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Lampen von Curt Fischer : Lichtet euch

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Je Tisch eine Midgard-Leuchte: Lesesaal der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin Bild: Walter Peterhans

Der Ingenieur Curt Fischer erfand das lenkbare Licht. Eine Ausstellung in Köln bringt nun Helligkeit in 100 Jahre bewegliche Beleuchtung.

          6 Min.

          Seine Erfindungen standen am Beginn einer Entwicklung. Sie eröffneten ein neues Zeitalter künstlicher Beleuchtung. Und doch ist Curt Fischer (1890 bis 1956) bestenfalls Spezialisten bekannt. Er gilt als Erfinder des lenkbaren Lichts, er holte es von der Decke der Fabrikhalle herab an die Wand, montierte es an Tisch und Maschine. Elektrisches Licht wurde schon seit dem Jahr 1913 mit Fortschritten bei der Herstellung von Glühlampen zu einer erschwinglichen Technik. Vor allem in Industriebetrieben verbreitete sich die künstliche Beleuchtung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, da die Leuchtmittel mit der Zeit besser und zuverlässiger wurden.

          Curt Fischer, eigentlich Funkingenieur und in der Luftschifffahrt geschult, übernahm in seiner Heimat im thüringischen Ort Auma die Leitung einer Werkzeug- und Maschinenfabrik, die Produkte für die Porzellanindustrie herstellte. Die Firma hatte Fischers Freund und Schwager gegründet, der im zweiten Kriegsjahr gefallen war. In Erinnerung an ihn nannte er sie Industrie-Werk Auma Ronneberger & Fischer.

          Am 1. März 1919 begann das Unternehmen unter neuer Regie, einen Monat bevor im nahen Weimar das Bauhaus gegründet wurde. Die thüringische Provinz war zu dieser Zeit ein Kristallisationspunkt des Neuen – in Weimar traf sich damals die erstmals frei, gleich und geheim gewählte Nationalversammlung. 80 Kilometer entfernt standen in Auma vermeintlich banalere Themen auf der Tagesordnung. „Um maßgenaue Werkzeuge und Maschinenteile zu fertigen“, heißt es in einer Chronik der Stadt aus dem Jahr 1981, „wird außer fachlichem Können auch gutes Licht benötigt.“

          Daran mangelte es im Innenraum. Denn Industriegebäude und Werkstätten wurden zu dieser Zeit meist zentral mit sogenannten Tiefstrahlern beleuchtet. Sie reflektierten das Licht nach unten, ihre Lampenschirme schützten die Umstehenden vor Blendung. Sie waren aber unbeweglich montiert, also alles andere als eine smarte Technologie. Denn sobald sich Arbeiter in ihrem Umfeld bewegten, warfen sie Schatten, womöglich auch auf das Werkstück, das sie gerade bearbeiteten.

          Briefkontakt mit Gropius

          Als Antwort auf diesen Missstand entwickelte Curt Fischer in Auma systematisch Bestandteile einer neuen Lichtkultur, die sich von den zunächst anvisierten Produktionsräumen in Büro und Wohnung ausbreiten sollten. Schon im November 1919 bekam Fischer ein Gebrauchsmuster für eine seiner ersten Konstruktionen. Es war ein Scherenwandarm mit einer vernickelten Stange senkrecht zur Wand. Das kurz zuvor ebenfalls beantragte Patent bekam er aber erst 1923, rückwirkend von 1919 an.

          1919 ließ sich Curt Fischer die Leuchte mit verstellbarem Wandarm und drehbarem Scherengestell patentieren. Bilderstrecke

          Fischers Arbeiten waren frühe Beispiele von nutzbringender Multifunktionalität: Mit geringem Aufwand ließen sich die Leuchten um ihre Achsen drehen. Sie blieben in der gewünschten Position, selbst wenn sie der Eigenvibration einer Maschine ausgesetzt waren. Fischer versprach zudem blendungsfreies Licht, mit sparsamstem Einsatz der kostbaren Glühbirnen.

