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Meeresrauschen auf Asphalt

Protokolle von JENNIFER WIEBKIN, Illustrationen von JAN-HENDRIK HOLST

20. August 2016 · Wie klingt der optimale Blinker? Der Motor? Gibt es eine angenehme Einparkhilfe? Klaus Genuit, der solche Sounds entwirft, über die beste Akustik im Auto.

© Jan-Hendrik Holst

Blinker Eigentlich muss beim Betätigen des Blinkers heute kein Geräusch mehr erklingen. Historisch gesehen schon, denn früher war es wirklich ein Relais, das die Lampen ein- und ausgeschaltet hat, und dieses Klicken hörte man dann. Heute läuft das elektronisch ab, der Blinker ist also eigentlich geräuschlos. Aber man ist es in diesem Fall aus der Historie gewohnt, ein akustisches Feedback zu bekommen. Es gibt sogar Automobilhersteller, die noch ein kleines Billigrelais hinzufügen, das nur für das Geräusch zuständig ist und selbst keine Schaltfunktion mehr hat. Viele sind inzwischen auch dazu übergegangen, mit Mini-Lautsprechern einen Sound zu erzeugen. Leider wird da immer noch sehr viel Geld gespart. Wenn man schon aktiv den Sound gestaltet, kann man das auch dynamisch machen. Wenn man an der Ampel steht, wäre dann zum Beispiel nur ein Tockern zu hören. Wenn man mit 160 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn überholt, wäre es ein deutliches Klicken. In jedem Fall ist die Unregelmäßigkeit beim Entwerfen des Blinkergeräuschs wichtig. Elektronisch klingt es eigentlich gleichmäßig. Aber der Autofahrer erwartet, dass der Sound beim An- und Ausschalten jeweils anders ist.


© Jan-Hendrik Holst

Piepsen beim Einparken Es muss nicht nervig sein, es gibt auch Lösungen, die angenehm sind. Leiser. Viele sind zu laut und hoch frequent; für das Gehör ist das unangenehm. Man könnte das Piepsen wie einen Sound designen. So dass es zum Beispiel einem C-Dur-Klang gleicht. Auch eine Geige klingt nicht gut, wenn sie schlecht gestimmt ist. Das richtige Tuning von Sound ist eben wichtig, aber es wird in der Automobilindustrie zuweilen stiefmütterlich behandelt. Die wenigsten arbeiten bei solchen Fragen zum Beispiel mit Musikern zusammen. Außerdem sind die Sensoren beim Zurücksetzen manchmal träge. Wenn man dann etwas dynamischer rückwärts ein- oder ausparkt, ist man schon gegen das Hindernisgefahren, bevor die Ultraschallsensoren das überhaupt erkannt haben. Eigentlich funktionieren sie nur sinnvoll, wenn man kriecht.


© Jan-Hendrik Holst

Herunterfahrende Fensterscheibe Sie sollte bestenfalls nach gar nichts klingen. Ein geräuschloser Scheibenheber ist ein wunderbarer Luxus. Quietsch- und Schleifgeräusche oder ein jaulender Elektromotor sind hingegen sehr unangenehm. Es gibt verschiedene Antriebsmechanismen, aber eigentlich gilt immer: Je leiser, desto besser. Und wenn man die Scheibenheber schon hört, dann sollten zumindest alle im Auto gleich klingen.


© Jan-Hendrik Holst

Hupe Die klassische Hupe ist so gebaut, dass auch ein anderer Autofahrer, der in seinem Wagen abgekapselt ist, sie noch hören kann. Wenn man diese Hupe verwendet, um einen Fußgänger zu warnen, ist sie natürlich viel zu laut. Ein gutes Warnsignal ist besonders bei leisen Autos wichtig, also bei Elektrofahrzeugen. Es muss bei den Fußgängern sofort die Assoziation hervorrufen: Achtung, hier kommt ein Auto. Andererseits sollte es aber auch nicht erschreckend laut sein. Da her sind modellierte Rauschsignale für das Gehör angenehmer als Töne. Wenn mehrere Fahrzeuge dann zum Beispiel zum Autokorso zusammenkommen, klingt das wie ein Meeresrauschen.


© Jan-Hendrik Holst

Zuschlagende Autotür Das erste Geräusch, das man hört, stammt nicht von der Tür, die zugeschlagen wird, sondern von der Tür, die man öffnet. Darauf legen alle Autohersteller viel Wert, denn es ist oft der erste akustische Kontakt mit einem Auto. Wenn dieses Geräusch schon eine schlechte Qualität vermuten lässt, weil es blechern oder scheppernd klingt, dann bekommt man gleich eine negative Voreinstellung. Die Tür muss kraftvoll klingen und tief, denn so assoziiert man Masse und Stabilität. Sind höhere Frequenzen enthalten, entstehen scheppernde Eindrücke. Auf die Kofferraumklappe wird nicht ganz so viel Wert gelegt, aber auch da möchten die Hersteller natürlich hohe Frequenzen vermeiden: Sie sollte nur mit einem dumpfen „Klopp“ geschlossen werden. Bei immer mehr Türen gibt es nun aktive Unterstützung. Man selbst muss die Tür eigentlich nur noch anlehnen, und der Servomotor zieht sie dann selbst ständig ins Schloss. Das wird eine ganz neue Herausforderung. Wie soll so etwas klingen? Am besten ist hier nur ein kurzes, tiefes „Blubb“.


© Jan-Hendrik Holst

Automotor Schwieriges Thema: Die sportlichen Fahrzeuge produzieren viel unnötigen Lärm, also einen zusätzlichen Sound, um das Auto nach außen akustisch wirken zu lassen. Des einen Freud, des anderen Leid. Nichts kann man zum Beispiel gegen die Lautsprecher oder kleinen Shaker im Fahrzeuginnenraum haben. So hat der Fahrer etwas davon, wenn er sein Auto auf sportlich schaltet. Aber nach außen hin sollten die Fahrzeuge so leise sein, wie es nur technisch möglich ist.


© Philipp Rohner

Prof. Klaus Genuit ist Inhaber von Head Acoustics, einem Unternehmen für Akustiklösungen in Herzogenrath.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 20.08.2016 09:34 Uhr