https://www.faz.net/-hrx-8l9zf

Geschlechterrollen : Alles ist nur eine Attitüde entfernt

  • -Aktualisiert am

Männlich? Weiblich? Bei Vetements lässt sich das Geschlecht des Trägers kaum an der Kleidung ablesen. Bild: dpa

Die Mode ist Spezialistin im Verwirrspiel der Geschlechterrollen. Über die Freiheit des androgynen Stylings in bedrohlichen Zeiten wie diesen.

          5 Min.

          Es hilft sehr bei der Freude über den Trend zur androgynen Mode, wenn man als Frau bereits mehrfach für einen Mann gehalten wurde. Ohne es zu beabsichtigten, vielleicht einfach der Körpergröße oder einer Vorliebe für weite Wollpullover wegen, was weiß man schon über die Augen der anderen. Deren Aggression gibt mehr Auskunft. „Rübe ab“, zischt ein Mann an der Haltestelle. Irgendetwas schürt seinen Hass. Sogar schöne Fashion-Models können davon berichten.

          Die Amerikanerin Rain Dove zum Beispiel - ein schönes Fashion-Model - erzählt in einem Radio-Interview von Pfeffersprayattacken, denen sie sich nichtsahnend ausgesetzt sah. Man verlangte nach ihrem Personalausweis und hielt die beeindruckend androgyne Erscheinung so lange für potentiell kriminell, bis sie als „ultimatives Mittel“ ihre nackten Brüste zeigte. Dann war die Sache klar; die Situation beruhigte sich, jedenfalls für alle diejenigen, die es gerne eindeutig haben.

          Man kennt diese Art der Ablehnung, oder man kennt sie eben nicht. Darüber entscheidet man nicht selbst. Wichtig scheint sowieso nur, dass man sich Verbündete holt, und hier kommt die Mode ins Spiel, diese große Lehrmeisterin, diese Rächerin aller Außenseiter.

          Der aggressive Vertreter des „Normalen“

          Man müsste die aggressiven Vertreter des „Normalen“ eigentlich mal direkt in Laufstegnähe plazieren und sie der eleganten Schönheit der Herbst-Kollektion von Céline unter Phoebe Philo überlassen, dem Anblick eines schwarz-glänzenden, ärmellosen Seidenkleides etwa, das über eine aufwendig gearbeitete Taille verfügt und zusammen mit robust ausgestellten, beigen Hosen und breit geschnitten Sandalen getragen wird. Auf großem Fuß laufen diese Frauen an der Dummheit aller Klischees vorbei und lassen die Feinde der Freiheit nach Luft schnappen.

          Ähnlich würde der Anblick der Männer wirken, die für Haider Ackermann das Verwirrspiel des Androgynen zelebrieren. In ihren glänzenden, taillierten Jacken, ihren dunkel leuchtenden Mänteln und der Attitüde einsamer Spaziergängerinnen wären sie eine Provokation für jeden, der die Geschlechterbilder auch nicht für eine Sekunde im Ungewissen lassen kann.

          Und was wäre mit den ehrfurchtgebietenden Riesinnen eines Marc Jacobs? In ihren weitausgestellten Röcken und überdimensionierten Jacken sprengen sie jedes Bild der holden Weiblichkeit. Auf keinen Fall dürfen sie in dieser Rachephantasie fehlen. Auch die wunderschönen Clowns aus dem Atelier Viktor & Rolf nicht, deren Kleider und Mäntel aussehen, als hätten nicht Menschenhände, sondern Kobolde und Feen sie kreiert.

          Hierarchische Systeme in der Mode

          Zum Schluss trägt die Braut ein Zauberkunststück aus Tüll und auf dem Kopf einen schiefen schwarzen Zylinder. Ist sie männlich? Ist sie weiblich? Es ist ein anrührender, melancholischer Anblick, Virginia Woolfs „Orlando“ könnte einem dazu einfallen.

          Das ist die stärkste Antwort, diese Möglichkeit der Verwandlung, der poetischen Verwirrung. Die Mode kann einen „weiblicher“, „männlicher“ erscheinen lassen, sie kann Grenzen verschieben. Alles ist stets nur ein Kleidungsstück, eine einzige Attitüde entfernt. Diese Freiheit ist das eigentliche Wunder, und sie ist nicht hoch genug zu preisen.

          Zugleich, und das darf man auch nicht vergessen, kann die Mode Hierarchien ausstaffieren. Da wäre das System der Mode, das lange Zeit vorrangig Standes- und dann eben die Geschlechterdifferenz abgebildet hat. Das Androgyne, diese flirrende Unschärfe der Erscheinung, war darin nur schwer zu verstauen.

          Die Hose gehörte dem Mann, der abgeschnürte Atem der Frau

          Für Frauen war sie gewissermaßen tabu, insbesondere im 19. Jahrhundert, das die Frau als hysterisches, restlos durch die eigene Biologie beherrschtes Geschlecht definierte. Kein anderes Jahrhundert hat den Gegensatz im Erscheinungsbild der Geschlechter unversöhnlicher gezeichnet. Die Hosen gehörten dem Mann, die Krinoline und der abgeschnürte Atem zur Frau.

          Jede Ausnahme von dieser Regel war hart zu erkämpfen. Die französische Malerin Rosa Bonheur etwa musste sich eine amtliche Erlaubnis beschaffen, eine „Permission de Travestissement“, um auf der Straße und für den beruflich begründeten Besuch von Pferdemärkten und Auktionen, Männerkleider tragen zu dürfen.

