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Geschlechterrollen : Alles ist nur eine Attitüde entfernt

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Männlich? Weiblich? Bei Vetements lässt sich das Geschlecht des Trägers kaum an der Kleidung ablesen. Bild: dpa

Die Mode ist Spezialistin im Verwirrspiel der Geschlechterrollen. Über die Freiheit des androgynen Stylings in bedrohlichen Zeiten wie diesen.

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          Es hilft sehr bei der Freude über den Trend zur androgynen Mode, wenn man als Frau bereits mehrfach für einen Mann gehalten wurde. Ohne es zu beabsichtigten, vielleicht einfach der Körpergröße oder einer Vorliebe für weite Wollpullover wegen, was weiß man schon über die Augen der anderen. Deren Aggression gibt mehr Auskunft. „Rübe ab“, zischt ein Mann an der Haltestelle. Irgendetwas schürt seinen Hass. Sogar schöne Fashion-Models können davon berichten.

          Die Amerikanerin Rain Dove zum Beispiel - ein schönes Fashion-Model - erzählt in einem Radio-Interview von Pfeffersprayattacken, denen sie sich nichtsahnend ausgesetzt sah. Man verlangte nach ihrem Personalausweis und hielt die beeindruckend androgyne Erscheinung so lange für potentiell kriminell, bis sie als „ultimatives Mittel“ ihre nackten Brüste zeigte. Dann war die Sache klar; die Situation beruhigte sich, jedenfalls für alle diejenigen, die es gerne eindeutig haben.

          Man kennt diese Art der Ablehnung, oder man kennt sie eben nicht. Darüber entscheidet man nicht selbst. Wichtig scheint sowieso nur, dass man sich Verbündete holt, und hier kommt die Mode ins Spiel, diese große Lehrmeisterin, diese Rächerin aller Außenseiter.

          Der aggressive Vertreter des „Normalen“

          Man müsste die aggressiven Vertreter des „Normalen“ eigentlich mal direkt in Laufstegnähe plazieren und sie der eleganten Schönheit der Herbst-Kollektion von Céline unter Phoebe Philo überlassen, dem Anblick eines schwarz-glänzenden, ärmellosen Seidenkleides etwa, das über eine aufwendig gearbeitete Taille verfügt und zusammen mit robust ausgestellten, beigen Hosen und breit geschnitten Sandalen getragen wird. Auf großem Fuß laufen diese Frauen an der Dummheit aller Klischees vorbei und lassen die Feinde der Freiheit nach Luft schnappen.

          Ähnlich würde der Anblick der Männer wirken, die für Haider Ackermann das Verwirrspiel des Androgynen zelebrieren. In ihren glänzenden, taillierten Jacken, ihren dunkel leuchtenden Mänteln und der Attitüde einsamer Spaziergängerinnen wären sie eine Provokation für jeden, der die Geschlechterbilder auch nicht für eine Sekunde im Ungewissen lassen kann.

          Und was wäre mit den ehrfurchtgebietenden Riesinnen eines Marc Jacobs? In ihren weitausgestellten Röcken und überdimensionierten Jacken sprengen sie jedes Bild der holden Weiblichkeit. Auf keinen Fall dürfen sie in dieser Rachephantasie fehlen. Auch die wunderschönen Clowns aus dem Atelier Viktor & Rolf nicht, deren Kleider und Mäntel aussehen, als hätten nicht Menschenhände, sondern Kobolde und Feen sie kreiert.

          Hierarchische Systeme in der Mode

          Zum Schluss trägt die Braut ein Zauberkunststück aus Tüll und auf dem Kopf einen schiefen schwarzen Zylinder. Ist sie männlich? Ist sie weiblich? Es ist ein anrührender, melancholischer Anblick, Virginia Woolfs „Orlando“ könnte einem dazu einfallen.

          Das ist die stärkste Antwort, diese Möglichkeit der Verwandlung, der poetischen Verwirrung. Die Mode kann einen „weiblicher“, „männlicher“ erscheinen lassen, sie kann Grenzen verschieben. Alles ist stets nur ein Kleidungsstück, eine einzige Attitüde entfernt. Diese Freiheit ist das eigentliche Wunder, und sie ist nicht hoch genug zu preisen.

          Zugleich, und das darf man auch nicht vergessen, kann die Mode Hierarchien ausstaffieren. Da wäre das System der Mode, das lange Zeit vorrangig Standes- und dann eben die Geschlechterdifferenz abgebildet hat. Das Androgyne, diese flirrende Unschärfe der Erscheinung, war darin nur schwer zu verstauen.

          Die Hose gehörte dem Mann, der abgeschnürte Atem der Frau

          Für Frauen war sie gewissermaßen tabu, insbesondere im 19. Jahrhundert, das die Frau als hysterisches, restlos durch die eigene Biologie beherrschtes Geschlecht definierte. Kein anderes Jahrhundert hat den Gegensatz im Erscheinungsbild der Geschlechter unversöhnlicher gezeichnet. Die Hosen gehörten dem Mann, die Krinoline und der abgeschnürte Atem zur Frau.

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