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Berliner Kunstmesse : Die Mode steht in der letzten Reihe

  • -Aktualisiert am

Einblicke aus dem vergangenen Jahr: die „Positions Berlin Art Fair“ in Berlin Bild: dpa

Die Kultur- und Kreativszene in Berlin hat lange gelitten. Jetzt scheint es, als würden alle Veranstaltungen gleichzeitig nachgeholt, darunter die Messe Positions. Hier wird Mode zusammen mit Kunst gedacht. Doch eine Frage bleibt.

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          Seit Anfang des Jahres verlautete es eine Hiobsbotschaft nach der anderen für die Kultur- und Kreativszene Berlins: Nachdem schon Ende vergangenen Jahres das Aus für die Messe Art Berlin verkündet wurde, meldeten erst drei private Kunstsammlungen ihren Abzug aus der Stadt an – und dann auch noch zwei Veranstalter großer Modemessen.

          Es war eine Steilvorlage für all die „Berlin-Basher“, die schon seit Jahren immer wieder den Abgesang der Stadt anstimmen. Aber wenn die Corona-Pandemie die bestehenden Verhältnisse entblößt und verstärkt, dann wohl auch dieses: Berlin ist der Axolotl der Mode und Kunst, „dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“, wie der Kunstkritiker Karl Scheffler schon 1910 ausrief. Und immerfort zu werden heißt eben auch, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist. Das zeigt auch die derzeitige Art Week Berlin, die noch bis Sonntag ausgerichtet wird.

          Nach dem Lockdown im Frühjahr und einem eher dürftigen Sommer scheint es, als würden gerade alle Events gleichzeitig in der Stadt stattfinden – darunter die Berlin Biennale, das Gallery Weekend, dazu auch die von den Kunstsammlern Karen und Christian Boros ausgerichtete Ausstellung Studio Berlin im Berghain, sowie die Messe Positions mit ihren Satelliten Paper Positions, Basel Photo und, zum zweiten Mal, die Fashion Positions.

          „Collect Fashion, Wear Art“

          Letztere ist ein Ausstellungsformat, das von der Cruba-Designerin Mira von der Osten, Olaf Kranz vom Label Brachmann und Kristian Jarmuschek von der Positions GmbH Berlin ins Leben gerufen wurde und in diesem Jahr mit der Unterstützung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe unter dem Motto „Collect Fashion, Wear Art“ zwanzig unabhängige Designer versammelt. 

          Kristian Jarmuschek, Geschäftsführer der Positions Berlin Art Fair (vordere Reihe, ganz rechts) posiert mit Kreativ-Kollegen bei der Auftakt-Pressekonferenz zur Berlin Art Week.
          Kristian Jarmuschek, Geschäftsführer der Positions Berlin Art Fair (vordere Reihe, ganz rechts) posiert mit Kreativ-Kollegen bei der Auftakt-Pressekonferenz zur Berlin Art Week. : Bild: dpa

          Während in den vergangenen Jahren immer mehr konventionelle Präsentationsformate erodierten, drängte sich der Mode die Frage nach Authentizität und Sinnhaftigkeit immer mehr auf. Mehr en vogue als je zuvor sind politische Botschaften und Kunst – man denke an die Fondation Louis Vuitton, die Punta della Dogana oder die Fondazione Prada, die schon seit Jahren teure Ausstellungen finanzieren. Dass aber die Kunst der Mode Einlass gewährt, ist selten. In Berlin wurde immer wieder über das Synergiepotential dieser beiden Disziplinen diskutiert, nun hat es die Fashion Positions tatsächlich geschafft, Terrain innerhalb der Kunst einzufordern.

          „Wir wollten Mode anders einbetten, die Geschichten dahinter erzählen und ihre Wertigkeit zeigen“, sagt Mitinitiatorin von der Osten. Sie will in einem umkämpften Konsummarkt mit unabhängigen Perspektiven „Position“ beziehen und vielleicht auch den ein oder anderen solventen Sammler für das Kunsthandwerk begeistern.

          Für Unwissende nur schwer zu finden

          Das Interesse an der Messe, die nunmehr die einzig verbliebene Kunstmesse der Stadt ist, ist jedenfalls da. Schon am ersten Tag gibt es lange Schlangen vor einem abgelegenen Hangar des Flughafen Tempelhofs, schließlich achtet man in Zeiten von Corona auf Hygieneregeln, hält Abstände ein, prüft die Registrierung, misst die Temperatur. In der Ausstellungshalle reihen sich die 130 Galerien geordnet aneinander. Hier und da klebt schon ein roter Punkt. Der Appetit der Sammler nach neuen Werken scheint auch angesichts einer drohenden Rezession nicht versiegt zu sein. Bis man die Mode findet, muss allerdings der gesamte Parcours durchquert werden – auch wenn sie präsent ist, sie steht buchstäblich in der letzten Reihe.

          Wenn die Kunstinteressierten es dann doch schaffen, bis zu ihr vorzudringen, zeigen sich durchaus gelungene Präsentationen. Zu den Ausstellenden gehören außer den Initiatoren auch bekannte Namen wie Esther Perbandt, Lou de Bétoly oder Michael Sontag, die hier mit Fotografen und Malern zusammengearbeitet haben. Für den eigentlichen Verkauf der Kollektionen steht schließlich ein Nebenraum zur Verfügung, der für Unwissende allerdings schwer zu finden ist.

          Mit der Berliner Sparkasse mischt diesmal auch die lokale Wirtschaft mit, ein weiterer Impuls in Richtung Private Public Partnership für die Kreativindustrie. Das Finanzinstitut stiftete den ersten „Fashion Positions Award“ für Jungdesigner und den „Fashion Positions Academy Award“ für Absolventen, die mit jeweils 5000 Euro und der Standmiete dotiert sind. Ausgezeichnet wurden Tra My Nguyen, die vor einigen Wochen einem größeren Publikum bekannt wurde, als Balenciaga augenscheinlich eine Idee von ihr kopiert hat, und Laura Gerte, die gerade erst an der Kunsthochschule Weißensee graduierte.

          Trotz der verdienten Siegerinnen und gelungenen Präsentationen bleibt allerdings die Frage, wie man den Kreativstandort Berlin und seine Talente richtig fördert. Schon seit Jahren unternimmt die Senatsverwaltung Versuche, junge Kultur- und Kreativschaffenden zu unterstützen. Die Bereitschaft scheint seit der Pandemie sogar noch größer. In der kapitalintensiven Modeindustrie ist ein Preisgeld von 5000 Euro allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und ob sich die Positionierung für die ausstellenden Modemacher auszahlt, bleibt abzuwarten. Über Darstellungsplattformen hinaus mangelt es hier an einer ökonomischen Infrastruktur, die bei Fragen der Produktion, des Managements, des Vertriebs und der Kommunikation über die Ästhetik hinaus hilft.

          Das Signal der Stadt und einiger Unternehmen, Künstler und Kreative unterstützen zu wollen, ist gerade in diesen prekären Zeiten wichtig. Sichtbarkeit und Zusammenarbeit ist ein Anfang, doch auf dem Weg zum Ziel braucht es eine strukturelle Basis, die es noch aufzubauen gilt, sonst bleibt die Kultur- und Kreativindustrie eben doch nur ein Axolotl.

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