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Aura der Privatheit : Wie man den Bademantel jetzt auch draußen trägt

  • -Aktualisiert am

Als Kleider für drinnen noch nicht draußen getragen wurden: Brigitte Bardot in den sechziger Jahren. Bild: interTOPICS/Picturelux

Eine Frau im Bademantel ist auf der Straße kaum zu übersehen. Über ein Kleidungsstück für Unangepasste und Freidenkerinnen.

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          Es gibt Leute, die würden sich in einem Bademantel noch nicht einmal durch eine Hotellobby trauen. Es wäre ihnen peinlich: das viele Frottee um den Bauch, dazu die klitschnassen Haare. Unter Umständen spielt in der Lobby gerade jemand Klavier. Einem Gentleman wie Cary Grant, ihm wäre das bestimmt unangenehm gewesen. Allerdings hätte er aus dieser Hoteldurchquerung das eleganteste aller Spektakel gemacht. „Style begins and ends with Cary Grant“, heißt es doch: Style fängt bei Grant an und hört dort auf. Ein Satz, den man sich immer mal wieder vorbeten sollte. „It’s my aging actor’s outfit“, soll Grant gesagt haben, als er, krank und von einer Infektion geschwächt, die „Washington Post“ vormittags um elf in einem pinkfarbenen Hausmantel zu einem Interview begrüßte. Sein Sinn für Ironie war untrüglich, eine Fähigkeit, die ihm sicherlich auch heute bei der Beurteilung des sogenannten Bademantel-Trends zupassgekommen wäre. Eine Prise Humor ist unverzichtbar.

          Ein Witz, eigentlich. Ein weißer Frotteebademantel kommt einem auf dem Fashion-Laufsteg entgegen. Thakoon Panichgul hat ihn für den Frühling und Sommer 2016 entworfen: einen klar geschnittenen, schwarz gesäumten und durch eine diskret geführte Kordel lose zusammengehaltenen Mantel. Auf den ersten Blick springt das Laissez-faire des Bademantels, seine Aura der Privatheit, ins Auge. Er ist es. Und er ist es nicht.

          Der Ausdruck cooler Verletzlichkeit

          Denn selbstverständlich wäre es hochgradig unseriös, das item von Thakoon mit dem in Plastik eingeschweißten und in den Größen M und XL in vielen Hotelschränken deponierten Spartaner zu vergleichen. Die Mode wäre nicht die Mode, wenn sie nichts verändern würde. Sie kombiniert römisch anmutende Sandalen zu weißem Frottee, eine schwarze, schlanke, hochtaillierte Hose und ein weißes, tiefausgeschnittenes Shirt, das insofern mit dem Bademantel gemeinsame Sache macht, als dass es eine wunderschöne freie Mittelachse zaubert. Die Erscheinung bekommt dadurch etwas Zartes und Ungeschütztes. Zum Beispiel könnte der Liebesgott Amor ohne weiteres mit seinem Pfeil ins Herz treffen.

           Der erste Eindruck der Boudoir-Mäntel und Samtkleider von Attico: toll!
          Der erste Eindruck der Boudoir-Mäntel und Samtkleider von Attico: toll! : Bild: Stylebop / Attico

          „Robes rule“, die Roben regieren, schrieb die „New York Times“ über den Trend dieses Sommers, und wenn es nicht viel zu pathetisch und kitschig klingen würde, könnte man hinzufügen: Die Sehnsucht regiert.

          Tatsächlich, dieser Trend, der lustvoll mit den Formen spielt und sich dabei übrigens wenig um historische Fragen der Standesunterschiede zwischen dem ursprünglich adligen Morgen- und dem plebejischen Bademantel kümmert, ist ausgesprochen emotional. Ihm geht es um den Ausdruck cooler Verletzlichkeit, um souveräne Nahbarkeit. Anders formuliert: Wer könnte eine Frau im robe look übersehen?

          Zeiten haben sich geändert seit „Pretty Woman“

          Niemand. Sie ist so sichtbar, wie es nur irgend möglich ist. Der Grund ist einfach. Eine Frau, deren Styling mit den Stimmungen des Privaten spielt, wird in der Öffentlichkeit unbedingt auffallen. Denn sie verstößt gegen eine alte Regel des Patriarchats, das Frauen auf strikte Einhaltung der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem verpflichtet. Eine Frau aber, die das eigene Ego selbstbewusst, sei es im Bade- oder im Morgenmantel, nach draußen schickt, in eine Bar, ins Theaterfoyer oder womöglich ins Büro, bewegt sich erkennbar außerhalb der Kontrolle. Sie kombiniert zur Jeans, trägt Pyjamaoberteile zum feinen Blazer. Ihre Haltung ist frei, ein bisschen einzelgängerisch und sehr kapriziös. Womit sie sich in Widerspruch etwa zu einer Pretty Woman bringt, die nach dem Sex in der Hotelsuite badet und den nackten Luxuskörper - der Zuschauer soll weiter an die in Wahrheit unbefleckte Prinzessin glauben - in plüschiges blütenweißes Frottee hüllt.

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