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Anita Tillmann : Die Trendsetterin

Anita Tillmann, Chefin der Premium Mode Messe in Berlin. Bild: Boris Kralj

Anita Tillmann ist eine der Macherinnen der neuen Berliner Modeszene. Dabei schneidert oder näht sie nicht. Ihr Metier sind Messen. Eine davon ist mittlerweile der wichtigste Teil der Berliner Fashion Week.

          Wer in der Mode etwas werden will, braucht handwerkliches Können, Weitsicht und Härte. Die Branche ist schnell und ohne Erbarmen; Arbeitstage sind oft doppelt so lang, wie sie eigentlich sein sollten; alle drei Monate gibt es einen neuen Modetrend – und keiner gleicht dem anderen. Anita Tillmann kennt das.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Einst fing sie klein an, heute hat sie große Pläne. Erst Berlin, dann New York, vielleicht auch noch Los Angeles. Sie will mit ihrer Berliner Premium-Messe nach Amerika. Schon im kommenden Jahr könnte es so weit sein. Sie hat neue Partner in der Firma und frisches Geld im Haus. Das muss nun arbeiten – rasch und global. Seit Jahren gehört sie zu den wichtigsten Macherinnen der Fashion-Szene an der Spree.

          Sie schneidert nichts, sie näht auch nichts, sie schafft keine Stile. Ihr Metier sind Messen. Sie hat vier an der Zahl mit alles in allem acht Ausstellungen im Jahr. An der Spitze steht die Premium – die Leitmesse der Branche. In dieser Woche öffnet sie im Rahmen der Berliner Fashion Week wieder ihre Tore. Tausend Aussteller, zweitausend Kollektionen, dreißigtausend Besucher. Klassischer Chic neben sportlicher Eleganz. Tillmann suchte nach neuen Horizonten.

          Jenseits des Atlantiks Fuß fassen

          Im Herbst war die englische Clarion-Event-Gruppe als Anteilseigner bei ihr eingestiegen. Zuvor waren die Briten vom amerikanischen Privatkapitalgeber Blackstone übernommen worden. Nun haben Blackstone und Clarion mit der Premium viel vor. Die neuen Partner drehen ein großes Rad. Sie wollen jenseits des Atlantiks Fuß fassen. Tillmann kann es kaum erwarten.

          Anders als Berlin hat die Fashion-Szene von New York zwar viele Schauen, doch keine Messe. Das soll sich ändern. Tillmann muss nun aber erst mal den nächsten Auftritt in Berlin gut organisieren. Ein Heimspiel, sagt sie und lacht. Sie spricht schnell und leise. Wenn es um die Premium geht, wird sie lauter und noch ein wenig schneller.

          Ihre Messe ist mittlerweile der wichtigste Teil der Berliner Fashion Week (BFW). Die findet seit 2007 zweimal im Jahr an der Spree statt. Ein knappes Dutzend Messen, viele Schauen. Der wichtigste Hauptsponsor des Events war zehn Jahre lang Mercedes-Benz. Im Sommer vergangenen Jahres traten die Stuttgarter aber hart auf die Bremse. Zeitenwende mit Ansage.

          Geld statt Glitzer

          Schon 2014 hatte sich mit der riesigen Berliner Jeans-Messe Bread&Butter (B&B) eines der drei wichtigsten Berliner Fashion-Events verhoben. Sie ging erst insolvent und dann an Zalando. Das Internethaus nahm die B&B aus dem sommerlichen Modetrubel heraus und richtet sie nun nicht mehr im Juli, sondern im September aus. Eine wichtige Säule der Berliner Fashion Week lag am Boden. Die Szene reagierte, gründete das Fashion Council Germany, straffte das Programm der Modewoche, strich Show-Einlagen von C-Promis und rückte die Messen ins Zentrum des Treibens. Geld statt Glitzer.

          Anita Tillmann mit Michael Michalsky und Norbert Tillman beim F.A.Z-Empfang 2013 in Berlin

          Berlin, Gleisdreieck. Sanierte Häuser, zweiter Hinterhof, dritte Etage. Der Aufzug rumpelt nach oben. Ein Büro, so groß wie ein Saal. Viele Tische mit Computern. Das Unternehmen zähle 50 Mitarbeiter und erlöse 20 Millionen Euro im Jahr, wird Tillmann später im Gespräch sagen. Sie greift sich aus der großen Schale auf dem Tisch eine Brombeere.

          An die Wand hat sie den meterlangen Plan der Stände der anstehenden Messe pinnen lassen. Seit anderthalb Jahrzehnten macht sie das hier nun schon. Ihre erste Ausstellung hatte drüben in der alten Mitte stattgefunden, in einem kahlen U-Bahn-Schacht. 70 Kollektionen und dreieinhalbtausend Besucher. Der Anfang war gemacht.

          Tillmann stammt aus Düsseldorf, hat ein Diplom in Bekleidungstechnik und war in den neunziger Jahren durch die deutsche Modeszene gezogen. Sie landete in Berlin und wollte hier auf eigene Rechnung arbeiten. 2003 veranstaltete sie die erste Ausstellung. 2005 kaufte sie mit ihren einstigen Partnern den alten Dresdner Bahnhof mitten in der Stadt und baute ihn zur Messehalle aus. 2007 initiierte sie als Beraterin der IMG die Berliner Fashion Week. Heute arbeitet sie unter der eigenen Firma und unter eigenem Dach.

          Ein Hauch Silicon Valley in Berlin

          Hohe Mauern, riesige Hallen, roter Backstein. Der renovierte Komplex liegt gleich hinter den Büros. Gebäude aus der ersten deutschen Gründerzeit, gefüllt mit neuem Leben. Nach Beton, Stein und Glas steckt Tillmann ihr Geld in Bits und Bytes. Ohne Smartphones, sagt sie, gehe nichts mehr. Nicht im Einkauf und nicht im Verkauf. Der Bildschirm des Smartphones ist das Kaufhaus-Schaufenster des 21. Jahrhunderts.

          Tillmann spricht von Technik und Textilien, von Trends und Netzwerken, von Friends und Communities (Freunden und Netzwerken). Seit drei Jahren hat sie neben ihren Messen und Events auch eine eigene Konferenz. Digitalisierung der Mode. Vor ihrem Mikrofon stehen viele, die viel zu sagen haben. Programmierer und Textilingenieure, Netzwerktechniker, Investoren und Designer. Nun geht sie die nächsten Schritte.

          Gerade kaufte Tillmann sich in ein Berliner Start-up ein. Mit „veee.com“ geht sie ins Netz. Kein virtuelles Messeprogramm, sondern eine digitale Plattform für Modefirmen aller Arten und Größen. Schauen, Klicken und Bestellen. Ein Hauch von Silicon Valley am Gleisdreieck in Berlin. Firmen können auf „Veee“ Profile anlegen, Marken, Trends und Produkte zeigen, Geschichten erzählen, in Wort und Film.

          Was locker, leicht und immer auch ein wenig lächelnd daherkommt, ist ein schwer umkämpfter Markt. Auf ihm geht es längst nicht mehr nur um Schnitte und Stoffe, Stile und Trends; es geht um Daten. Denn der Kauf des nächsten Kleides oder T-Shirts oder des nächsten Paars Schuhe ist nur einen Mausklick entfernt – schöne neue Modewelt: hart und schnell.

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