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Model-Trends : Anders schön

Lena Hardt präsentiert die ready-to-wear-Kollektion von Celine, Designer: Phoebe Philo Bild: dpa

Die Anomalie wird normal: Zahnlücke, abstehende Ohren, raspelkurze Haare – nie waren Models so seltsam. In diesem Jahr herrschte auf den Laufstegen eine neue Lust an der Disproportion.

          Abweichung wird bestraft. Als Gigi Hadid im September für Tommy Hilfiger über den Laufsteg gelaufen war, musste sie mit Häme aus dem Netz leben: „Alle anderen Models hatten einen besseren Körper“, schrieb einer. Ein anderer meinte: „Wie kann man als Model so fett sein?“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wie kann man als Mode-Fan so kurzsichtig sein? Gigi Hadid mag ein rundes Gesicht haben, und so dürr wie andere Models ist sie nicht – das neue französische Gesetz gegen Magermodels wird sie jedenfalls nicht von der Arbeit in Paris abhalten. Aber das ist es ja gerade: Nicht das Model nach Norm wird heute gesucht, sondern das Model, das abweicht. In der Modeszene wird die Anomalie normal.

          Nie wurde das so deutlich wie in diesem Jahr. Gigi Hadid mit rundem Gesicht, Lara Stone mit Zahnlücke, Lineisy Montero mit Kräuselhaaren, Lena Hardt mit abstehenden Ohren, Ruth Bell mit raspelkurzen Haaren – an vielen Entdeckungen gibt es viel zu entdecken. Die italienische „Vogue“ hat den ganz besonderen Trend schon im Februar in einer Modestrecke zusammengefasst. Titel: „Strange Beauties“.

          Die richtigen Körpermaße bleiben Standard – aber alles andere darf anders sein. Karl Lagerfeld fällt zu Cara Delevingne, dem rebellisch rauhen Mädchen mit den dicken Augenbrauen, die ästhetische Theorie Sir Francis Bacons ein, dass es keine Schönheit ohne eigentümliche Proportionen gebe. Und die hat zum Beispiel Caras Schwester Poppy nicht zu bieten, obwohl – oder besser: weil – sie hübscher ist.

          Übersättigung durch Normalo-Schönheit

          Für den Reiz des Sonderbaren gibt es viele Gründe. In der Modebranche herrscht Reizüberflutung, wie im wirklichen Leben. Am stärksten womöglich bei den Designern und den Casting-Chefs, die für die Schauen und Werbekampagnen die Models aussuchen. Es darf also nicht mehr einfach die gute alte Schönheit ran. Ingo Nolden von der Modelagentur Iconic Management in Berlin fasst es in ein sprechendes Bild: „Wenn man immer Kaviar isst, mag man’s irgendwann auch nicht mehr.“

          Lineisy Montero bei der Präsentation der Frühlings-/ Sommerkollektion von Victoria Beckham auf der New York Fashion Week

          Die Übersättigung durch die Normalo-Schönheit hat auch mit der stark gewachsenen Mode- und Beautybranche zu tun: immer mehr Marken, immer mehr Marketingkanäle, immer mehr Models. Außerdem sind durch die sozialen Netzwerke, vor allem Instagram, inzwischen so viele Trend- und Modelfotos verfügbar, dass sich die eigentliche Szene davon absetzen muss. „Man braucht ein Gesicht, das einen mehr als eine Sekunde am Screen hält“, sagt Yannis Nikolaou von Placemodels in Hamburg. So, wie bei den Mode-Looks, die für den Online-Verkauf auf dem Smartphone funktionieren müssen –, so müssen auch die Model-Looks online funktionieren, indem sie irritieren.

          Vielleicht betrifft es nur die Spitze der Szene, also die Laufsteg-Models. „Die meisten Kunden wollen weiter die Norm“, sagt Claudia Midolo von Modelwerk in Hamburg. „Das heißt für uns: nordeuropäisch, von brünett bis blond.“ Andererseits hat sie vor fünf Jahren selbst ein Model entdeckt, Antonia Wesseloh nämlich, die mit einer besonderen Eigenheit besonders erfolgreich ist: mit ihrer Witwenspitze, dem spitzen Haaransatz.

          Natürlich gab es das Andersschöne auch schon früher. Yannis Nikolaou sagt: „Der Bruch mit der Schönheit kam schon mit Kate Moss vor 25 Jahren.“ Nach der Ära der superschönen Supermodels wie Claudia Schiffer, Linda Evangelista, Cindy Crawford oder Christy Turlington brauchte die Szene ein Gegengift. Karen Elson mit Glupschaugen und roten Haaren taugte dafür in den Neunzigern schon gut. Ein Extrem war dann aber Kristen McMenamy, mit abrasierten Augenbrauen, schwarz gefärbten Grunge-Haaren, außerirdisch hässlich, erst recht, als Juergen Teller sie fotografierte. Auch Stella Tennant jagte dem Publikum in ihren besten Zeiten einen Schrecken ein. Schön war das alles nicht.

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