https://www.faz.net/-hrx-7s0xd

Michalsky über die Adilette : „Aus Antimode wird Mode“

  • Aktualisiert am

Kostümbildnerin Aino Laberenz trägt Adiletten auf der Berliner Modewoche Bild: dpa

Adiletten waren einst als Schuhwerk der Stillosen verschrien. Jetzt sieht man sie plötzlich wieder allerorten. Der Designer Michael Michalsky über die sommerliche Rückkehr des Badeschuhs.

          3 Min.

          Herr Michalsky, haben Sie sich erholt von der Berliner Modewoche?

          Ich bin noch dabei. Meine „StyleNite“ ist immer ein großer Kraftakt. Aber bald fahre ich in den Urlaub nach Ibiza.

          Packen Sie auch ein Paar Adiletten ein?

          Nein. Aber nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil ich gerade keine habe. Früher, als Adidas-Designer, saß ich ja an der Quelle und hatte immer die Tollsten. Ich habe im Jahr 2000 sogar mal eine Luxusversion gemacht, mit einer Sohle aus gepresstem Kork wie bei Birkenstock-Sandalen, mit einer Banderole aus Wildleder und drei Streifen aus Python. Die gab es in drei verschiedenen Pastelltönen.

          Durchgesetzt haben die sich aber nicht.

          Nein, die waren teuer und ohnehin nur in limitierter Auflage.

          Und wahrscheinlich nicht repräsentativ für Adiletten. Denn der Witz an den Badeschuhen ist ja, dass sie so einfach sind.

          Ja, weil Adi Dassler ein Genie der Funktionalität war. Die Fußballspieler, die er mit Schuhen ausstattete, wie man auch schön im „Wunder von Bern“ sieht, denn bei der Weltmeisterschaft 1954 war er Zeugwart der deutschen Mannschaft, beschwerten sich, dass es in den Umkleiden und Duschen so schmutzig war. Also entwarf er die Adiletten, mit Saugnäpfen an der Sohle, damit man nicht ausrutscht.

          Eigentlich eine simple Idee.

          Ja, seine genialsten Entwürfe sind Non-Design. Sein Credo war es, den Sportlern das Leben zu erleichtern. Vom Rennschuh für Jesse Owens für die Olympischen Spiele 1936 bis hin zu den Adiletten, die 1963 auf den Markt kamen.

          Andere Badelatschen gab es damals in Deutschland wahrscheinlich kaum.

          Nein, und Flipflops auch nicht.

          Deswegen konnten sie sich auch durchsetzen und der Marken- zum Gattungsnamen werden wie bei Uhu oder Tempo.

          Wobei sie in Amerika „shower slides“ heißen. Die besten Adiletten haben übrigens das Dreiblatt an der Seite, das die Dasslers zu den Olympischen Spielen 1972 erfunden hatten, um ihre Textilien und Schuhe noch besser zu vermarkten. Damals gab es sogar Clogs von Adidas.

          Ohne Adiletten: Michael Michalsky war Designer bei Adidas. Seit acht Jahren führt der Modemacher – hier vor einem Helmut-Fricke-Bild einer seiner Schauen – seine eigene Marke

          Und nun, ausgerechnet zum Jahr der Weltmeisterschaft, sind Adiletten wieder in Mode. In diesem Sommer sieht man sie oft auf deutschen Straßen.

          Eigentlich sind sie schon lange in Mode. In Amerika laufen die Leute aus der Skateboard-, Hip-Hop- oder Alternative-Metal-Szene schon immer darin herum. Auch die Hispanics tragen sie, mit weiten Hosen und mit dicken weißen „tube socks“.

          In Deutschland wäre das zu gewagt.

          Ja, hier können das nur die Modeblogger von „Dandy Diary“ machen. Aber in meiner Adidas-Zeit, also bis vor acht Jahren, war ich oft in Portland im Bundesstaat Oregon, dem Epizentrum der amerikanischen Sportartikelbranche: Da schlappen die Leute im Winter mit Starbucks-Kaffee in der Hand und Adiletten an den Füßen durch den Schnee.

          Wir haben ja hier schon Probleme, im Sommer Füße zu zeigen.

          Aus einem einfachen Grund: Pediküre und Maniküre sind hier längst nicht so verbreitet wie in Amerika, wo man sich mal schnell für zehn Dollar Zehen- und Fingernägel machen lässt. Und es gibt nichts Ekelerregenderes als ungepflegte Füße in offenen Schuhen.

          Hängt der neue Trend nun mit der allgemeinen Lockerheit zusammen?

