https://www.faz.net/-hrx-9wkog

Schauspielerin Bibiana Beglau : „Wir tragen Museumsstücke herum“

  • -Aktualisiert am

„Sich ganz einfach hinzustellen und man selbst zu sein ist schwierig“, sagt Bibiana Beglau über das Posieren auf dem roten Teppich. Bild: snapshot-photography

Dresscodes bei der Berlinale, Stau hinter den Kulissen und die Haltungsfrage in der Mode – Schauspielerin Bibiana Beglau spricht im Interview über ihre Erfahrungen auf dem roten Teppich.

          5 Min.

          Frau Beglau, kommende Woche beginnt die Berlinale. Mögen Sie es, den roten Teppich entlangzulaufen?

          Mir hat mal jemand gesagt: Zehn Meter davon sind deine. Der Teppich ist dein Lohn für bestimmte Arbeiten, für die du dich angestrengt hast. Natürlich könnte ich mich am Nebeneingang herumdrücken. Aber als Schauspielerin finde ich es wichtig, eine Anfassbarkeit herzustellen. Dies ist ein Film- und ein Publikumsfest, wir verdienen in der Branche unser Brot, es ist eine Ehre, dabei zu sein. Und es kann rasend viel Spaß machen.

          Sie empfinden den Gang darüber nicht als Spießrutenlauf?

          Na ja, man muss sich schon zusammenreißen. Fünf Gläser Champagner vorher zu trinken ist äußerst dämlich, weil der Teppich auch was Aggressives hat. Da schreien Menschen deinen Namen, wenn sie ihn kennen: „Frau Beglau, was ist das für eine Klamotte?“

          Hauptaugenmerk des Roten Teppichs sind die Outfits. Wann beginnen Sie, sich damit auseinanderzusetzen?

          Ich kümmere mich frühzeitig darum, wenigstens einen Monat vorher. Wir haben in Berlin wunderbare junge Designer. Ich suche mir selbst Kleider bei ihnen aus, weil ich gern die Kreativen der Stadt unterstütze. Ich habe eine Leidenschaft für Mode und verstehe sie – ähnlich wie die Franzosen und Italiener – als Ausdruck der Kultiviertheit. Ich nehme den Beruf des Designers ernst, und das merken die. Deshalb kann ich wohl auch an die Modeschöpfer herantreten und fragen, ob ich ein bestimmtes Kleid tragen darf.

          Welchem Designer vertrauen Sie?

          Ich ziehe gern Michael Sontag an, er designt fast statuenhafte Entwürfe. Fließend, klassische Gewänder in aufregenden, monochromen Farben. Seine Kleider beginnen durch die körperliche Bewegung zu leben. Nach unserem Gespräch habe ich noch einen Termin bei Dawid Tomaszewski.

          Der polnische Designer führt seit 2009 sein Label in Berlin.

          Ich habe zwei Kleider im Auge. An ihm gefällt mir seine Virtuosität, mit Mustern umzugehen. Bei Michael Sontag entsteht das Verspielte durch die Bewegung des Körpers im Kleid, Dawid hat einen gewissen Humor bereits in die Garderobe eingeschrieben. Er gibt mir damit die Möglichkeit, den Mainstream auf dem Teppich zu unterlaufen.

          Was heißt das?

          Vor 20 Jahren gingen viele deutsche Schauspielerinnen in Bustier, Glitzerkleid, Spaghettiträger, das sah ein bisschen fad aus. Heutzutage wagen sie sich mit einer anderen Ernsthaftigkeit an die Mode heran. Heike Makatsch trägt gern wunderbare Entwürfe von Kaviar Gauche, die manchmal ein Hauch von nichts sind. Wo der Stoff beinahe wie Prägungen der Haut aussieht. Darin zu stecken kann echt kühl sein, das muss man zur Berlinale bedenken. Ist ja Februar. Die Kleider dürfen nicht zu dünn sein, ich will auf den 50 Metern zum Kino nicht erfrieren.

          Welches Bild möchten Sie bei solchen Events von sich entwerfen?

          Kleidung ist für mich kein Ausdruck von Identität, sondern ein Verständigungsmittel, mit dem ich anderen signalisiere: Ich verstehe, wo ich bin. Dass ich mich auf einer Festivität befinde und mich dort wohl fühle. Selbstverständlich kön1nen wir dabei innovative Mode tragen, wir erinnern uns alle an Björk, die mit einem Schwanengewand zu den Oscars kam. Was das bewirkt hat! Da hat jemand plötzlich diese klassischen Einordnungen nach Dekolleté und Paillette verweigert und dadurch etwas Neues erfunden.

          Bibiana Beglau beim Deutschen Filmpreis 2019

          Lady Gaga erschien 2010 zu den MTV Video Music Awards in einem Fleischkleid.

          Und alle haben darüber geredet: eine Unverschämtheit, sich mit Fleisch zu behängen, eigentlich ja mit Leichen. Ist das pervers, ist das geschmacklos, geht das? Ja, unsere Welt ist geschmacklos. Ob diese Debatte von dieser Person beabsichtigt wurde, sei dahingestellt, auf jeden Fall wurde das Kleid diskutiert. Ich fand es toll, dass diese Auseinandersetzung stattgefunden hat.

          Hätten Sie sich für Fleisch oder Schwan entschieden?

          Das ist zu weit weg von mir. Ich hatte einmal ein schlichtes weißes Kleid von Michael Sontag an, da schrieben alle Zeitungen hinterher: Bibiana Beglau trägt eine Tischdecke. Nur die „Vogue“ hat es erkannt und war hocherfreut. Ich war für einen Moment beleidigt, habe gedacht: Ihr Dilettanten, die Zeiten ändern sich doch!

          An Promikleidung liest man Geschichte ab?

          An Gemälden lesen wir ja auch Entwicklungen in der Mode ab: Ah, in der Renaissance hat man die Taille der Frauen unter der Brust angesetzt, oh, in der Gotik trug man spitze Hüte. Da bildet sich etwas über eine bestimmte Zeit ab. Ganz sicher sagen die Fotos vom Teppich etwas über unsere Zeit und Gesellschaft aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Libanon : Deutsche Diplomatin bei Explosion in Beirut getötet

          Bei der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft getötet worden. Außenminister Maas zeigte sich bestürzt: „Unsere schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt.“

          Hiroshima 1945 : Acht Zeitzeugen über Krieg und Kapitulation

          Zum ersten Mal wurde am 6. August 1945 eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. In Hiroshima wurden mehr als hunderttausend Menschen getötet – unter Trümmern, im Feuersturm oder durch Verstrahlung. Acht Japaner über ihr Leben im Krieg, die Bombe und die Kapitulation des Kaisers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.