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Feridun Zaimoglu im Interview : „Es ist eine große Lust, mich zu schmücken“

  • -Aktualisiert am

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in der Türkei, wuchs in Berlin und München auf. Sein neuer Roman „Siebentürmeviertel“ spielt in Istanbul. Bild: Daniel Pilar

Der Autor Feridun Zaimoglu sagt von sich, dass sein Schmuck von keinem guten Geschmack zeugt. Ein Gespräch über Ringe am Finger, Modetrends von unten und ranziges Mackergetue.

          10 Min.

          Herr Zaimoglu, in der von Georges Duby herausgegebenen „Geschichte des privaten Lebens„ heißt es: „Mich interessieren Kleidung, Schmuck und Nacktheit, weil sie Ausdruck geben über das, was die Gemeinschaft versteckt oder vergessen hatte und was das Individuum für sich selbst neu entdecken musste.“ Inwiefern ist Schmuck für Sie Teil der Entdeckung oder Erfindung Ihrer selbst?

          Schmuck zu tragen hat vermutlich immer etwas mit Sichtbarmachung zu tun, aber auch mit Abweichung, und das stand bei mir am Anfang meines Interesse für Mode und Schmuck. Ich Arbeiterkind habe mir früher die Bürgerkinder angeguckt, die tolle italienische Schuhe aus weichem Leder trugen. Wir Arbeiterkinder trugen Soldatenstiefel. Die Bürgerkinder trugen Leinenhosen, wir trugen ausgebleichte Skinhead-Jeans. Sie gingen zum Friseur und ließen sich die Ohren freischneiden, wir trugen eine Glatze. Es gehörte also zum guten Stil, dass man sich verhässlichte. Mittlerweile ist bekannt, dass die wahren Modetrends ohnehin von unten kommen und die Unterschichtschlampe die Richtung angibt, nicht das Bürgertum. Alles, was einmal als Zeichen des Abschaums galt, wird inzwischen angenommen, wie man an den heute hoch im Kurs stehenden Tätowierungen sieht, die früher nur von Knastbrüdern getragen wurden. Schmuck gehörte für uns Arbeiterkinder damals eigentlich gar nicht zum Programm, weil außer den Luigis und den Kanaken auch die Bürgerkinder ihre vom Adel übernommenen Siegel- oder Wappenringe trugen. Aber ich hatte trotzdem schon mit neun Jahren meinen ersten Ring.

          Ein Blechspielzeug aus dem Kaugummiautomaten?

          Ich weiß es gar nicht mehr. Eigentlich handelte es sich auch eher um einen Fingerreif als um einen Ring, aber er gefiel mir, weil er nicht dem Geschmacksdiktat entsprach, das mein soziales Milieu vorgab. Ich sah Türkenväter mit käfergroßen goldenen Ringen, mit furchtbaren falschen Steinen, rot, grün, blau, jede Menge Gold. Ich selbst wollte aber keinesfalls wie ein Zigeunerbaron aussehen, stand also von Anfang an mehr auf Silber, was im Arbeitermilieu als Hippie-Krempel galt, als wertloses Zeugs. Vielleicht habe ich den Ring irgendwo gefunden. In den Augen meines Vaters trugen nur Zuhälter und verweiblichte Männer Ringe, ich musste meinen also immer heimlich tragen, zum Beispiel nachts unter der Bettdecke, oder ihn schnell verstecken, um nicht erwischt zu werden.

          Das dürfte Ihnen heute nicht mehr so leicht gelingen. Die Ringe, die Sie tragen, sind ziemlich auffällig.

          Man könnte sogar weiter gehen und sagen: Sie zeugen von keinem guten Geschmack. Ich bin ja nicht nur Schreiber und Wandermönch, sondern auch ein Sonderpostengeier. Auf Lesereisen habe ich vor der Veranstaltung meist noch etwas Zeit herumzustreifen, und dabei gibt es immer zwei Amtshandlungen: erstens die Jagd nach Gedichtbänden in irgendwelchen Antiquariaten, zweitens die Jagd nach Schmuck. Seitdem die Silberpreise in die Höhe geschossen sind, halte ich vor allem Ausschau nach Läden mit Preissturzschildern, insbesondere in den Innenstädten aufgegebener Städte wie Ludwigshafen oder Gelsenkirchen.

          Suchen Sie nach bestimmten Ringen?

