade plagt. Es gibt bessere Orte als Berlin im Januar und bessere Zeitpunkte für eine Modewoche.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber dann tritt Dorothee Schumacher nach der Schau ihres gleichnamigen Labels am Dienstagmorgen auf den Laufsteg, zu Tränen gerührt, und die Mode ist doch wieder ganz bei sich. Was wäre die Mode auch ohne Emotionen? Allenfalls Bekleidung. Für Bekleidung, für neue Hosen und Daunenjacken, braucht es keine Schau. Für Mode, wie Dorothee Schumacher sie an diesem Morgen zeigt, schon: für das Spiel aus dünnen Negligees und glänzendem Lackleder, für den schweren Tweed, den die Models besser verkehrt herum tragen und die Kaschmirmantelkleider, die so leicht sind, dass sie ihnen von den Schultern rutschen. Vor allem aber für die Inszenierung, die hier so selbstverständlich aussieht, als hätten die Models sich die Kleider selbst ausgesucht.

          Dorothee Schumacher nach der Schau ihres gleichnamigen Labels auf den Laufsteg: zu Tränen gerührt. Bilderstrecke
          Dorothee Schumacher nach der Schau ihres gleichnamigen Labels auf den Laufsteg: zu Tränen gerührt. :

          Sie ziehen diese Mode zumindest zwanzig Minuten später selbst Backstage aus, während Dorothee Schumacher von ihrer Visagistin Uli Wissel noch schnell die Tränen weggeschminkt bekommt. Wenn die Modewoche so anfängt! So gut und so typisch Mode!

          Und noch besser, wenn auch die Fashion Week ein neues Zuhause hat, sowohl ohne die Zeltatmosphäre der legendären Location am Brandenburger Tor als auch ohne die Mischung aus Sektlaune und Vereinsstimmung des Eisstadions Erika-Hess. Alles schon dagewesen zur Berliner Modewoche. Stattdessen trägt jetzt das alte Kaufhaus Jandorf an der Brunnenstraße Mercedes-Benz-Stern, den Stern des Sponsors.

          Natürlich ist deshalb nicht alles gut. Die Berliner Modewoche geht mit dieser Ausgabe in ihre 20. Saison, doch nach richtig Feiern ist irgendwie keinem zumute. Zahlreiche Marken haben sich in den vergangenen Jahren von Berlin verabschiedet, manche gingen bankrott, andere ins Ausland, der Schweizer Julian Zigerli zum Beispiel. Er hat keinen Koffer mehr in Berlin, sondern ist nach Paris gegangen. „Berlin hat immer Spaß gemacht”, sagt er, „aber das Business ist woanders.”

          Der Schauen-Plan in diesem Januar wirkt wie feucht durchgewischt ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Das kann man begrüßen, sieht auch Hien Le so. „Weniger Designer, mehr Qualität.“ Hien Le, Berlins Minimalismus-König, ist ein alter Hase im Berliner Schauenzirkus. Seit Juli 2011 dabei, zeigt er nun nach einigen Saisons abseits des Zeltes im Kaufhaus Jandorf, wo man seine Mode auch kaufen kann. „Mit jeder Saison entwickeln wir uns ja auch in den Schnitten weiter“, sagt er, „und bei den Hosen sind wir endlich an einem Punkt angekommen, da sie so sitzen, wie sie sitzen sollen.“

          Hien Les Kollektion nimmt auf der Suche nach dem eleganten Look auf der Straße wie so oft Anleihen an der Sportswear. Die Farben: Smaragdgrün, Grau, Dunkelblau. Aus der Skateboard-Szene bringt er Bomberjacken, Cord und schlackernde, jeansartige Chinos mit, für die Frauen Wadenröcke und Seiden-Blousons. „Sieht aus wie leicht übergeworfen“, sagt Le. „Bis das sitzt, dauert es aber ewig.“ Teil einer Jugendbewegung zu sein, ist auch ein Kampf.

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