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Ballett in der Mode : Im Tüllrock zum Protestmarsch

  • -Aktualisiert am

Schweigsame Elevin? Dior zeigt, dass ein Ballettrock aus Tüll auch zum T-Shirt mit starker Botschaft passt. Bild: Picture-Alliance

Elemente des klassischen Balletts haben in der Mode längst ihren Platz. Und auch die Frauenbewegung hat die Farbe Rosa für sich entdeckt. Aber passt das echt zum Frauenbild von heute?

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          Ein Streichquartett setzt zu Tschaikowskis „Schwanensee“ an, Scheinwerfer tauchen von der Decke hängende Tutus und rosafarbene Ballettschuhe in strahlendes Licht, Tänzerinnen erscheinen in schwarzen Tüllröcken. Anmutig heben sie die Arme zur Arabesque und schweben auf Spitzenschuhen über die Bühne – pardon, über den Laufsteg. Denn statt einer Ballett-Inszenierung erwartete das Berliner Publikum nach diesem Auftakt im Januar die neue Kollektion von Marc Cain.

          Unter dem Titel „Ballet Magnifique“ schickte das schwäbische Label zur Berliner Fashion Week zunächst Ballerinen in T-Shirts mit dem Aufdruck „Don’t Walk. Dance“ über den Laufsteg. Die Models, die im Anschluss auftraten, verzichteten dann zwar auf Pirouetten und Chassés, schritten aber umso eleganter in Tüllröcken und Kaschmirpullovern in Rosé- und Nudetönen am Publikum vorbei.

          Trainingsgarderobe erobert die Laufstege

          Auch Edited setzt in diesem Frühjahr ganz auf Ballett. Am Rande der Modewoche lud der Hamburger Online-Shop zur Präsentation seiner hauseigenen „Urban Ballerina“-Kollektion in ein Berliner Tanzstudio und zeigte dort hauchdünne Wickeljacken und Tops aus schimmerndem Samt, von Spitzenschuhen inspirierte Schleifen an Pullovern, Taschen und Schuhen und natürlich Röcke aus blassrosa Tüll.

          Zwei Beispiele, die zeigen: Unaufhaltsam erobert alles, was an die Trainingsgarderobe einer Primaballerina erinnert, die Laufstege der Luxuslabels und wandert von dort direkt in die Filialen großer Modeketten. Das alles wirkt sehr rosa, sehr fragil, sehr sanft. Ballett ist eine wortlose Kunst, Revolution ist ihre Sache nicht. Sie unterliegt eiserner Disziplin, strengen Hierarchien und noch strengeren Regeln. Dass ein Metier, dessen vornehmlich weiblicher Nachwuchs etwa an der Pariser Oper als „kleine Ratten“ bezeichnet wird, gerade jetzt als modische Inspirationsquelle wiederbelebt wird, überrascht.

          Ballerina passt nicht zum Feminismus-Trend

          Schließlich propagiert derzeit ein anderes Modephänomen das genaue Gegenteil der schweig- und folgsamen Elevin: Maria Grazia Chiuri, seit vergangenem Herbst die erste Frau an der kreativen Spitze bei Dior, rief bei ihrem Pariser Debüt im September nicht nur zur „Dio(r)evolution“ auf, sondern ließ auch die Worte „We should all be feminists“ auf T-Shirts drucken. Der Titel eines Essays der Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie bescherte Dior einen triumphalen Erfolg. Bloggerinnen tragen das T-Shirt ebenso stolz wie Popsirene Rihanna und die Schauspielerin Natalie Portman, die darin im Januar auf dem Frauenmarsch in Los Angeles eine flammende Rede hielt. Unzählige Nachahmer bringen jetzt ähnliche Shirts auf den Markt. Ihre Botschaft: Feminismus ist cool, er darf glitzern und vor allem laut sein.

          Zu diesem Frauenbild will die zarte Ballerina, die eben nicht ihre Stimme erhebt, sondern alles mit ihrem – natürlich ganz bestimmten Maßen entsprechenden – Körper ausdrückt, nicht recht passen. Zumindest auf den ersten Blick. Wer selbigen von den plakativen Dior-Slogans löst und über den Rest von Chiuris erster Kollektion schweifen lässt, entdeckt nämlich ausgerechnet dort Tüllröcke und Frisuren, die ziemlich stark an jene von Ballerinen erinnern.

          Rosa ist für starke Frauen nicht mehr ungeeignet

          Kein Wunder: Bevor Chiuri bei Dior übernahm, war sie Chefdesignerin bei Valentino und trat genau da 2015 den aktuellen Ballett-Trend los. Streng gebundene Dutts zu pastellfarbenen Chiffonkleidern und der für Tänzerinnen abseits der Bühne so typische Lagenlook aus hautengen Trikots und samtenen Trägershirts sorgten damals für Begeisterung: „Selbst Degas würde erblassen“, urteilte die amerikanische „Vogue“.

          Seit Edgar Degas im 19. Jahrhundert die Tänzerinnen der Pariser Oper in Gemälden und Skulpturen verewigte, hat sich mehr verändert, als die so klassisch und zeitlos anmutende Oberfläche der Ballettwelt vermuten lässt. Die ist oft in zartes Rosa getaucht, eine Farbe, die lange als mädchenhaft, kitschig und alles andere als für emanzipierte Frauen geeignet galt. Spätestens aber seit die „Body positive“-Bewegung die Farbe zu der ihren erkor und Hillary Clinton in rosafarbenen Hosenanzügen um die amerikanische Präsidentschaft kämpfte, bedienen sich sowohl Feministinnen als auch Unternehmen wieder nach Herzenslust an der Palette von zartem Nude bis zu knalligem Pink.

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