          Es dürfen keine kleinen Ringe sein und möglichst auch keine Symbolringe. Irgendwann war jeder Vorstadtstrizzi oder Kleinstadtschauspieler ein Rocker und musste unbedingt einen Totenschädelring tragen, also habe ich mir auch einen gekauft. Das war aber völliger Tand an mir, also habe ich ihn wieder abgelegt. Dann trug ich mal als Kettenanhänger eine Pistole und dachte: Hey, schön behaarte Brust und dazu dieses Pistölchen an der Kette – vielleicht, damit mich niemand für einen dieser verweichlichten Schreiber hält. Es dauerte leider Monate, bevor ich an mir runtersah und merkte, wie Scheiße das eigentlich aussah. Aber wenn man Schmuck trägt, geht man immer das Risiko ein, eine lächerliche Figur abzugeben, insbesondere, wenn man bei anderen Eindruck schinden oder mit dem Schmuck irgendwas ausdrücken will. Bei Lesungen denken die Leute oft, der Schmuck gehöre zu meinem Auftritt. Sie versuchen, eine Art Code darin zu entdecken, aber für mich sind die Ringe Alltag, wie Bekleidung.

          Können Sie dennoch sagen, was der skelettierte Vogelkopfring erzählt, den Sie lange getragen haben?

          Erst mal ist der sehr schwer, und das gefällt mir. Man trägt ihn so, dass der Schnabel auf dem Knöchel liegt. Beim Schreiben rutscht er dann ab, und ich schiebe ihn mit dem kleinen Finger wieder hoch. Dabei gucke ich meistens in die leere Augenhöhle des Schädels und empfinde echtes Kinderglück. Bei Schmuck darf man nie auf die Reife eines Erwachsenen setzen, sonst würde man vermutlich gar nichts tragen. Weshalb habe ich diesen Ring also gekauft? Erstens sind Krähen meine Lieblingstiere. Ist der Ring also ein Totem? Nein, denn zweitens war er sehr günstig. Inzwischen kostet er wohl ziemlich viel Geld, aber vor Jahren war er Ladenhüter in einem Geschäft im Ruhrgebiet, und ich habe ihn für ein Fünftel des ursprünglichen Preises gekauft.

          Erinnern Sie sich noch, was Sie bezahlt haben?

          Vielleicht 80 oder 85 Euro. Toll ist, wie er die Hand beschwert und klackert. Es ist ein Glück, sich morgens die Zähne zu putzen, einen Kaffee zu brauen und sich dann Ringe aufzustecken.

          Wie fühlt es sich an, sich eine Handschelle überzustreifen?

          Die Leute haben zuerst gedacht: Was ist das denn? Steht Zaimoglu auf SM-Spiele? Da musste ich dann jedes Mal wie eine Kammerzofe erröten, obwohl es damit gar nichts zu tun hat. Die Schelle ist schwer und ungewöhnlich. Ich behaupte, dass ich auch mit der Schelle gar nichts sagen will, aber es geht ja wie bei einem Bild immer auch um den Betrachter und was er sich so denkt. Es gibt Frauen, die es nicht nur geschmacklos, sondern irritierend finden, wenn man mit seinem Silberkrempel klimpert. Aber ich brauche das Klappergeraffe, weil es mich froh macht. Ich sitze zum Beispiel an meiner Schreibmaschine, tippe und denke: Mein Gott, muss es immer so sein, dass ich um jeden einzelnen Satz kämpfe? Dann gucke ich auf die Handschelle, schiebe den einen oder anderen Ring hin und her, atme durch und denke: Naja, hab dich mal nicht so.

          Klingt gut: Mehrere Ringe nebeneinander klimpern und klacken.
          Klingt gut: Mehrere Ringe nebeneinander klimpern und klacken. : Bild: Daniel Pilar

          „Motto: An gespenstischen Tagen versperre dich der Trübsal“, wie es in „Weiter im Text“ heißt, Ihrem Tagebuch aus dem Frühjahr 2011. Darin wappnen Sie sich mit Ihren Ringen nicht nur für den Alltag an der Schreibmaschine, sondern auch für finanzielle Not: „Motto: Leg das Silbergeschmeide an in harter und härtester Zeit.“

