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Berliner Fashion Week : Marke statt Kulisse

Am Tresen: William Fan serviert im „Knutschfleck“ Mode, die sich keinem konkreten Trend fügt. Es ist sein Stil, damit macht er sich gerade einen Namen. Bild: Helmut Fricke

Kaum Trends, hohe Retourenquoten: Immer mehr Kunden verzichten auf neue Mode. Den Designern macht das ihre Arbeit nicht leichter. Auf Dauer aber macht es sie vielleicht besser.

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          Diese Taschen müssen nicht groß sein. Was früher da hinein musste, ist jetzt ja alles auf dem Handy. Philipp Bree, der mit Handtaschen aus dem Familienbetrieb aufgewachsen ist und seit sechs Jahren eine eigene Marke führt, nämlich PB0110, beobachtet das ganz genau, berufsbedingt. Im Berliner Salon in der St. Elisabeth Kirche zeigt er jetzt auf eines der vielen Handys in nächster Nähe, dann auf seine Clutches in leuchtendem Rot, Rosa, Gelb und Blau, die auf einem Podest vor seinen Füßen liegen. Bree sagt: „Die Tasche leitet sich aus der Funktion heraus ab.“ Das sei schon immer so gewesen. Bree erzählt von den ersten Modellen ihrer Art im 15. Jahrhundert, fixiert am Strumpfband unter den bauschigen Röcken; in den Taschen steckte der Lippenstift. Später, im 16. Jahrhundert, kam der Stielbeutel mit verschiedenen Beuteln für die vielen verschiedenen Münzwährungen der zersplitterten Territorien, dann die Brieftasche für Schuldscheine, der Geldstrumpf, die Aktentasche, die It-Bag.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Tasche hat sich im Laufe der Geschichte stets ihren Umständen angepasst. „Und das“, Bree meint das Handy, „verändert nun wieder alles. Für uns ist das eine schöne Fläche.“ So kam er zu diesen Clutches, „für ein paar Scheine, Karten, das Handy“. Eine Clutch passt ähnlich bequem in die Handfläche, aber sie kann auch anders. Bree zieht jetzt an der Rückseite des Rechtecks, und heraus kommt eine Nylon-Tasche, bisher so versteckt wie ein Rettungsschirm, für den Fall, dass es doch mal mehr wird. Die Clutch aus Leder von gerade eben sitzt jetzt als Seitenfach vorne.

          Verzicht auf neue Mode

          Helfen solche Ideen der schwächelnden Mode? Dass es ihr nicht gutgeht, ist zahlenmäßig genau erfasst, und es gibt genug Gründe, warum sich das auf absehbare Zeit nicht ändern wird. Zu den Zahlen: 1998 entfielen 5,7 Prozent aller Konsumausgaben der Deutschen auf Bekleidung und Schuhe, so Erhebungen des Statistischen Bundesamtes. Seither wurden es Jahr für Jahr weniger, zuletzt waren es 2017 4,4 Prozent.

          Die Tendenz setzt sich fort: Die Deutschen scheinen auf neue Mode verzichten zu können, umso mehr, wenn Trends ohnehin keine Rolle mehr spielen, die Schränke voll sind und der Stauraum teuer bezahlt ist. Denn bei den Konsumausgaben haben die Kosten fürs Wohnen im selben Zeitraum kräftig zugelegt, von 31,9 Prozent vor 21 Jahren auf zuletzt 35,6. Was kann in Krisenzeiten noch von dieser Branche aus Deutschland kommen?

          Selbstverständlich, die Mode lässt sich nicht neu erfinden, auch nicht in dieser Woche, für die Berliner Fashion Week, die ein Anlass für die vielen Marken ist, auf Messen, auf Laufstegen, als Teil der Gruppenausstellung im Salon zu zeigen, was man sich so für den kommenden Herbst und Winter ausgedacht hat. Stattdessen könnte schon eine Clutch, wie sie Philipp Bree an diesem Dienstagnachmittag zeigt, einen neuen Herbst machen. Eine, die gut genug ist, damit man sie, nachdem man sich diesen Entwurf – wahrscheinlich über das Internet – nach Hause bestellt hat, nicht sofort wieder retourniert.

          „Das kann doch keiner mehr mit ansehen“

          Kurz nach Weihnachten, als es kaum mehr zu tun gab, als einen Teil der Geschenke umzutauschen, welche einem die Liebsten sorgsam ausgesucht hatten, störte eine Studie das befreiende Gefühl, den Krempel schnell wieder losgeworden zu sein, gewaltig. Der Digitalverband Bitkom hatte ermittelt, dass die Retourenquote in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent gestiegen war. Jede achte Bestellung wird demnach von den Deutschen wieder zurückgeschickt; bei den jüngeren Kunden unter dreißig ist es sogar jede fünfte.

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