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Berliner Modewoche – Tag 2 : Größer als die Boyfriend-Jeans

Aus den aufwendig bestickten Roben seiner Anfangszeit sind mittlerweile zurückgenommene weiße Seidenstücke geworden: Dawid Tomaszewski Bild: AP

Mal höflich, mal rau: Am zweiten Tag werden „Welcome Letters“ verschickt, und die zweite Haut ist so dezent wie die erste. Nur ein Designer gabelt seine Models trotzdem bei Lidl auf.

          Eigentlich ist der Vergleich zwecklos. Die Modestadt Berlin hat nichts mit den Modemetropolen Mailand und Paris zu tun. Punkt. Muss sie auch gar nicht. Aber dieses Mal ist der Vergleich einfach zu verlockend: Die Einladungskarten für die Schauen von Dawid Tomaszewski und Lala Berlin hätten Mailänder oder Pariser Designer – oder deren PR-Agenturen – nicht besser gestalten können. Da ist der schöne feste Umschlag, eine nach gutem Papier riechende Klappkarte, an der die Sitzplatz-Karte heftet. Und der beiliegende nette „Welcome Letter“ der Berliner PR-Agentur Prag, die beide Berliner Designer vertritt, ist sogar den Italienern fremd. Den Franzosen sowieso.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die eigentliche Kollektion von Dawid Tomaszewski müssten die Italiener hingegen ziemlich gut verstehen. Der Designer beweist schon seit Jahren einen langen Atem und nähert sich dabei immer weiter dem echten Leben seiner Kundin. Seine Kollektion für das kommende Frühjahr ist da ein gutes Beispiel. Aus den aufwendig bestickten Roben seiner Anfangszeit sind mittlerweile zurückgenommene weiße Seidenstücke geworden. Als Ornament dient hier ein Muster, das allenfalls von weitem an Stickerei erinnert. Vernunftsstücke könnte man auch sagen, die weniger aufwendig sind und sich gerade deshalb besser, schneller, einfacher verkaufen dürften als sagen wie die transparente Bomberjacke mit Schlangenprint. Vernunft und Unvernunft, ergibt zusammen eine ausbalancierte Kollektion, so etwas sehen eben auch Italiener gerne.

          Einer davon verirrt sich sogar bis ins Modezelt im Berliner Wedding. Matteo Lamandini, ein junger Bursche aus Norditalien, gewinnt am frühen Mittwochabend den Designer-for-Tomorrow-Award von Peek & Cloppenburg. Anzüge mit Schottenkaro schichtet er mutig über Teile mit Prince-of-Wales-Check, das wird besonders Dft-Schirmherr Tommy Hilfiger überzeugt haben. Mit seinem Preppy-Stil, wozu auch das Karomuster gehört, begann Hilfiger schließlich in den achtziger Jahren die Welt neu auszustaffieren.

          Marcel Ostertag kleidet jetzt immerhin die Mitarbeiter von Lidl neu ein. Wahrend Conchita Wurst in Paris die Schau von Jean-Paul Gaultier beschließt, versucht er es aber zunächst auf seine Art: Den ersten Look, einen Jumpsuit, natürlich für Damen, zeigt der Münchner selbst. Und die nächsten Models, so raunt die Sitznachbarin – und es stimmt – hat der Designer eben auch bei Lidl an der Kasse gefunden. Das lenkt leider nicht davon ab, dass sich Ostertag bei der Kollektion im wahrsten Wortsinn verfranst. Chiffonkleider in weltmeisterlichem Orange-Grün, stilisierte Bikini-Figuren auf Pailletten, Polka-Punkten und Seide mit Volantbordüren, Cowgirl-Fransen. Was der Münchner Schickeria recht sein mag, kann der Berliner Mode doch nur billig sein. Anders ist diese Kollektion unerklärlich.

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