          Danke, dass Sie mich an das Zitat erinnern. Meine Mutter sagte mir schon als Kind, dass man mir die Armut nicht vom Leib ablesen können dürfe. Wenn man sich wappnet, Rüstung anlegt, dann wehrt man innere wie äußere Einflüsse ab. Schmuck ist dann eine Versteifung im Sinne von: Schluss jetzt, kein Jammer, Ordnung halten, nicht aufweichen und Selbstsabotage betreiben. So lange ich das Klappern höre, weiß ich, dass ich nicht tot bin, dass ich nicht am Boden liege. Das hat vielleicht eine etwas lächerliche Note, aber wir, die wir schreiben, müssen aufpassen: Oft genug werden wir undicht und sehen nur noch Luft und Leere. Oft genug lässt uns die Geschichte nicht los, in der wir uns bewegen, und damit ich nicht leichter als Luft werde, beschwere ich mich eben mit Ringen, Spangen und Ketten. Durchhalten! Das ist kein Schlachtruf, aber in den 21 Jahren, die ich das jetzt mache, gilt es fast täglich durchzuhalten. Mal ist da ein laufendes Projekt, mal habe ich Schädelspalter-Kopfschmerzen, mal kommt wieder eine Rezensentin auf die Idee, mich in den Boden zu stampfen. Manchmal liege ich im Bett und kann nicht einschlafen. Dann nehme ich mir ein paar Ringe, stecke sie mir nochmal an und bin gerüstet für die Nacht.

          Was sehen Sie, wenn Sie den Schmuck anderer betrachten?

          Da mache ich erstmal einen Unterschied zwischen Frauen und Männern, denn Frauen sind ja so schön, dass ihnen fast alles steht. Sie können sich irgendwelchen Silberdraht um den Finger wickeln oder in Haderlumpen daherkommen, und es sieht großartig aus, und mir schießt vor Begeisterung Wasser in die Augen. Wenn ich Männer betrachte, sehe ich meist schönes oder hässliches Blendwerk. Mit bestimmten Ringen, Piercings oder Tätowierungen werden Männer zu Mackern, und diese platte Behauptung von Männlichkeit gefällt mir natürlich nicht. Das ist nichts als ranziger Maskulinismus. Bei nüchtern verfassten Männern sehe ich oft den Hang zur Armbanduhr als Botschaft: Hey, diese Uhr hat 25.000 Euro gekostet. Baby, Du weißt also, wo ich stehe. Nichts da: Wenn man ihm die Hand samt Armbanduhr abhackte, würde sich dieser Typ Mann in Luft auflösen. Aber die Jungs, die in den besseren Hipster-Kneipen Berlins oder der Hamburger Schanze sitzen und an ihren dünnen Daumenringen drehen, sind mir ebenfalls ein Grauen. Ich weiß nicht, ob ich aus diesen Beobachtungen eine Typologie entwickeln kann, denn eigentlich interessieren mich die Jungs ja nicht besonders, während es bei den Frauen zum Naseabbeißen ist: Man guckt hin, es ist originell, es sind Applikationen im Sinne von Geschmacksverstärkern, aber im Unterschied zu den meisten Männern bleiben die Frauen bei sich. Wenn ich mich wie ein Pfingstochse behänge, weiß jeder: bad taste.

          Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrem Schmuck und dem „German Kitsch“ der Gartenzwerge, mit denen Sie sich in Ihrer Wohnung umgeben?

          Bei einem Wichtelmännchen kann ich sagen: Es ist klein, glänzt und hat eine rote Kappe an. Da gefällt mir gerade das Bunte, was ich bei meinem Schmuck und meiner Kleidung nicht mag. Ich trage Schwarz, manchmal bis auf die Socken. Im Grunde ist also alles silbern und schwarz.

          Sie hatten aber auch eine Zeit der fliederfarbenen Hemden.