          In der Zwischenzeit ließ er Muster auch für den Eigenbedarf bauen. „Lenklampen“ nannte Fischer diese Produkte. Der Begriff hatte mit den Gelenken zu tun, die vielfache Verstellbarkeit ermöglichten, mit den Schirmen, die drehbar waren, mit der Möglichkeit, Licht dahin zu bringen, wo es benötigt wurde. 1922 meldete Fischer für sein neues Geschäftsfeld ein Markenzeichen an: „Spezialbeleuchtungsgeräte Midgard“. Das Markenbild – modifiziert bis heute im Einsatz – zeigt eine Schlange, die sich auf eine Sonnendämmerung zubewegt.

          Über das Markenzeichen und dessen Intentionen wurde schon viel diskutiert. Da über Fischers Leben bislang nur Bruchstückhaftes bekannt ist, kann über seine geistesgeschichtlichen Vorlieben und Anknüpfungspunkte nur spekuliert werden. Zum Leipziger Theologen Hans Haas hatte er beispielsweise Kontakt, der empfahl ihm die Dissertation „Midgards Untergang“ seines Schülers Bernhard Kummer, genannt „Germanenbernhard“. Mit dem Kieler Anthropologen Otto Aichel entwickelte er 1929 eine Deckenkonstruktion mit Scherenleuchten für wissenschaftlich-fotografische Zwecke. Aber waren die zweifelhaften Randfiguren einer tümelnd-germanischen Weltsicht für die Entwicklung von Curt Fischers Unternehmungen von Bedeutung? Dafür sind zur Zeit keine Belege bekannt.

          Weit relevanter für Fischer wurden andere Kontakte, deren Entstehen ebenfalls noch ungeklärt ist: das Verhältnis zum Bauhaus und zu dessen erstem Direktor Walter Gropius sowie zu Marcel Breuer. In Breuers Einrichtung für Gropius' Dessauer Meisterhaus von 1926 nahm die Midgard-Leuchte Nr. 113 im Wohnzimmer einen prominenten Platz ein. Mit ihrer geschwungenen Linienführung und dem vernickelten Stahlrohr bildete sie eine Parallele zu den in der Zeit aufkommenden Stahlrohrmöbeln. Gropius hatte brieflichen Kontakt zu Fischer, der ihn immer wieder um Rat fragte, besonders wenn es um Veröffentlichungen ging. Gropius' erster heute bekannter Brief drehte sich um die Weißenhofsiedlung in Stuttgart 1927. Das Industrie-Werk war Aussteller, und Breuer, wie auch andere Architekten, installierten verschiedene Midgard-Modelle in den Wohnungen der Werkbund-Bauausstellung in Stuttgart.

          Gegenstück zu Fischers „Machinenästhetik“

          Auch als Gropius das Bauhaus 1928 schon wieder verlassen hatte und 1930 in Paris mit Breuer und Lázló Moholy-Nagy die viel beachtete „Section Allemande“ inmitten einer braven Art-Déco-Ausstellung inszenierte, wurden in einem eigenen Bereich moderne Leuchten ausgestellt. Mit dabei die „Midgard-Lenklampen“. In der Folge verwendeten viele Architekten und Künstler, nicht nur, aber eben auch am Bauhaus, die Leuchten der Marke Midgard. Die meisten, wie Ludwig Mies van der Rohe, Ernst Neufert, Egon Eiermann und Sep Ruf, nutzten Midgard-Leuchten in ihren Büros. Andere wie Marcel Breuer, zeitweise auch der stilistisch moderate Josef Frank, verwendeten sie auch in ihren Wohnungen.

          Im Planungsbüro des Bauhaus wurde 1928 im Licht der Midgard-Leuchten die ADGB-Bundesschule von Hannes Meyer und Hans Wittwer in Bernau bei Berlin entworfen und ausgearbeitet. Später war auch der Lesesaal des fertiggestellten Gebäudes mit dem anspruchsvollen Modell Midgard Nr. 113 ausgestattet. Und als Hannes Meyer in die Sowjetunion ging, nahm er seine Midgard mit. Ein Foto aus jener Zeit zeigt sie umrankt von Zimmerpflanzen.