          Der Dandy, der männliche Künstler, brauchte diese Einwilligung nicht. Er durfte die Wand des Biologismus durchbrechen und, anders als seine weibliche Kollegin, die Genderrollen im eigenen Sinne interpretieren.

          Das Androgyne ist in vielen Bereichen tief verwurzelt

          Man ahnt es, die Dinge sind kompliziert. Weshalb es entschieden zu weit führen würde, die tiefen Spuren, die das Androgyne in der Philosophie, der Religionsgeschichte, in der Kunst hinterlassen hat, hier auch nur ansatzweise nachzuzeichnen.

          Oft taucht die Frage auf, ob sich das Männliche und Weibliche im Androgynen gegenseitig zum Verschwinden bringen oder ob darin etwas eigenes Drittes entsteht. Ein Thema der Liebe wird die Androgynie genannt, die Psychoanalyse bringt sie mit der unerfüllbaren Sehnsucht nach der verlorenen Einheit in Verbindung.

          Woolf hielt den Geist des Schöpferischen für androgyn, und am Ende des 20. Jahrhunderts war es mit der Entwicklung demokratischer Gesellschaften, mit dem zunehmend gleichberechtigten Umgang der Geschlechter verknüpft.

          Hochaktuelle Debatte

          Damit ist das Androgyne hochaktuell, und es wird dringend im Kampf gegen Fundamentalismen gebraucht. Nichts ist weiter entfernt von der Freiheit der Mode als die Verschleierung. Nichts zeigt das biologische Geschlecht unausweichlicher an als eine Burka. Genau das ist der sexistische Zweck.

          Die gängigen Begriffe für androgynen Style streichen die Isolation der Geschlechter. Sie lauten „gender neutral“ oder „unisex“, was ein bisschen technisch klingt, aber im Grunde geradezu abenteuerlich romantisch ist. Möglich, dass die junge Generation das Geschlecht nicht mehr so sehr an der Kleidung abliest.

          Judith Butler, amerikanische Philosophin und Philologin, beschäftigt sich in ihren Arbeiten sehr viel mit Geschlechterrollen.

          Das Androgyne - siehe den Erfolg des Modekollektivs Vetements, siehe auch den Meister des gender blurring, Alessandro Michele für Gucci - könnte allmählich zur Selbstverständlichkeit werden. Jede Aggressivität sei aus dem Thema gewichen, schreiben Modekritiker. Man würde von Herzen gerne zustimmen.

          Judith Butler: „Das Unbehagen der Geschlechter“

          Niemand mehr müsste sich für das Androgyne seiner Erscheinung rechtfertigen. Kein Pfefferspray, keine Beschimpfungen wären zu fürchten. Judith Butler, Philosophin und Autorin des epochemachenden Werkes „Das Unbehagen der Geschlechter“, erinnerte vor Jahren in einem Fernsehporträt an den Tod eines jungen Mannes, dessen einzige Schuld es war, mit einem gewissen Hüftschwung über die Straße seiner Kleinstadt zu gehen. Ein paar andere junge Männer konnten es nicht ertragen, ihn „so“ laufen zu sehen. Sie quälten und töteten ihn, sie warfen ihn von einer Brücke und vernichteten seine Spur.

          Diese Dinge passieren täglich. Die Panik vor dem Anderen sitzt tief, und alles, was dagegen helfen kann, ist wichtig. Wie ebender Trend zum Androgynen, wie die Mode selbst, die in bedrohlichen Zeiten eine herausragende Rolle spielt.

          Sie hält alle Varianten im Spiel, es sind Möglichkeiten nicht die Wahrheit. Die superfemininen Abendkleider von Elie Saab gehören deswegen zu ihr genauso wie die schulterfreien Männermäntel von Raf Simons oder ein Unisex-Kapuzenpulli von Demna Gvasalia für Vetements.

          Seit wann genau er seine auffällig weiten und langen Roben trage, wurde der legendäre Editor-At-Large der amerikanischen „Vogue“, André Leon Talley, mal gefragt. Er antwortete, dass er zwar bereits seit seiner Jugend unzählige Kaftane besitze, dass er aber erst den Mut habe, sie im Alltag, also gewissermaßen da draußen anzuziehen, nachdem er Jacobs am Abend des 7. Mai 2012 in einem halbdurchsichtigen Spitzenkleid bei der Met-Gala, dem höchsten Anlass der Modewelt, erscheinen sah.

          Es sei ein prägender Moment der Mode gewesen, erinnert sich der heute 66 Jahre alte Talley, der in seinen Kaftanen stets ein bisschen aussieht wie eine große, schöne, schwarze Frau.

          Weitere Themen

          Die moralische Dimension des Stils

          Hermès-Chefdesignerin : Die moralische Dimension des Stils

          Als Chefdesignerin für Hermès entwirft Nadège Vanhée-Cybulski Kleidung für eine Frau, die stark und sinnlich sein kann. Im Interview spricht sie über ihre Vision von Schönheit, den Weg vom Kind zur Frau – und warum Männer nicht erklären müssen, was sie sind.

          Topmeldungen

          Durch die höchst umstrittenen Cum-Ex-Geschäfte soll der deutsche Staat um rund 10 Milliarden Euro geprellt worden sein.

          Cum-Ex-Skandal : Razzia beim Bankenverband

          Im Skandal um Steuerhinterziehung rund um den Dividendenstichtag durchsucht die Polizei Büros des Verbands der privaten Banken. Die Ermittler könnte interessieren, ob und wie Banken versucht hatten, Gesetzestexte zu beeinflussen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.