          Ich war ein Flieder-Giovanni, das stimmt, und ich finde für meine heutige Entgeisterung darüber keine Worte. Das war in meinen Anfängen, zur Zeit von „Kanak Sprak“, meinem ersten Buch, als ich auch noch lange Haare trug. Ich sah aus wie eine der verätzten Figuren aus „Kanak Sprak“, wie ein hochgeföhnter Pudel im bunten Trachtenlook. Davor hatte ich auch schon schwarz getragen, und irgendwann bin ich dann Gott sei Dank zum Schwarz zurückgekehrt, obwohl ich meinen Eltern Rede und Antwort stehen musste: Mein Sohn, Du siehst aus wie ein Totengräber! Trauerst Du? Träumst Du davon, Sargträger zu sein? Gehst Du auf Friedhöfen spazieren? Für mich ist das Schwarz aber weder eine allergische noch eine antipathische Reaktion, und meine Eltern könnten mich ebenso gut fragen, weshalb ich seit 30 oder 40 Jahren jeden Tag Gedichte lese und drei Halsketten trage. Früher habe ich sogar eine Zeitlang mal sieben getragen, bis ich würgend und keuchend aus dem Schlaf erwachte und mich mit den Ketten fast erdrosselt hatte.

          Passt gut: Schmuck und Kitsch können auch bei der Arbeit helfen.
          Passt gut: Schmuck und Kitsch können auch bei der Arbeit helfen. : Bild: Daniel Pilar

          Ein Macho sagte mal, er brauche nur drei Schmuckstücke: „Auto, Frau, Uhr.“ Das erinnert mich an das Ende Ihres Romans „Leyla“, als Ihre aus der Türkei stammende Protagonistin bei der Ankunft in Deutschland „am Zierrat der Frau den Wohlstand ihres Mannes“ zu erkennen meint. Welche Männer- oder Frauenbilder lassen sich am Schmuck ablesen?

          Das Macho-Zitat ist natürlich erbärmlich. Es ist zerebral minimal, weil es sich dabei um ein Bekenntnis zur Etikettierung handelt: Ich erkläre Dinge zu meinem Besitz und definiere mich über sie. Ich kenne einige gescheite Jungs, die eine teure Uhr tragen, aber es handelt sich dabei um das Erbstück ihres Vaters. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wenn ein Kerl glaubt, dass er die Hühner aufscheucht, wenn er mit dem Sportwagen anfährt oder mit seiner Rolex schlackert, kann ich nur sagen: Er hat eine Rolex und einen Komplex. Für so etwas habe ich nur Verachtung übrig, weil es keinen Moment der Leichtigkeit und Dekadenz hat. Sie fragen nach der Bedeutung von Schmuck in unserer deutschen Gesellschaft: Ich komme von unten, und unten ist Dreck, Mief und Härte. Da gibt es keinen Begriff von Freiheit ohne Konsum. Aber als ich irgendwann in die bürgerliche Szene reingerasselt bin, habe ich vor allem Jungs und Männer gesehen, die glaubten, es müsse immer eine Maske her, die du anlegst und die dann mit der eigenen Haut verschmilzt und deine Identität ausmacht.

          „unser schweiß ist nigger, unser leben ist nigger, die goldketten sind nigger“, so eine der Figuren aus „Kanak Sprak“. Ist Gold im Unterschied zu Silber die Währung am Rande der Gesellschaft?

          Wie gesagt: Das modebewusste Bürgertum hat immer in die Gosse gegriffen und sich der Dinge bedient, die durch Modemacher sanktioniert worden waren. Es ist andererseits aber auch so, dass die Unterschicht nach allem schnappt, was vom Tisch des Bürgertums fällt. Gold war immer auch die Währung in Notzeiten. Ich erinnere mich, dass auch meine Mutter einst zehn Goldreifen am Arm trug und dann einen nach dem anderen verkaufte, um das Schulgeld für meine Schwester und mich bezahlen zu können. Aber wenn wir von den Unterschichtensprösslingen sprechen, die Gold tragen, hat das viel mit dem Protzgehabe zu tun, das man auch in den Rap-Videos auf MTV beobachten kann. Ich meine die Helden des deutschen Rap, diese Kanaken-Fürsten, die auf Bronx machen und stolz sind auf ihr Haus und ihren Spießer-Vorgarten. Die protzen mit ihrem Schmuck, wobei es sich dabei inzwischen nicht mehr um Gold, sondern um Platin handelt, gewissermaßen um das bessere Gold. Sie wollen sagen: Schaut her, ich hab Junk versetzt, ich wurde niedergeschossen und stand wieder auf. Diese Emporkömmlinge machen sich auf ähnliche Weise über ihren Besitz sichtbar wie die Leute, die ihre ganze Wohnung mit bürgerlichem Krempel vollstellen, um ihre Gäste mit diesen Wohlstandsanzeigern neidisch zu machen.

