https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/belaestigungsvorwuerfe-gegen-testino-und-weber-15398390.html

Vorwürfe gegen Mode-Fotografen : „Testino war ein Triebtäter“

Condé Nast kündigt die Zusammenarbeit auf

Das Urteil ist aber nun gefällt, bevor auch nur eine einzige der Behauptungen gerichtlich bestätigt worden wäre. Denn in den Vereinigten Staaten ist man jetzt sensibilisiert, erst recht in der Modeszene, wo Ansehensverlust schnell in Umsatzeinbußen münden könnte. Der New Yorker Verlag Condé Nast, der Magazine wie „Vogue“, „GQ“, „Vanity Fair“ und „Glamour“ herausgibt, teilte mit, man werde „in absehbarer Zukunft“ nicht mehr mit Weber und Testino zusammenarbeiten.

Somit folgen die beiden Fotografen ihrem Kollegen Terry Richardson ins Abseits, der im Herbst, als erste Vorwürfe gegen ihn laut wurden, vom bedeutendsten Verlag für Modezeitschriften vor die Tür gesetzt wurde.

Der Bann ist nicht wegen der zu erwartenden Einnahmeausfälle schmerzhaft für die Stars der Branche. Mit Editorials, also den Modestrecken für Magazine, gibt es ohnehin nicht viel zu verdienen. Schwerer wiegt der Reputationsschaden: Die amerikanische „Vogue“-Chefin Anna Wintour und der Condé-Nast-Vorstandsvorsitzende Robert A. Sauerberg Jr. zeigen sich „sehr beunruhigt“ über die Vorwürfe.

Da wird auch die werbende Wirtschaft hellhörig. Und so werden nun auch „money jobs“ ausbleiben, also die lukrative Arbeit an Anzeigenkampagnen für Modemarken oder Kosmetikkonzerne.

Schwierigkeiten durch Abhängigkeitsverhältnisse

Erst durch die Skandale in der Filmbranche reagiert auch die Modeszene auf Fälle möglichen Missbrauchs. Seit den Vorwürfen gegen den Film-Produzenten Harvey Weinstein, der gern gesehener Gast bei vielen Modenschauen war, arbeitet der Condé-Nast-Verlag an einem Verhaltenskodex, der bald in Kraft treten soll. Eine der Grundlagen des Geschäfts, nämlich die Beziehung der Fotografen zu ihren Objekten, wird nun kodifiziert.

Das ist an der Zeit. Schon die vielen Liebesbeziehungen zwischen Fotografen und Models deuten darauf hin, dass es beim fotografischen Akt nicht um eine Zusammenarbeit geht wie zwischen Kollegen im Büro. Bei Modeaufnahmen, die oft an entlegenen Orten stattfinden, ergibt sich oft eine emotionale und körperliche Nähe.

Schwierigkeiten entstehen durch Abhängigkeitsverhältnisse. Unerfahrene Models glauben, ihren Auftraggebern etwas schuldig zu sein. Bewertungsmaßstäbe gibt es in dieser Branche nicht. Der Nachwuchs muss auf Zuspruch hoffen und tut viel für die richtigen Jobs.

Fotografen sind durch die Macht der Bilder selbst zu Stars geworden und glauben, ihr subjektives Urteil sei objektive Norm. Erst jetzt, durch den Preisverfall der Instagram-Kultur, wird ihre Autorität langsam auf Normalmaß zurechtgespart.

Auf der „Vogue“ ist eine Sechzehnjährige

Die neuen Condé-Nast-Regeln besagen laut „New York Times“ vom Sonntag, dass man Models unter 18 Jahren nicht mehr engagieren wird, dass es an den Sets keinen Alkohol mehr geben soll, dass Fotografen das Set nicht mehr für anschließende eigene Aufnahmen nutzen dürfen und dass Models nicht mehr mit Fotografen, Make-up-Leuten oder anderen Mitarbeitern alleine gelassen werden sollen. Szenen, in denen das Model nackt oder in aufreizenden Posen erscheinen solle, müssten zuvor abgesprochen sein.

Auch der New Yorker Verlag Hearst („Harper’s Bazaar“, „Elle“, „Esquire“, „Cosmopolitan“) hat seine Regeln verschärft. Dort müssen freie Mitarbeiter wie Fotografen oder Stylisten Belästigungsklagen, die gegen sie anhängig sind, vorher offenlegen.

Für manche Condé-Nast-Redakteurin werden die Vorschriften eine Herausforderung bedeuten. Ehe das Reglement den französischen Ableger des amerikanischen Verlags erreicht hat, glänzt die französische „Vogue“ noch schnell mit einer sexy in Szene gesetzten Sechzehnjährigen auf dem Titel: Kaia Gerber, Tochter von Supermodel Cindy Crawford, trägt auf dem Cover der Februar-Ausgabe, die dieser Tage in den Handel kommt, eine schulterfreie Bluse und knappe Shorts von Saint Laurent. Hoffentlich hat Chefredakteurin Emmanuelle Alt das vorher mit dem Subjekt – oder Objekt? – des Titel-Shootings abgesprochen! Das zarte Alter hat sie jedenfalls billigend in Kauf genommen.

Wie er denn bei den Aufnahmen so sei, fragten wir Mario Testino vor fünf Jahren. „Ich folge meiner Intuition. Wenn ich eine Idee habe, mache ich es einfach“, sagte er. Und dabei bleibe er nett? „Klar“, sagte er. Habe er nie geschrien am Set? „Noch nie!“ Wirklich nie? „Vielleicht habe ich mich selbst mal angeschrien“, sagte er. „Manchmal verliere ich die Geduld mit mir selbst. Aber das war’s dann auch. Wenn man etwas haben möchte, ist es nicht gut, kleinlich zu sein. Mit einem Lächeln bekommt man mehr.“

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