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Bademode : Am seidenen Faden

Leicht wie der Tag an Bondi Beach: Die Bikins der australischen Marke Seafolly reizen nun auch den Rest der Welt. Bild: Frank Röth

Aus Europa mussten sie fliehen. In Australien fanden Peter und Yvonne Halas ihr Glück am Strand. Die ungewöhnliche Geschichte einer Bikini-Marke.

          Wo, wenn nicht am Strand? Wo hätte Peter Halas, der geflohene Jude, der mittellos Australien erreichte, seine Yvonne treffen können, wenn nicht an diesem Strand? Bondi Beach am Pazifik, breit wie ein Fußballfeld, hellgelber Sand, türkisfarbene Wellen. Bondi Beach ist der Südseetraum der Surfer, die zu Sand gewordene Leichtigkeit des Seins. Hier beginnt im Jahr 1960 die Geschichte von Peter und Yvonne. Und von Seafolly, der Bikini-Marke, die nun von Australien aus die Welt erobert.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Gerade 20 Jahre alt war Peter Halas damals. Geflohen erst vor den Nazis, die seine Mutter und die Großeltern umbrachten, dann vor den Kommunisten aus Ungarn. Der Vater hatte den Jungen auf ein Schiff der Vereinten Nationen gesetzt, das Kurs auf das andere Ende der Welt nahm. „Nach Nazis und Kommunisten hatte ich genug von Europa“, sagt Halas. „Ich wollte so weit weg sein wie nur eben möglich.“ An Bord verdiente er als Putzmann 90 Dollar Startkapital. In Sydney verdingte sich der junge Mann, der kein Wort Englisch sprach, im Bauch der Großstadt: in den Lagerschuppen. „Weil ich aus einem kommunistischen Land kam und davor unter den Nazis lebte, hatte ich immer Angst vor der Polizei, Angst davor, wer hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Die plötzliche Freiheit war für mich unfassbar.“

          Vom Flüchtling zum erfolgreichen Unternehmer

          Yvonne hatte ihren Vater unter den Nazis verloren und war schon als Kind nach Australien gekommen. Der Mann, den sie am Strand sah, war die Liebe ihres Lebens. Noch am selben Abend erzählte sie ihrer Mutter, sie wolle ihn heiraten. Peter war damals 21, Yvonne 18 Jahre alt. „Wir fühlten uns einsam“, sagt Peter Halas.

          Auch im Geschäftsleben fackelten die Flüchtlinge nicht lang. „Als Einwanderer hatte ich nie einen Mentor. Es gab niemanden, an den ich mich wenden konnte, und es war wohl Glück, dass ich am Ende Erfolg hatte“, erzählt Halas. „Zu Beginn waren 80 Prozent meiner Kunden Juden, die Mitleid mit mir als Neuankömmling hatten.“ Yvonne nahm einen Job als Moderedakteurin an und prüfte Strickmuster, er arbeitete als Vertreter für Bademoden. „Von dort habe ich mich hochgearbeitet. Manchmal haben wir fast rund um die Uhr geackert, nur drei Stunden geschlafen“, erzählt er. „Wenigstens kannte ich die Einkäufer der großen Häuser.“ So lag es nahe, eigene Marken zu fertigen und zu vertreiben. 1975 gründeten die beiden Seafolly.

          Das hört sich heute einfacher an, als es war. „Das Wichtigste war, dass wir zu essen und ein Dach über dem Kopf hatten.“ Schon der Name der Marke spricht Bände: Es begann damit, dass Freunde den Plan der eigenen Bikini-Marke für eine Verrücktheit hielten: „Peter's Folly“. Das Paar machte daraus das Beste: Seafolly. Es war ein Auf und Ab. 1968 kauften sie sich ihr erstes Haus in Bondi; Yvonne liebte es. Peter aber verkaufte es ein paar Monate später, um das Startkapital für das eigene Geschäft aufzubringen. Der Plan schien zunächst aufzugehen. Sie stellten Jeans her. Das Bangen aber endete nicht. „Wir haben erst eine Reihe verschiedener Linien produziert“, erinnert sich Halas. „Aber das lief nicht. Alles, was wir mit Seafolly verdienten, haben wir mit dem Rest wieder verloren.“ In den ersten Jahren sei es ihm nicht um Visionen gegangen - sondern darum, für einen gedeckten Tisch zu sorgen.

          Die Firma wurde zum Familienunternehmen

          Über sich selbst sagt er, er sei ein schlechter Angestellter: „Ständig weiß ich alles besser.“ Vater und Stiefmutter ließen sich davon nicht abschrecken. Auch sie siedelten in den siebziger Jahren nach Australien über und halfen beim Aufbau der Firma. Das wirkte ansteckend: Sohn Anthony, gelernter Steuerberater, hatte bei der Beratungsfirma Price Waterhouse schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben. „Am Abend, bevor er seinen Job antrat, vollzog er die Kehrtwende“, erzählt der Vater und schmunzelt noch heute. Anthony gab den Beratern einen Korb und stieg bei Seafolly ein. „Es ging mir um das Geschäft, das Familiengeschäft, das uns alle zusammenhielt und uns ein Dach über dem Kopf sicherte“, sagt Anthony. „Ich habe mich immer dazugehörig gefühlt. Und so kam ich dann eines Tages hier als der Chef herein, ohne überhaupt so recht zu wissen, was ich eigentlich tue.“

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