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Alicia Drakes erster Roman : Die Stadt als Spiegel und Bühne

Alicia Drake, hier im Café Fleurus, hat einen klaren Blick auf die feinen Unterschiede in dieser Stadt. Bild: Frank Röth

„Du bist, was du isst“ oder „Kleider machen Leute“? Die Modejournalistin Alicia Drake zeigt in ihrem Buch, dass es in Paris vor allem darauf ankommt, wo man wohnt. Ein Roman über das Befremden von dieser Welt.

          Am Ende hatten wir über die Sache mit Lagerfeld gar nicht gesprochen. Über die Sache mit Lagerfeld spricht eigentlich jeder, der mit Alicia Drake spricht. Es gibt keinen Artikel über sie, der Lagerfeld nicht erwähnt. Aber wir haben ihn im Gespräch einfach vergessen. Genauso wie Victoria Beckham.

          Im „Café Fleurus“ treffen wir Alicia Drake nicht der Mode und nicht ihrer Prominenz wegen. Sondern weil das Café mitten in jenem Pariser Bezirk liegt, in dem ihr erster Roman spielt. Nein, mehr als nur spielt. „I Love You Too Much“ ist ein Roman über diesen Stadtteil, ein Roman dieses sechsten Arrondissements in Saint-Germain am linken Seine-Ufer. Er handelt davon, wie es ist, in diesem Viertel zu leben. Wenn man so will: von der Mentalität dieses Quartiers.

          Die Bedeutung hinter den Ziffern

          Das „Café Fleurus“ ist Teil seiner Geschichte. Einst, von Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an, war es die Stammkneipe von Künstlern wie Camille Corot, Auguste Toulmouche und Jules Breton. Der Journalist Henri Murger, der das Buch „La Bohème“ schrieb, aus dem bei Puccini eine Oper wurde, verkehrte hier, und es gingen die Redakteure der berühmten „Revue des Deux Mondes“ im „Fleurus“ ein und aus. Heute, eine Bohème gibt es schon lange nicht mehr, ist es ein Tabak-Café voller Spiegel, von denen noch die Rede sein wird.

          Alicia Drake ist aus Oxford angereist. Bis vor kurzem hat sie in Paris gelebt, als Modejournalistin. Im sechsten Arrondissement aber erst ganz am Schluss. Man wohne sich, sagt sie, sofern es das Einkommen zulasse, als Neuankömmling in Paris langsam an die beliebtesten Viertel heran. 11 – 9 – 2 – 1 – 6: Das war, sagt Drake, die Sequenz der Stadtviertel, in denen sie, ihr Mann, ein Anwalt, und ihre schließlich fünf Kinder in Paris während der letzten 18 Jahre lebten.

          Die Rue d’Assas

          Jeder Pariser kann eine solche Ziffernfolge entschlüsseln. 11: République, einst nordafrikanisch, inzwischen aber „Bobo“, bourgeois bohémien. 9: Der Theaterbezirk, hier wohnen Leute, die zwischen Moulin Rouge und Bankenviertel noch nicht festgelegt sind. 2: nicht minder zentral, aber unbürgerlich, in der Nähe von Handwerk und Prostitution. 1: noch zentraler, aber eigentlich lebt dort, beim Louvre und an der Place de la Concorde, niemand. 6: oben angekommen.

          „Dann seid ihr tot“

          Man kann diese Abfolge als ökonomischen Aufstieg oder als kulturelle Verspießerung deuten, als normal oder ungewöhnlich, und nicht zuletzt als Hinweis darauf, dass die Familie Kinder bekommen hat und gute Schulen suchte. Denn es zählt in dieser Stadt viel und viel mehr als in anderen Metropolen, wo man wohnt. Es sagt angeblich etwas aus, weshalb manche Leute, wie man in Frankreich sagt, ihre Großmutter an den Zirkus verkaufen würden, um eine Wohnung im Fünften, Sechsten oder Siebten zu bekommen.

          „Eigentlich kann man überhaupt nur im Sechsten leben“ - die einfache Frage, woher das Gegenüber kommt, bringt bei Abendeinladungen solche Sätze hervor. „Sie wohnen im Siebten?“ Eigentlich „pas mal“, nicht schlecht, der Eiffelturm steht dort und das Musée du Quai Branly, man trifft Édouard Balladur im „Le Suffren“, das Siebte ist ein grünes Viertel und alles ist voller Hötels particuliers, kleiner Stadtpaläste. Aber die Tischdame stößt nur kurz Luft aus: „Na, wenn Sie meinen.“ Will sagen: Überall sonst ist es kein wirkliches Leben. Überall sonst, außerhalb von Paris. Überall sonst, außerhalb von Saint-Germain. Überall sonst, außerhalb des Sechsten. Einmal, so Drake, sei sie mit ihrer Familie in einen Vorort gezogen. „Dann seid ihr tot“, hätten ihnen die Freunde gesagt. „Niemand wird euch dort je besuchen.“

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