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Michalsky über die Adilette : „Aus Antimode wird Mode“

  • Aktualisiert am

Kostümbildnerin Aino Laberenz trägt Adiletten auf der Berliner Modewoche Bild: dpa

Adiletten waren einst als Schuhwerk der Stillosen verschrien. Jetzt sieht man sie plötzlich wieder allerorten. Der Designer Michael Michalsky über die sommerliche Rückkehr des Badeschuhs.

          Herr Michalsky, haben Sie sich erholt von der Berliner Modewoche?

          Ich bin noch dabei. Meine „StyleNite“ ist immer ein großer Kraftakt. Aber bald fahre ich in den Urlaub nach Ibiza.

          Packen Sie auch ein Paar Adiletten ein?

          Nein. Aber nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil ich gerade keine habe. Früher, als Adidas-Designer, saß ich ja an der Quelle und hatte immer die Tollsten. Ich habe im Jahr 2000 sogar mal eine Luxusversion gemacht, mit einer Sohle aus gepresstem Kork wie bei Birkenstock-Sandalen, mit einer Banderole aus Wildleder und drei Streifen aus Python. Die gab es in drei verschiedenen Pastelltönen.

          Durchgesetzt haben die sich aber nicht.

          Nein, die waren teuer und ohnehin nur in limitierter Auflage.

          Und wahrscheinlich nicht repräsentativ für Adiletten. Denn der Witz an den Badeschuhen ist ja, dass sie so einfach sind.

          Ja, weil Adi Dassler ein Genie der Funktionalität war. Die Fußballspieler, die er mit Schuhen ausstattete, wie man auch schön im „Wunder von Bern“ sieht, denn bei der Weltmeisterschaft 1954 war er Zeugwart der deutschen Mannschaft, beschwerten sich, dass es in den Umkleiden und Duschen so schmutzig war. Also entwarf er die Adiletten, mit Saugnäpfen an der Sohle, damit man nicht ausrutscht.

          Eigentlich eine simple Idee.

          Ja, seine genialsten Entwürfe sind Non-Design. Sein Credo war es, den Sportlern das Leben zu erleichtern. Vom Rennschuh für Jesse Owens für die Olympischen Spiele 1936 bis hin zu den Adiletten, die 1963 auf den Markt kamen.

          Andere Badelatschen gab es damals in Deutschland wahrscheinlich kaum.

          Nein, und Flipflops auch nicht.

          Deswegen konnten sie sich auch durchsetzen und der Marken- zum Gattungsnamen werden wie bei Uhu oder Tempo.

          Wobei sie in Amerika „shower slides“ heißen. Die besten Adiletten haben übrigens das Dreiblatt an der Seite, das die Dasslers zu den Olympischen Spielen 1972 erfunden hatten, um ihre Textilien und Schuhe noch besser zu vermarkten. Damals gab es sogar Clogs von Adidas.

          Ohne Adiletten: Michael Michalsky war Designer bei Adidas. Seit acht Jahren führt der Modemacher – hier vor einem Helmut-Fricke-Bild einer seiner Schauen – seine eigene Marke

          Und nun, ausgerechnet zum Jahr der Weltmeisterschaft, sind Adiletten wieder in Mode. In diesem Sommer sieht man sie oft auf deutschen Straßen.

          Eigentlich sind sie schon lange in Mode. In Amerika laufen die Leute aus der Skateboard-, Hip-Hop- oder Alternative-Metal-Szene schon immer darin herum. Auch die Hispanics tragen sie, mit weiten Hosen und mit dicken weißen „tube socks“.

          In Deutschland wäre das zu gewagt.

          Ja, hier können das nur die Modeblogger von „Dandy Diary“ machen. Aber in meiner Adidas-Zeit, also bis vor acht Jahren, war ich oft in Portland im Bundesstaat Oregon, dem Epizentrum der amerikanischen Sportartikelbranche: Da schlappen die Leute im Winter mit Starbucks-Kaffee in der Hand und Adiletten an den Füßen durch den Schnee.

          Wir haben ja hier schon Probleme, im Sommer Füße zu zeigen.

          Aus einem einfachen Grund: Pediküre und Maniküre sind hier längst nicht so verbreitet wie in Amerika, wo man sich mal schnell für zehn Dollar Zehen- und Fingernägel machen lässt. Und es gibt nichts Ekelerregenderes als ungepflegte Füße in offenen Schuhen.

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