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Lampen von Curt Fischer : Lichtet euch

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Über das Markenzeichen und dessen Intentionen wurde schon viel diskutiert. Da über Fischers Leben bislang nur Bruchstückhaftes bekannt ist, kann über seine geistesgeschichtlichen Vorlieben und Anknüpfungspunkte nur spekuliert werden. Zum Leipziger Theologen Hans Haas hatte er beispielsweise Kontakt, der empfahl ihm die Dissertation „Midgards Untergang“ seines Schülers Bernhard Kummer, genannt „Germanenbernhard“. Mit dem Kieler Anthropologen Otto Aichel entwickelte er 1929 eine Deckenkonstruktion mit Scherenleuchten für wissenschaftlich-fotografische Zwecke. Aber waren die zweifelhaften Randfiguren einer tümelnd-germanischen Weltsicht für die Entwicklung von Curt Fischers Unternehmungen von Bedeutung? Dafür sind zur Zeit keine Belege bekannt.

Weit relevanter für Fischer wurden andere Kontakte, deren Entstehen ebenfalls noch ungeklärt ist: das Verhältnis zum Bauhaus und zu dessen erstem Direktor Walter Gropius sowie zu Marcel Breuer. In Breuers Einrichtung für Gropius' Dessauer Meisterhaus von 1926 nahm die Midgard-Leuchte Nr. 113 im Wohnzimmer einen prominenten Platz ein. Mit ihrer geschwungenen Linienführung und dem vernickelten Stahlrohr bildete sie eine Parallele zu den in der Zeit aufkommenden Stahlrohrmöbeln. Gropius hatte brieflichen Kontakt zu Fischer, der ihn immer wieder um Rat fragte, besonders wenn es um Veröffentlichungen ging. Gropius' erster heute bekannter Brief drehte sich um die Weißenhofsiedlung in Stuttgart 1927. Das Industrie-Werk war Aussteller, und Breuer, wie auch andere Architekten, installierten verschiedene Midgard-Modelle in den Wohnungen der Werkbund-Bauausstellung in Stuttgart.

Gegenstück zu Fischers „Machinenästhetik“

Auch als Gropius das Bauhaus 1928 schon wieder verlassen hatte und 1930 in Paris mit Breuer und Lázló Moholy-Nagy die viel beachtete „Section Allemande“ inmitten einer braven Art-Déco-Ausstellung inszenierte, wurden in einem eigenen Bereich moderne Leuchten ausgestellt. Mit dabei die „Midgard-Lenklampen“. In der Folge verwendeten viele Architekten und Künstler, nicht nur, aber eben auch am Bauhaus, die Leuchten der Marke Midgard. Die meisten, wie Ludwig Mies van der Rohe, Ernst Neufert, Egon Eiermann und Sep Ruf, nutzten Midgard-Leuchten in ihren Büros. Andere wie Marcel Breuer, zeitweise auch der stilistisch moderate Josef Frank, verwendeten sie auch in ihren Wohnungen.

Im Planungsbüro des Bauhaus wurde 1928 im Licht der Midgard-Leuchten die ADGB-Bundesschule von Hannes Meyer und Hans Wittwer in Bernau bei Berlin entworfen und ausgearbeitet. Später war auch der Lesesaal des fertiggestellten Gebäudes mit dem anspruchsvollen Modell Midgard Nr. 113 ausgestattet. Und als Hannes Meyer in die Sowjetunion ging, nahm er seine Midgard mit. Ein Foto aus jener Zeit zeigt sie umrankt von Zimmerpflanzen.

Man darf annehmen, dass Midgard-Leuchten, die Lehrer und Studenten im Bauhaus täglich umgaben, Bauhäusler wie Marianne Brandt und Hin Bredendieck bei eigenen Entwürfen beeinflussten. Brandt sagte 1979: „Beneidet haben wir später die Erfinder des Armes der Midgardleuchte – unsere Lampe war ja auch verstellbar, aber eben nicht so elegant.“ Auch hier blieb Fischer noch unbekannt. Auf Anregung von Gropius arbeitete das Bauhaus mit der Leuchtenfirma Körting & Mathiesen zusammen – damals ein big player der Branche. Für deren Marke Kandem entstanden bekannte Entwürfe, rare Beispiele für Industrieprodukte, die vom Bauhaus mit einem Unternehmen zusammen entwickelt wurden. Christian Dell, als Silberschmied von 1922 bis 1925 Werkmeister am Bauhaus in Weimar, entwickelte eigene Leuchtenentwürfe, die von 1926 an im Kontext des Neuen Frankfurt entstanden, Gegenstücke zu Fischers Maschinenästhetik. Weithin bekannt und seit einigen Jahren neu aufgelegt sind seine Kaiser-Idell-Leuchten, die Dell von 1934 an entwarf.

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