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Modedesigner Dries Van Noten : Der Rathaus-Revoluzzer

Bis Paris sind es zwei Stunden: Zu Hause ist für Van Noten Antwerpen Bild: John Dolan

Höflich und zuvorkommend: Dries Van Noten ist der Liebling der Mode. Und versteht es trotzdem ausgezeichnet, sich die aufdringliche Branche auf Distanz zu halten.

          5 Min.

          Damien Hirst. Rothko. Picasso. Twombly. Ausschnitte aus Alfred Hitchcocks „Vertigo“ und Pina Bauschs „Nelken“. Kleider von Dior, Balenciaga und Chanel aus den fünfziger und sechziger Jahren. In den vergangenen anderthalb Stunden hat Dries Van Noten an Hunderten Exponaten vorbeigeführt. Um die Inspirationsquellen seiner Entwürfe in einer eigenen Ausstellung zu zeigen, hat der belgische Designer sie aus Privatsammlungen, aus dem Louvre und vielen anderen Museen und Stiftungen nach Antwerpen schaffen lassen, mit Unterstützung des Pariser Musée des Arts décoratifs. Jetzt steht Van Noten vor einem Glaskasten. Im Hintergrund ist eine Aufnahme des amerikanischen Fotografen Ryan McGinley zu sehen und ein Video-Clip eines jungen Künstlers, der John Everett Millais’ Gemälde „Ophelia“ in der Londoner Tate Gallery gefilmt hat. Daneben hängt die Kollektion des Modedesigners für das aktuelle Frühjahr.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man könnte sagen: große Kunst. Wäre da nicht auch diese Beobachtung auf dem Madrider Flughafen, von der Van Noten jetzt erzählt. Er habe inmitten der Duty-Free-Filialen der Luxusläden gesessen, „und dann lief da plötzlich diese Gruppe Menschen an mir vorbei, vom Typ Umweltaktivist. Ich glaube, sie kamen gerade aus Thailand, jedenfalls trugen sie Sandalen, Hippie-Armbänder und Funktionsjacken, im Arm Laptops. Meine erste Reaktion war: Was ist das denn!?“

          Dries Van Noten, 56 Jahre alt, ist viel zu höflich, als dass die Geschichte aus seinem Mund schnippisch klingen könnte. Das harte, aber sympathisch belgisch gefärbte „R“ in seiner Aussprache trägt mit dazu bei. „Und dann dachte ich: Vielleicht haben diese Leute ja recht?“ Vielleicht sind es ja die Luxus-Duty-Frees, die nicht hierhergehören?

          Sein Blick streift jetzt die Maxikleider und langen Hosen aus Seide und Jacquard, die in der Ausstellung hinter der Glasscheibe hängen. Van Notens Inspirationsquellen für diese Kollektion waren das Ophelia-Gemälde, der Fotograf Ryan McGinley, Shakespeares „Sommernachtstraum“ - und die Leute im Transitbereich des Flughafens.

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          Man hat zu diesem Zeitpunkt, gegen Ende der Tour durch die abgedunkelten Räume der Antwerpener Ausstellung, schon einige solcher Anekdoten gehört. Jene, wie Dries Van Noten Seide für die Arbeit an einer Kollektion ganz bewusst zuvor in die Waschmaschine gesteckt hat. Oder wie er die üppigsten Stoffe mit den einfachsten kombiniert. Aber gerade die Geschichte von den Thailand-Touristen sagt etwas über den belgischen Designer aus, der nicht nur viel von Kunst versteht, sondern den Alltag auch so ernst nimmt, dass er mit dieser Mischung gewissermaßen der Liebling der Mode ist.

          Fragt man zum Beispiel Modechefinnen nach ihrem Lieblingsdesigner, können sich überraschend viele auf Dries Van Noten einigen. Beim Pariser Prêt-à-porter gilt die Damenschau von Van Noten stets als inoffizieller Auftakt einer langen Woche: Für ihn reisen die Modeleute zwei Tage vor allen anderen wichtigen Terminen an. Und der Pariser Louvre ehrte ihn als einen der wenigen aktuell tätigen Designer mit der Ausstellung, die eben jetzt nach Antwerpen weitergezogen ist. Dabei ist Van Noten noch nicht einmal Franzose!

          Inspiration der Kollektion für das Frühjahr: Die Thailand-Touristen am Flughafen in Madrid
          Inspiration der Kollektion für das Frühjahr: Die Thailand-Touristen am Flughafen in Madrid : Bild: Hersteller

          Und dabei weiß er auch, wie er die Mode auf Abstand hält. Dass er ihr Liebling ist und zugleich eine gewisse Distanz zu ihr wahrt, wird klarer, wenn man sich zwei Orte vornimmt: das Pariser Rathaus und die belgische Kleinstadt Lier, zwanzig Kilometer entfernt von Antwerpen. Der erste der beiden Orte, der prunkvolle Saal im Pariser Hôtel de Ville, ist bereits zu Van Notens Stamm-Location für Modenschauen geworden. Seit der Ausstellungseröffnung in Antwerpen sind mittlerweile drei Wochen vergangen, und Van Noten empfängt zu einem zweiten Treffen in seinem Pariser Büro. Es ist der Vormittag nach seiner Schau im Hôtel de Ville.

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