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Berliner Modewoche – Tag 2 : Drei Knöpfe offen

Die Models werden für die Präsentation der aus Baden-Württemberg stammenden Designerin Malaika Raiss vorbereitet. Bild: dpa

Aus Übertreibung und Demut entstehen die besten Kollektionen. Das können die jungen Designer aus der Hauptstadt von den erfahrenen Modemachern aus dem Westen lernen.

          Manchmal ist mit den Hinweisen für die Models alles gesagt: „Drei obere Knöpfe offen, Manschettenknöpfe geschlossen.“ Wer Dorothee Schumacher verstehen will, der muss backstage nur auf die Tafeln schauen, die an jedem Kleiderständer für jedes Model hängen. Im kommenden Herbst und Winter, das will diese Anweisung sagen, wird der Overall mit ärmellosem Mantel aufgelockert und doch beherrscht getragen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist eine Lektion für ganz Berlin, ohne dass Dorothee Schumacher sie je beabsichtigt hätte. Für sie geht es schließlich nur darum, ihre Kundin mit einem so romantischen wie zeitgemäßen Look auszustatten. Mit Referenzen ans Hippie-Revival schafft sie das ebenso gut wie mit langen Mänteln, die in Fransen auslaufen, oder den Jacquards, die auf den Schwingen des Kranichs durch die Kollektion flattern. Aber eben auch mit der unsichtbaren Kunst der Entsagung, deren größte Aufdringlichkeit aufgesetzte Taschen mit Reißverschluss sind.

          Mindestbestellung liegt oft weit über Bedarf

          Der Weg zu Malaika Raiss ist nur kurz – nicht weil sie ebenfalls aus Baden-Württemberg stammt, nur ein paar Kilometer rheinabwärts, sondern weil auch bei einer der fleißigsten Designerinnen in Berlin die Vielfalt nicht auf der Strecke bleibt. Und das angesichts solcher Bedingungen: Bei Materialien müssen auch Jungdesigner oft Mindestbestellungen angeben, die weit über dem Bedarf liegen, und nur wenige haben den Mut, einen großen Teil der Stoffe eben nicht zu verwerten, um nicht 37 Looks mit etlichen Wiederholungen zu präsentieren.

          Weniger ist oft mehr – dieses altbewährte Motto gilt auch bei Malaika Raiss, die die Zahl ihrer Looks nicht von der Menge an Stoff abhängig macht, die ihr zur Verfügung stehen.

          Malaika Raiss gehört zu diesen wenigen Designern. Ihre Kollektion ist variantenreich, sie verarbeitet schwarzes Leder mit Lochmuster, weißen wattierten Daunenstoff, papierdünne Seide, Pelz und sogar PVC. Spaghetti-Tops passen wie selbstverständlich über die Seidenblusen. Das liegt natürlich auch am guten Styling. Und trotzdem, in diesen Looks schwingt so viel Spannung mit, dass selbst ein tougher Tuxedo-Blazer mit einem lieblichen Mantel mit rosa Pelzkragen harmoniert. Gegensätze ziehen an: Die Kehrseite des Offenen ist, wie gesagt, das Geschlossene.

          Der zweite Tag ist auch der Tag der Neuen. Also auf zum Speed-Dating im „Vogue Salon“ und im „Berliner Mode-Salon“ auf drei Etagen im Kronprinzenpalais. Anna-Christin Haas von Galvan freut sich, dass Jessica Alba bald in jener roten Robe mit Swarovski-Steinen auf dem Reißverschluss zu sehen sein wird, die jetzt noch die Puppe an ihrem Stand trägt. Isabell de Hillerin ist froh, dass Manufactum gerade ihre Kleider bestellt hat, die mit traditionellen rumänischen Handwerkstechniken gefertigt wurden. Huber Egloff aus der Schweiz kriegen die Kurve mit einem rasanten Materialienmix von sportlichem Jersey zu feierlicher Seide. Und Augustin Téboul sind gleich auf zwei Premieren ihrer Marke gespannt: das erste Defilee am nächsten Tag und die ersten Experimente mit Knallfarben in der Häkelspitze, mit Fuchsia, Orange, Rosa, Türkis.

          Weibliche Größe braucht die Welt

          Wer aus Mainz kommt (noch ein paar Kilometer rheinabwärts), der ist in Berlin ein Außenseiter. Das macht Anja Gockel nicht nur nichts, das nutzt die Designerin auch aus. Sie feiert den 20. Geburtstag ihres Labels mit einer Schau im Modezelt am Brandenburger Tor. Von Anfang an ist sie in Berlin dabei: Wie also hat sich die Stadt verändert? „Es geht mal hoch, dann wieder runter, aber insgesamt doch stetig nach oben.“ Ihre Kollektion mit großflächigen Drucken hat sie der burmesischen Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi gewidmet: „Weibliche Größe braucht die Welt.“ Anja Gockel nimmt es ernst und hat einen großen Store in Köln eröffnet. Es könnte der Beginn eines große „roll out“ werden, meint sie nach der Schau. Denn das Boutiquensterben ändert auch ihre Strategie: Statt auf Einzelhändler verlässt sie sich am liebsten auf sich selbst.

          Das Medieninteresse ist groß – Kameraleute und Fotografen drängen sich am Ende des Laufstegs.

          Das Konzept, Kleidungsstücke live an- und auszuziehen, mag auf dem Papier funktionieren – aber Designerin Margot Charbonnier, die seit zwei Jahren in Deutschland lebt und jetzt in Berlin die erste Kollektion ihres Labels Sample-CM zeigt, hat die Rechnung ohne die Besucher am späten Abend gemacht. So zeigt sie ihre Teile mit Street- und Sportswear-Elementen direkt am lebenden Objekt. Aber ganz so locker wie bei Viktor & Rolf wirkt es leider nicht.

          Locker dann aber der Übergang zu den Partys des zweiten Tags der Modewoche. Vom F.A.Z.-Modeempfang geht es gleich hinüber zur „Vogue“, von dort zum „Zeit-Magazin“, von dort an den Laptop, und siehe da, um 01.04 Uhr kommt die Mail zu einem Designer, den wir ganz übersehen haben. Nehmen wir also die Pressemitteilung: „Für die neue Kollektion inszeniert Designer Guido Maria Kretschmer das Ginkgoblatt als Print auf Blusen und Tüchern, als haptisches Element in Form von Struktur in gewebtem Stoff und sogar als Handstickerei auf Abendkleidern. Die Form des Ginkgoblattes ist somit das zentrale Designelement und steht für Stärke, Gesundheit und Lebensgeist. Der Kollektionsname „Ray of Life“ – Strahl des Lebens – reflektiert diese Symbolik, die sich somit auch auf die Trägerin übertragen soll.“ Möge der Strahl des Lebens auch mitten durch den dritten Tag der Modewoche gehen!

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