          Man darf annehmen, dass Midgard-Leuchten, die Lehrer und Studenten im Bauhaus täglich umgaben, Bauhäusler wie Marianne Brandt und Hin Bredendieck bei eigenen Entwürfen beeinflussten. Brandt sagte 1979: „Beneidet haben wir später die Erfinder des Armes der Midgardleuchte – unsere Lampe war ja auch verstellbar, aber eben nicht so elegant.“ Auch hier blieb Fischer noch unbekannt. Auf Anregung von Gropius arbeitete das Bauhaus mit der Leuchtenfirma Körting & Mathiesen zusammen – damals ein big player der Branche. Für deren Marke Kandem entstanden bekannte Entwürfe, rare Beispiele für Industrieprodukte, die vom Bauhaus mit einem Unternehmen zusammen entwickelt wurden. Christian Dell, als Silberschmied von 1922 bis 1925 Werkmeister am Bauhaus in Weimar, entwickelte eigene Leuchtenentwürfe, die von 1926 an im Kontext des Neuen Frankfurt entstanden, Gegenstücke zu Fischers Maschinenästhetik. Weithin bekannt und seit einigen Jahren neu aufgelegt sind seine Kaiser-Idell-Leuchten, die Dell von 1934 an entwarf.

          In der Zeit der Aufrüstung von der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre an widmeten sich auch große Hersteller wie AEG und Siemens verstärkt dem lenkbaren Licht. Eine eigene Entwicklungslinie bilden dabei die Federzugleuchten, ausgehend vom Entwurf des englischen Automobilingenieurs George Carwardine, der 1934 die flexibel einsetzbare Arbeitsleuchte Anglepoise auf den Markt brachte, zusammen mit dem Federn-Produzenten Terry & Sons.

          Kölner Ausstellung

          Als Curt Fischer 1956 in Auma starb, schrieb die westdeutsche Zeitschrift „Lichttechnik“ in einem Nachruf: Formal und konstruktiv gehörten seine Entwürfe zu „den besten Leistungen ihrer Art und ihrer Zeit“. Mehr als 160 Schutzrechte hat Fischer im Laufe seines Lebens erworben. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Wolfgang nicht ganz freiwillig die Leitung des Industriewerks Auma. 1963 beteiligte sich der Staat am Unternehmen, das 1972 vom DDR-Regime vollständig enteignet wurde. Wolfgang Fischer blieb dennoch Betriebsleiter. Das Erfolgs- und Exportmodell jener Jahre war eine Federzugleuchte, die im Westen hauptsächlich von Ikea vertrieben wurde und die fast jedes Kind an seinem Schreibtisch hatte.

          Wolfgang Fischer verlängerte in all den Jahren die wichtigsten Patente und Markenrechte auf eigene Rechnung. Nach der Wende 1990 bekam er das Unternehmen auch zurück, doch es gelang ihm nicht, an frühere Erfolge anzuknüpfen. 2015 startete Midgard Licht in Hamburg neu, die Unternehmer David Einsiedler und Joke Rasch pflegen das Erbe und entwickeln neue Produkte. Unter anderem leben Maschinen- und Federzugleuchten nach Entwürfen Curt Fischers wieder auf.

          Nun bringt eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) das Universum des gelenkten Lichts zusammen, unterstützt von Midgard Licht und in einer Ausstellungsarchitektur mit Stahlrohrelementen von Thonet – von frühen historischen Beispielen bis zu jüngsten Modellen von Nimbus und Erco, die als Leihgabe vertreten sind. Während die Nimbus Roxxane ihr LED-Licht aus einer Platte mit kegelförmigen Öffnungen verteilt und an tradierte Bauformen anknüpft, lenkt die stabförmige, drehbare Lucy von Erco das Licht der Dioden durch Linsen über den Arbeitstisch. Trotz immer wieder neuer Lichttechniken ist die Gelenkleuchte höchst lebendig – in historischen wie aktuellen Ausprägungen. So ist die Neuauflage des Midgard-Modells Nr. 113 schon in Vorbereitung.

          Thomas Edelmann ist Journalist und schreibt über Design und Architektur. Für die Ausstellung „Hundert Jahre lenkbares Licht – Ursprung und Aktualität beweglicher Beleuchtung“ im MAKK in Köln (14. Januar bis 24. Februar 2019) hat er den Katalog verfasst.

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