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A.P.C-Gründer Jean Touitou : „Ich will die Menschen befreien“

Jean Touitou, 1951 in Tunis geboren, hat vor 30 Jahren die Pariser Modemarke A.P.C. (“Atelier de Production et de Création“) gegründet. Bild: WireImage

Jean Touitou ist Gründer der Pariser Modemarke A.P.C. Im Interview spricht er über seine trotzkistische Vergangenheit, emanzipatorische Kleidung und politische Rückschritte in der Mode.

          9 Min.

          Herr Touitou, wir haben gehört, dass Sie Deutsch sprechen?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ja, ich habe ein bisschen auf der Schule gelernt. Leider nicht genug, denn die Sprache der Popkultur ist nun mal Englisch.

          Das ist eines der Probleme, die wir mit dem Export der deutschen Sprache haben.

          Ich habe ein paar Sätze vorbereitet auf Deutsch, weil es ja in Interviews auf die genaue Wortbedeutung ankommt. (Auf Deutsch:) „Mein Land ist nicht Frankreich. Mein Land ist die französische Kultur. Ich habe keine Heimat. Meine Heimat ist das Mittelmeer und die französische Kultur.“

          Sie mögen also den französischen Nationalismus nicht?

          So ist es. Man muss da immer genau unterscheiden.

          Aber Sie mögen französische Mode.

          Auch da muss man unterscheiden. Denn viele Marken machen kaum Mode. Sie verkaufen zu 90 Prozent Taschen.

          Die Modenschauen sind also in Wirklichkeit nur eine große Show?

          Genau. Sie verbergen nämlich, dass die Mode nur ein Mittel zu dem Zweck ist, möglichst viele Taschen zu verkaufen.

          Als Sie mit Ihrer Marke im Jahr 1987 angefangen haben, sah das noch anders aus.

          Ja, ungefähr umgekehrt. Da machte die Mode bei vielen noch 90 Prozent aus, die Taschen zehn Prozent.

          Die Marken sind also nicht ehrlich mit dem Publikum?

          So ist es. Versuchen Sie mal, die Kleider, die Sie auf dem Laufsteg sehen, zu kaufen! Als wir für meine Frau ein schönes Kleid einer bekannten italienischen Marke, das wir in einem Magazin gesehen hatten, an der Rue Saint-Honoré kaufen wollten, fragten sie uns: Wollen Sie es wirklich haben? Dann müssen wir es aus London bringen lassen. Es wurden nämlich nur insgesamt drei Kleider produziert.

          Modenschau in der A.P.C.-Firmenzentrale in Paris

          Also hat das Marketing übernommen, und der eigentliche Schaffensprozess und das Produkt sind nicht mehr so wichtig?

          Viele Designer sind sehr begabt und haben viele Ideen. Aber dann gibt es in den Unternehmen eine „commission de normalisation“, so dass die Produkte marktgerecht gestaltet werden.

          Ihre Kollektion für diesen Herbst sieht sehr frisch aus, tragbar, witzig, pariserisch. Wie halten Sie diesen Geist am Leben, wo Sie doch jetzt schon drei Jahrzehnte mit Ihrer Marke A.P.C. dabei sind?

          Der Geist ist noch nicht pervertiert durchs Geld. Die Zahlen in meinem Unternehmen könnten leicht zehn Mal so groß sein. Ich weiß, wie man so etwas macht. Aber ich mache es nicht.

          Das klingt jetzt aber nicht kapitalistisch.

          Das ist eben der Unterschied zwischen Kapitalismus und Finanzkapitalismus. Gegen den Kapitalismus zu sein, das ist wie gegen den Regen zu sein. Kapitalismus ist ja eigentlich nur eine Erklärung von Karl Marx dafür, wie sich Warenströme bewegen. Er hat dann seine Lösung dafür gefunden. 100 Millionen Tote später wissen wir: Das geht so nicht. Was den Kapitalismus angeht: Man darf nicht alles nur dem Markt überlassen.

          Das Produkt muss glaubwürdig sein.

          So gut es geht.

          Sie können aber Ihre Produkte zum Beispiel auch nicht in Frankreich produzieren lassen.

          Nein, das geht nicht. Allein die Herstellung eines Hemds würde 40 bis 50 Euro kosten, plus Material, plus Vertrieb, plus Handelsspanne. Dann würde ein Hemd im Laden leicht 600 Euro kosten. Wir haben die Produktion so lange hier gehalten, wie es eben ging.

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