          Ja, es gibt eine große Renaissance der Sportswear, und die allgemeine Casualisierung schreitet voran.

          Aber wer kann die Schlappen zum Beispiel bei der Arbeit tragen?

          Moderedakteure, Trendladenbesitzer, Webdesigner, App-Entwickler... In meiner Firma wird es sogar begrüßt.

          Wenn also Kostümbildnerin Aino Laberenz bei einer Modenschau in Berlin mit Adiletten in der ersten Reihe sitzt...

          ...ist das ganz normal. Bei meiner Modenschau trat Popsängerin Rita Ora auf. Als ich sie im Hotel begrüßte, kam sie auch so an.

          Man schlappt so von Los Angeles nach Berlin, als wäre man überall zu Hause.

          Eine Badeschlappe geht um die Welt.

          Komischer Zufall, dass gerade auch viele Birkenstock-Sandalen herumlaufen.

          Bei denen ist es auch das fünfte Revival. Die meisten verbinden Birkenstocks mit der friedensbewegten Atomkraft-nein-Danke-Zeit. Das hält mich noch immer davon ab, sie zu tragen, obwohl auch Freunde von mir darauf schwören. Diesen Touch haben Birkenstocks aber nicht in Kalifornien oder in Tokio, wo sie schon seit Jahrzehnten in sind, obwohl sie dort viel teurer sind.

          Erst über den internationalen Ruf kommen also diese deutschen Produkte wieder in Deutschland an?

          Ja. Man sieht in den People-Magazinen viele Prominente tagsüber in Birkenstocks. Bei diesen Sandalen kommt hinzu, dass ökologisches Bewusstsein und Nachhaltigkeit Makro-Trends sind.

          Sind diese beiden Produkte vielleicht auch ein Hoffnungszeichen für die darbende deutsche Schuhbranche?

          Hoffentlich. Ich arbeite jetzt in der dritten Saison zusammen mit Kennel & Schmenger, einer der letzten Schuhfabriken in Pirmasens, dem alten deutschen Schuhzentrum. Die kommen gut an, weil das Qualitätssiegel „Made in Germany“ noch immer etwas Besonderes ist. Aber die Branche existiert leider fast gar nicht mehr.

          Wie kann denn nun ein funktionales Produkt Mode werden?

          Aus Antimode ist bei Adiletten und Birkenstocks Mode geworden, wie beim Punk in den späten Siebzigern. Das sind immer die coolsten Sachen, und sie bleiben lange, wie man zum Beispiel an Jeans oder Sneakern sieht. Adiletten hatten als Synonym für Camper oder Fußballfans lange ein schlechtes Image. Jetzt werden sie aus diesem Zusammenhang gerissen und in einen neuen Kontext gesetzt. Birkenstock kümmert sich gar nicht um Trends, deshalb sind sie Trend. Das Antimode-Statement wird also Mode. Das muss man erst einmal hinbekommen.

          Die Birkenstock-Sandalen könnten fast von Miuccia Prada stammen.

          Ja, Phoebe Philo von Céline hat sie nicht umsonst mit Nerz veredelt.

          Vielleicht ist das Ganze ja nur eine Gegenbewegung zu den letzten Sommer-Fuß-Trends, nämlich Croqs, Flipflops und Espadrilles.

          Kann man auch so sehen.

          Was kann ein Designer von solchen Produkten lernen?

          Form follows function. Darin war Adi Dassler ein Genie. Adiletten sind inzwischen Design-Klassiker.

          Also, in welchen Latschen laufen Sie nun in Ibiza über den Strand?

          Wahrscheinlich werde ich mir jetzt gleich mal ein Paar Adiletten besorgen, die Schwarzen mit dem Dreiblatt.

          Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

          Weitere Themen

          Von stapelbar bis massiv

          Neue Möbelhersteller : Von stapelbar bis massiv

          Echtstahl, Sitzfeldt, Freifrau – nicht weniger innovativ als ihre Namen sind ihre Designs. Während viele Möbelhersteller vor der Insolvenz stehen, gibt es auch noch erfolgreiche Neugründungen.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.
          Erdogan und seine Partei geben nicht auf:  Statt aus der Schlappe ihre Lehren zu ziehen, rächen sie sich an der Opposition für die Kommunalwahlen.

          Brief aus Istanbul : Die Bank gewinnt, das Gewissen verliert

          In der Türkei treibt die Wirtschaftskrise die Menschen buchstäblich in den Tod. Währenddessen arbeitet der Palast an einer Gesetzesvorlage, die Haftstrafen für jeden vorsieht, der behauptet, der Wirtschaft gehe es schlecht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.