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Cartier-Archivarin : Das Gedächtnis der Tiara

Alter Adel: Diese Tiara wurde am 3. Januar 1912 an die Königin von Belgien verkauft. Bild: N. Welsh, Cartier Collection © Cartier

Enzyklopädische Verkaufslisten, Krönchen für festliche Anlässe und ein Land namens Siam: Beim Besuch in Paris dreht die Cartier-Archivarin die Zeit um ein Jahrhundert zurück.

          6 Min.

          Der 20. Juli 1906 war für Cartier im Geschäft an der Pariser Rue de la Paix ein Tag mit illustrer Kundschaft. Als erste hatte sich Mrs. Morton angekündigt, eine wohlhabende New Yorkerin. Ihre Adresse: 681 Fifth Avenue; es war die Zeit, bevor Cartier eine Dependance in Mrs. Mortons Viertel in New York eröffnete. Anschließend kam Mrs. Hariman, ebenfalls Amerikanerin. Sie wiederum gab Alberto Santos Dumont die Klinke in die Hand, dem brasilianischen Motorflugpionier, für den Cartier 1904 die Santos-Uhr entworfen hatte; das Modell ist noch heute zu kaufen, und längst nicht mehr nur an der Rue de la Paix.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am 20. Juli 1906 stand im Kalender der Cartier-Brüder aber noch ein Termin, mit der Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, die aus Sankt Petersburg gerade in der Stadt war. Sie kam, wie alle anderen dieser Kunden an dem Tag, nicht nur zum Schauen. Jeder von ihnen verließ das im Jahr 1899 eröffnete Geschäft zwischen Opéra und Tuilerien mit einem Schmuckstück: Mrs. Morton holte einen Ring ab, der eigens für sie angefertigt worden war, Mrs. Hariman und Santos Dumont kauften Damenuhren (die damals noch an Ketten hingen). Und die Großherzogin verließ das Geschäft mit einem Herren-Feuerzeug und einer Kette.

          Für die Cartier-Brüder dürfte Buchhaltung kein unwichtiges Thema gewesen sein. Sie notierten ja jede Transaktion in ihren dicken Büchern. Die Archivarin, die diese Bücher heute verwaltet und nun zum ersten Mal mit einer deutschen Zeitung spricht, sitzt an diesem Vormittag in der dritten Etage an der Rue de la Paix, Hausnummer 13. Im Erdgeschoss geht neuer Schmuck über den Tresen, im dritten und vierten Geschoss, zwischen hohen Holzregalen, in denen sich die Bücher mit den schweren Einbänden aneinanderreihen, die wie Enzyklopädien in einer Bibliothek anmuten, wird die Erinnerung an alte Juwelen bewahrt. Die Frau, die heute eine lockere dunkelblaue Hose, einen orangefarbenen Cardigan, eine Ballon-Bleu-Uhr ihres Arbeitgebers und weiße Handschuhe trägt, ist das Gedächtnis von Cartier. Die Handschuhe braucht sie allein schon deshalb, weil die Bücher Kostbarkeiten sind.

          Sie muss anonym bleiben

          Seit 13 Jahren arbeitet sie für die Pariser Schmuck- und Uhrenmarke, die zum Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont gehört. Ihr Name darf nicht in der Zeitung stehen - man befürchtet wohl, dass sie abgeworben werden könnte. Sie hat Geschichte und Informationstechnologie studiert. Die Mischung war so speziell, dass sie von der Université de Paris geradewegs in die dritte Etage an der Rue de la Paix 13 kam. Sie trieb bei Cartier die Digitalisierung der alten Bestände voran und ging für vier Jahre nach New York, um dort das Archiv aufzubauen. Cartier unterhielt schon früh drei Dependancen, neben Paris und New York auch London, und benötigt auch drei Archive für die historischen Preziosen.

          Die Archivarin, 38 Jahre alt, öffnet ein anderes Buch, mit märchenbandschönem Einband, messingbeschlagenen Ecken und großem roten Label. Zumindest wirkt es so aus heutiger Sicht. „Das waren ja Arbeitsmaterialien“, sagt sie und blättert in einem Buch mit Zeichnungen von Schmuckstücken. Auch die Ideen wurden so festgehalten, auf Transparentpapier. Noch heute wird nichts am Computer entworfen, noch heute sind diese Zeichnungen - im Maßstab eins zu eins - Ideenlieferanten für die Designer. „Es ging nicht darum, dass sie schön aussahen, sondern praktisch und korrekt geführt waren“, sagt die Archivarin und öffnet ein weiteres Buch. Statt Zeichnungen: wieder Zahlen. Nicht umsonst heißt es „Journal des Ventes“. Sie fährt mit ihrem Finger von einem Posten zum nächsten, „eine Transaktion pro Zeile“, sagt sie mit Blick auf eine Einkaufsliste. Mal ließ die Kundin hier 1100 Francs, mal acht Francs, mal handelt es sich um eine Kette mit Perlen, mal um eine Reparatur.

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