          „Unnützer Gedanke“, sinnieren Sie in „Weiter im Text“: „Wieso kann ich Jackett/Sakko/Anzug nicht von der Steuer absetzen? Ist Berufsbekleidung. Trage im Alltag kein bürgerliches Kostüm.“ Können Sie Ihren Business-Look beschreiben?

          Mein Business-Look ist kein Business-Look. Ich habe zwei Hühneraugen und einen hohen Spann, deswegen kann ich keine italienischen Schuhe tragen. Die feinen Stiefeletten kamen mir irgendwann blöde vor, also trage ich Grobzeug an den Füßen, zumal ich fast jeden Tag auch Gewaltmärsche mache. Ich mag also trittfestes Schuhwerk, schlanke, enggeschnittene Hosen und Dockarbeiter-Kapuzenjacken, weil ich niedrigen Blutdruck habe und mich nach 31 Jahren in Kiel noch immer nicht an die Kälte gewöhnt habe. Ich will keiner dieser Schriftsteller sein, die auch in ihrer Freizeit Anzüge tragen, und wenn ich Jackett trage, dann kein Onkel-Horst-Jackett wie vor 20 Jahren, sondern ein auf Silhouette geschnittenes, leicht zerfranstes Hühnerwürgerjackett. Ich mag das Zerknitterte, das Zerschlissene, das Geschmirgelte. Ich mag keine Krawatten und keine Hemden mit Kragen. Ich mag den destroyed look, aber nicht die Typen, die sagen: Hey, ich komme zwar aus Hamburg-Eppendorf oder Berlin-Mitte, trage aber eine völlig zerschlissene Acne-Jeans für 280 Euro. Diese Typen können machen, was sie wollen: Am Ende sehen sie doch immer nur aus wie Onkel Horst mit seinem Rollkoffer.

          Wann haben Sie Ihren letzten Ring gekauft?

          Irgendwann letztes Jahr in Mainz.

          Als Sie Stadtschreiber waren.

          Ja, ich liebe die Belohnung nach harter Arbeit. Ein paar neue Gedichtbände kaufen, mein Gott, ist das geil, und dann den Schmuck. Ich kann Ihnen sogar den Namen der Schmuckdesignerin nennen, bei der ich die Ringe gekauft habe, aber wir wollen ja keine Werbung machen.

          Doch, das dürfen Sie, ausnahmsweise.

          Sie heißt Jutta Lutz. Ich weiß den Namen, weil ich so oft bei ihr war. Ich habe mir nach und nach drei Ringe angelegt - eine bis zum kleinen Finger reichende abnehmende Linie. Drei Ringe nebeneinander, das klimpert und klackt. Ein Geräusch, so schön wie ein Gedicht. Einen davon habe ich neulich nach einer Lesung im Hotel vergessen, aber glücklicherweise wiederbekommen. Sie können sich vielleicht vorstellen, welche Panik mich befiel, als ich aus dem Taxi stieg und meinen nackten Ringfinger bemerkte.

          „Reitet der Ritter in schwarzem Stahl hinaus in die rauschende Welt. Und draußen ist Alles: der Tag und das Tal und der Freund und der Feind“, so Rilke in seinem Gedicht „Ritter“: „Doch in dem Panzer des Ritters drinnen, hinter den finstersten Ringen, hockt der Tod und muss sinnen und sinnen.“ Können Sie sagen, welche Innerlichkeit sich hinter Ihrer schwarzen Rüstung verbirgt?

          Ob das etwas mit dem Schmuck zu tun hat? Doch, ich glaube schon. Wie sage ich es am besten? Herr, erbarme Dich meiner. Herr, Du bist die einzige große Kraft. Alles andere ist bloße Eitelkeit. Man sollte sich nicht markieren, um Größe vorzugaukeln. Es gibt nur den großen Gott, alles andere kommt und wird verweht. Das sind natürlich archaische Worte, aber habe ich je behauptet, ein moderner Mensch zu sein? Ich halte viel von Selbstverschwendung, von Lust und Laune, und es ist mir eine große Lust, mich zu schmücken und Ringe zu tragen. Es kann aber nicht schaden, zwischendurch auch mal das Vaterunser zu sprechen. So wie ein Kind, das sich im dunklen Keller fürchtet. Ich fürchte mich oft genug, und dann ist es gut, dass etwas hell aufblitzt an den Fingern. Amen.

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